Heute kann man sich nur schwer vorstellen, wie es ist, wenn der Tod im Alltag allgegenwärtig ist. Unsere Vorfahren waren oft mit ihm konfrontiert. Als die Pestepidemien wüteten, starb rund ein Drittel der Bevölkerung Europas, Historiker gehen von 25 Millionen Toten aus; neuere Forschungen gar von 50 Millionen. Und die hohe Kindersterblichkeit sowie Kriege und Hungersnöte brachten zusätzlich viele Menschen unter die Erde. Im Mittealter erreichte die Hälfte der Kinder keine 14 Lebensjahre. 

In jener Zeit war die Gesellschaft wie eine Pyramide strukturiert, jede Person hatte ihren starren Platz in der Gesellschaft, von gleichen Grundrechten für alle konnte keine Rede sein. Nur vor einem waren Bettler und Könige gleich: dem Tod. 

Vielleicht war dies ein Trost für die Menschen, wenn auch ein zweifelhafter: wenigstens beim Sterben herrscht Gerechtigkeit, niemand bleibt verschont. Alle furchterregenden Heere und alle Truhen voller Goldmünzen waren gegen den Sensenmann machtlos.


Thema in der Kunst 
Im 14. Jahrhundert tauchten in Europa erste bildliche Totentanz-Darstellungen an Friedhofsmauern sowie in oder an Beinhäusern und in Klöstern auf. Das Wirken des allmächtigen Todes bildete zusätzlich Stoff für vierzeilige Verse, die zum Teil in die szenischen Malereien eingearbeitet waren. 

Die Totentanz-Darstellungen könnten mit der Pest in Zusammenhang stehen. Sie wütete ungefähr von 1347-1351. Speziell in der Ostschweiz gab es zudem Pestepidemien zwischen 1610-1635. Es wird vermutet, dass ich viele Wiler vor der Seuche an den Gärtensberg flüchteten, daher steht dort eine entsprechende Kapelle.                                                                                                                                                                                                                                                                  Im Weiteren entstanden Bildteppiche mit diesem Thema sowie Reliefs, Stiche sowie Skulpturen. Die Darstellungen breiten sich über ganz Europa aus, das Sujet zog die Menschen in unterschiedlichen Kulturräumen in seinen Bann. Und es beschäftigte sie in verschiedenen Epochen, Johann Wolfgang von Goethe sowie weitere berühmte Dichter und auch Maler und Komponisten widmeten sich dem Thema, unter ihnen etwa Franz Schubert, Hector Berlioz und Gustav Mahler. Bis in die jüngsten Jahre taucht der tanzende Tod immer wieder in der Literatur, auf der Bühne und im Film auf.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Gedenke der Vergänglichkeit
Wie es ursprünglich zur Darstellung des Todes als Tänzer gekommen ist, weiss niemand so genau. Die damaligen Bildstreifen sollten die Menschen stets an die Vergänglichkeit erinnern; jederzeit konnte sie der Tod ereilen. Ihre irdische Existenz und ihre gesellschaftliche Stellung war befristet. Das Memento mori – die ständige Erinnerung an die eigene Sterblichkeit – war damals ein wichtiger Inhalt der Glaubenslehre und sollte die Menschen zu einem sittsamen Leben ermahnen. 

Die Heilkunde steckt noch in den Kinderschuhen, einzig ein gottgefälliges Leben erhöhte die Chancen, noch lange nicht vom Tod umtanzt zu werden. Da im Mittelalter nur eine kleine Minderheit Lesen und Schreiben konnten, wurde die Glaubenslehren oft in Bildwerken verbreitet.

Beinhaus in Wil 
Auch in Wil gab es einst eine eindrückliche Darstellung des mit den Lebenden tanzenden Todes. Das Bildnis war im Beinhaus neben der St. Peter Kirche angebracht. 

Die Kirche selber wurde um das Jahr 1000 erbaut. Es gibt Hinweise auf einen Vorgängerbau an jener Stelle, die aber nicht ausreichend belegt sind. Seitlich wurde eine Liebfrauenkappelle errichtet, in der die berühmte Wiler Madonna aus dem Jahr 1160 aufgestellt war und verehrt wurde. Sie zog viele Pilger an. Die Liebfrauenkapelle wurde erstmals 1425 erwähnt. Direkt an die Kapelle wurde ein Beinhaus mit einer weiteren Kapelle angefügt, in dem Hunderte von Schädeln und Knochen gestapelt waren. Dieser Bau war grösser und breiter als die Liebfrauenkapelle. 

