Eigentlich wird diese Form der Darbietung ja «Slam-Poetry» oder «Spoken Word» genannt, natürlich in englischer Sprache wie alles, was heute Interesse wecken soll. Zum Glück war der Singsaal des Oberstufenzentrums Schützengarten für die vielen Interessierten gross genug.

Gipfel der Freude

Den Titel hat die Künstlerin vermutlich völlig absichtlich so gewählt, auch auf die Gefahr hin, nun immer und ewig an diesem Programm gemessen zu werden. Mehr als den Gipfel der Freude kann man schliesslich kaum erklimmen! Dass dieser «Gipfel» allerdings überhaupt kein Hochgefühl beschreibt, sondern wegen eines hundskommunen Buttergipfels so heisst, liess erahnen, dass in diesem Programm noch viele Überraschungen warten könnten. Stoll versprach, den Gipfel am Schluss ins Publikum zu werfen. Der oder die Glückliche dürfe diesen dann als Trophäe mitnehmen und essen. Und tatsächlich: Der Gipfel wurde als fast letzte «Amtshandlung“ nach dem offiziellen Programm desinfiziert und ins Publikum geworfen! Guten Appetit!


Corona

Was wurde nicht alles abgesagt wegen dieses dummen Virus! Autosalon, viele Messen, Ausstellungen, Theateraufführungen. Und trotzdem: Corona muss nicht meinen, es sei allein auf der Welt. Da gibt es noch ganz andere medizinische Notfälle. Stoll hat dazu eigens eine Solo-Sonate in vier Sätzen geschrieben: «Malato in Ticino». Als Zuschauerin oder Zuschauer leidet man mit ihr mit, wenn sie alles aufzählt, was da dazugehört, immer verbunden mit der passenden musikalischen Bezeichnung, eine Art Höhenflug durch den Unterleib. Geräusche werden vorgemacht, von denen man oft kaum wusste, dass es solche gibt.


Alltagsthemen

Lara Stoll lässt das Publikum teilhaben an vielen Alltagsthemen, an die man selber vermutlich kaum je gedacht hätte. Natürlich, Diskussionen beim Autofahren kennen bestimmt die meisten. Ungeniert beschreibt Stoll auch die Turbulenzen in der Küche, wenn sie mit ihrem Freund kocht. Die ersten zwei Jahre habe das toll geklappt, aber unterdessen sei die Beziehung eingespielt und konfliktreicher. Die erste Hürde scheint unterdessen bereits das Einkaufen zu sein. Die Stimmung kann plötzlich aggressiv werden. Wurde beispielsweise zu viel Pak Choi – ein asiatisches Kohlgemüse - eingekauft hat, kommt bald einmal die Idee auf, langsam über ein Meerschweinchen nachzudenken. Beim Zubereiten scheinen sich die beiden ebenfalls kaum über die Art des Kochgeräts – Römertopf oder Bräter? - einigen zu können. Vermutlich kochen beide ja sogar mit unterschiedlichen Kochbüchern!

Ach, und wie verstaut man einen Staubsauger? Das Problem der staubigen Wohnung ist schnell erklärt: Fürs Herausnehmen des Staubsaugers braucht es einen Helm, weil der Apparat doch so weit oben versorgt ist.

Eine nicht erhaltene Pizza wird gar zu einer Art Tragödie. Dazu muss sich Lara Stoll hinsetzen, derart nimmt sie das Thema her. Sie hat Hunger, hat online bestellt, wartet, wartet... Nach drei Stunden bangen Hinhörens auf die Türglocke weiss sie: Das wird nichts mehr. Wie soll sie nun noch irgendjemandem jemals vertrauen können?

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Die Pizza will und will einfach nicht ankommen! 


Einsatz von Stimme und Gestik

Lara Stoll ist eine eher schmale Person. Aber wehe, wenn die Frau ihre Stimme erhebt! Dann kommen die Lebensgeister in Fahrt, sie beginnt wild zu gestikulieren, verwirft die Arme, rollt die Augen, wechselt das Standbein. Und das passiert gar nicht so selten. Einschlafen kann man bei so einem Programm jedenfalls nicht! Das wäre auch schade, denn da würde man doch manch lebenswichtige Einsicht verpassen. Ihre Zugaben – erst eine Hommage an Bundesrat Parmelin, in welcher sie ihre Französischkenntnisse anbringen konnte – und danach ein Schnarchkurs erster Güte brachten das Publikum nochmals so richtig in Fahrt. Bestimmt wurde diese letzte Nummer in manchem Schlafzimmer später noch selber erlebt...


Schrei nach Mama

Mama könnte in vielen Lebenslagen helfen. Doch die hat nicht immer Zeit. Und wenn sie einmal Zeit hat, dann stellt sie bestimmt die Frage aller Fragen: «Und sonst so?» Einer Mutter kann man auch nie auf Augenhöre begegnen, sie hat immer einen Vorsprung. Warum wollen denn Kinder überhaupt erwachsen werden? Darum zeigt Tante Lara ihren Nichten und Neffen gerne, das man als erwachsener Mensch eine Steuererklärung machen müsse – igitt! Und bleibt selber bei allem Erwachsensein offensichtlich auch gerne weiterhin ein wenig Kind.

Muse

Wer Kunst zu seinem Lebenszweck gemacht hat, braucht bei Denkflauten eine Muse. Lara Stoll fand diese in Oberuzwil im Publikum, fragte erst etwas desinteressiert nach dem Namen des Unglücklichen, den sie aus der ersten Reihe nach vorne zitiert hatte, um dessen etwas leise genannten Namen sofort wieder zu vergessen. Sie brachte es innert kürzester Zeit fertig, den Mann grad mehrmals anders anzusprechen. Er nahm's sportlich, musste ja schliesslich auch nur als Dekoration dienen.

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Jede Künstlerin braucht eine Muse - hier ist es Sepp - oder Guido  - oder ....


Anregung der Hirnwindungen

Ein Programm wie «Der Gipfel der Freude» verlangt vom Publikum einiges. Gerade hat man einen Gedanken aufgenommen, schon ist Lara Stoll bei einem völlig anderen Thema. Man hinkt eigentlich fast immer etwas hinterher. Und es ist vermutlich auch eine Generationenfrage. Während ältere Menschen noch lernen mussten, ihre Sprache zu disziplinieren, nehmen das die «Millenials» viel lockerer. Da darf ruhig mal ein derber Ausdruck fallen, respektlos und anzüglich über Tabus gesprochen werden. Das buntdurchmischte Publikum nahm‘s mit Fassung, staunte oft nur so über all die Unwägbarkeiten des Lebens, die Lara Stoll auf ihrem Weg durch die Jahre offensichtlich zu ertragen hat. Dabei konnte man so schön die eigenen Sorgen auf dieser sprachlichen Achterbahnfahrt vergessen! Mit grossem Applaus bedankten sich die Zuhörer und Zuhörerinnen nach den zwei Zugaben für diese anregenden Gedankenblitze.

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Am Schluss kam für Lara Stoll der Gipfel der Freude in Form einer Oberuzwiler Köstlichkeit, überreicht von Ellen Schout Grünenfelder - verbunden mit lautstarkem Applaus aus dem Publikum. 


Interview

Obwohl Lara Stoll eine vielbeschäftigte Künstlerin ist, welche auf verschiedenen «Hochzeiten» tanzt, nahm sie sich Zeit für ein schriftliches Interview.

Fragen an Lara Stoll

Waren Sie schon in der Schule nie um eine Antwort verlegen?
Ich war und bin zwar eher vom ruhigen Schlag, trotzdem hatte ich durchaus meine Momente als Klassenclownin.

Wann entdeckten Sie diese Begabung des schnellen Wortes?
Für mich gibt es so etwas wie Begabung gar nicht wirklich, Begabung hat immer mit Interesse zu tun und dem Anspruch, besser zu werden. Den ersten Poetry Slam besuchte ich mit knapp 18 Jahren.

Was begeistert Sie an dieser Art Darbietung?
Dass man mit dem Erzählten bei der Zuhörerschaft Bilder erzeugen kann, dass man in dem Moment auf einer Wellenlänge ist und einen Moment teilt.

Sind Sie im persönlichen Leben ebenso schlagfertig?
Nein, ich bin privat eher eine ruhige Person.

Welches ist Ihre grösste Herausforderung vor einem Auftritt?
Dass ich keine Requisiten oder Texte vergesse einzupacken. Packen für den Gig ist ein wichtiges Ritual, das keine Fehler zulässt.

Wie steht es mit Lampenfieber?
Ja, klar. Es braucht aber auch die Aufregung, damit man auf der Bühne genug Energie hat. Nervosität schafft Präsenz.

Was hat sich im Lauf der Jahre an Ihrem Sprachstil geändert?
Keine Ahnung. Bei mir läuft alles recht instinktiv.

Machen Sie sportliche Vorbereitungen auf einen Auftritt, so beispielsweise joggen im Wald, um den Kopf auszulüften oder Atemübungen, um nicht ausser Atem zu kommen?
Nein, aber das sollte ich. Sport ist immer ein guter Ausgleich. Momentan vegetiere ich eher in einer faulen Phase.

Wie sehr hat der Corona-Lockdown ihre Kreativität beeinflusst?
Ich kann nicht Nichts machen, ich hab immer tausend Ideen für Projekte, daher war mir alles andere als langweilig.

Sind Sie ein geduldiger Mensch?
Nein, ich bin schrecklich ungeduldig. Mir geht alles immer viel zu langsam.

Welches Ihrer verschiedenen «Berufsfelder» lieben Sie am meisten?
Ich glaube die Musik. Weil ich dort am freisten bin. Auf der Bühne und im Film arbeitet man vornehmlich mit dem Kopf. Bei der Musik lasse ich mich von meinen Emotionen leiten.

Wo holen Sie sich Ihre Inspiration für neue Nummern?
Aus dem Alltag. Bei Gesprächen mit Freunden.

Machen Sie auch Auftritte in andern Sprachgebieten?
Manchmal in Deutschland, ich bin aber recht reisefaul. Solange es für mich in der Deutschschweiz genügend Auftrittsorte gibt, strebe ich da keine Expansion an.

Stellen Sie Unterschiede in der Publikumsmentalität in verschiedenen Gebieten der Schweiz fest? Wenn ja, welche?
Nein eigentlich nicht. Auch wenn Leute das immer wieder behaupten, meiner Erfahrung nach lässt sich da nichts feststellen.

Gab es während des Lockdowns für Sie Unterstützung von staatlicher Seite oder aus einem Kulturfonds?
Ja zum Glück wurde ich von Kanton und Bund unterstützt, ich kann gar nicht sagen wie froh ich bin, dass wir in der Schweiz dieses Privileg haben.