Auf Verputz gemalt 
1886 wurde das Schiff des Gotteshauses durch einen Neubau ersetzt. In diesem Zusammenhang wurde auch das Beinhaus mit Kapelle abgebrochen. Beide Gebäude waren im Inneren ausgemalt. Im Beinhaus war unter anderem der Totentanz als eindrückliches Freskobild von rund 14 Länge und 130 Zentimeter Höhe angebracht. Sehr wahrscheinlich wurde es um 1522 ausgeführt. Wer es geschaffen hat, ist unbekannt, da zu jener Zeit Künstler nur ausnahmsweise namentlich erwähnt wurden.

Es zeigte einen spätmittelalterlichen Totentanz im Stil der Frührenaissance in Freskotechnik. Dabei werden Schichten von Verputz aus einem Gemisch aus Kalk, Sand und Wasser auf die Wand aufgetragen. Anschliessend wird die Entwurfzeichnungen durch Durchpausen auf den Verputz aufgetragen. Mit Kalkfarben wird das Bild anschliessend coloriert. Der Künstler trägt nur so viel Verputz auf, wie er an einem Tag zu bearbeiten vermag.

Nicht mehr der Zeit entsprechend 
Auf Geheiss des Fürstabtes Sfondrati wurden die Gebeine 1688 beerdigt. Der aus Mailand stammende Theologe gilt als Reformer. Als Spätfolge der Reformation waren viele Kirchen in einem vernachlässigten Zustand. Möglicherweise hielt Sfondrti Beinhäuser und Totentänze für nicht mehr zeitgemäss. Der Wiler Totentanz wurde im 18. Jahrhundert übertüncht, ob auf Geheiss von Sfondrati ist unklar.

1879 wurde das etwas makabere Bildnis wieder freigelegt. Doch lange konnte er nicht mehr bewundert werden, wie oben erwähnt, wurde das Beinhaus mit Kapelle sieben Jahre später zusammen mit dem ursprünglichen Kirchenschiff beseitigt und durch einen Neubau ersetzt. Dabei wurde auch der Totentanz zerstört.

Wert rechtzeitig erkannt 
Professor Hans Rudolf Rahn war zur Zeit des Abrisses des Beinhauses ein in der Schweiz sehr angesehener Kunsthistoriker. Er muss den hohen historischen und künstlerischen Wert des Wiler Totentanzes erkannt haben. Es wird vermutet, dass er Joseph Regl, Lehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich, mit dem Kopieren von Totentanz-Figuren beauftragte.

Der Bildhauer und Restaurator Regl fertigte von zwölf Motiven Durchzeichnungen auf Papier an. Anschliessend zog er die Konturen mit Tusche nach und malte sie Temperafarben aus. Wie viele Figuren der Wiler Totentanz ursprünglich umfasste ist ungeklärt; es werden 24 vermutet. Da einige in einem sehr schlechten Zustand waren, kopierte Joseph Regl lediglich deren zwölf, zusammen mit den entsprechenden Versen. Lange galten die Kopien als verschollen – bis sie 2009 als Überraschungsfund in einer Truhe im Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen wieder auftauchten.

Keiner wird verschont 
Dank ihnen und der schriftlichen Beschreibung von Rahn weiss man heute einiges über das Aussehen des Wiler Totentanzes. Unter anderem schreibt er: „Die Folge beginnt an der Ostwand mit der alten Frau, die Tod mit der Schaufel in der linken Hand am Arm fasst. Es folgen das Kind, der Bauer, der Koch mit der Kelle und der Krüppel. (…) Es folgen weiter der der Arzt, er beschaut das Uringlas, indessen der hinter ihm stehende Tod in beiden Händen eine Knochen schwingt; ein weisser Mönch, der in einem Buche liest in Gegenwart des Todes, welcher auf der Harfe spielt.“

Jede Figur war mit einem Vers kombiniert, zum Ritter hiess es: „Ich hab als ayn ritter gut der Welt gedient in hohemmuth nun bin ich wider ritters orden zu diese tantz gezwungen worden.“