Das zweite Referat am Montag des laufenden Herbstzyklus an der Psychiatrie St. Gallen Nord war mit 30 Teilnehmenden eher mässig besucht. Hingegen vermerkte Edith Scherer von der Angehörigenberatung, dass der Vortrag vor einem Monat gut 170 Mal online angeklickt wurde. Diese Dienstleistung wurde wegen den neuen Coronaregeln eingeführt und scheint sich zu bewähren. Auch das Referat von Hansjörg Rodi, Pflegefachmann und Atemtherapeut an einer Tagesklinik in St. Gallen, wurde am Montagabend aufgezeichnet und kann nachgeschaut werden.

Wenn der Atem stockt

Der Atem und die Psyche seien eng miteinander verbunden, erklärt Hansjörg Rodi gleich zu Beginn seiner Ausführungen. Was wir fühlen, denken oder wie wir handeln, werde stark durch unseren Atem beeinflusst. Umgekehrt wirken sich die Gefühle stark auf die Atmung aus. Die Atemtherapie gehöre zur Komplementärmedizin und werde als Alternative oder Ergänzung zu wissenschaftlich begründeten Methoden der Medizin eingesetzt. Das bewusste Atmen erlebe in den vergangenen Monaten und Jahren einen Aufschwung. Früher habe man eher im spirituellen Bereich mit der Atmung gearbeitet, heute greife man auch im Gesundheitsbereich vermehrt darauf zurück. Die von Stress und Hektik getriebene Gesellschaft von heute habe erkannt, dass achtsames Atmen helfen könne, entspannter zu leben. Wenn uns Ängste und Krisen die Kehle zuschnüren, wenn uns der Atem stockt, wenn wir erschreckt werden oder es uns nicht mehr gelingt, den Moment bewusst wahrzunehmen, dann könne das bewusste Atmen den Gemütszustand der betroffenen Person verbessern und entspannen. Blockaden würden gelöst und Schmerzen gelindert.

Achtsamkeit entspannt

«Achtsamkeit» heisse heute das moderne Wort, das bedeutet, im Hier und Jetzt zu sein. Nicht nur körperlich, sondern auch mental. Dies sei für viele Menschen kein Normalzustand, weil sie mit ihren Gedanken entweder in der Vergangenheit festhängen oder sich mit den Sorgen der Zukunft beschäftigen. Dieses Denken sei meist von der Hoffnung begleitet, dass sich dann irgendwann ein zufriedener Zustand einstellt. Ein achtsamer Mensch hingegen achte auf den Moment, ohne ihn zu bewerten. Bewertung sei der zweite wesentliche Aspekt der Achtsamkeit, sagt Rodi. Wem es gelingt, sich auf den Atem zu konzentrieren, gewinne eher Distanz zu den Gedanken.

Etwa 650 Millionen Atemzüge

In der Psychiatrie habe man festgestellt, dass Patienten, die sich mit der Atmung auseinandersetzen, sich wieder besser spüren, sich erleichtert und geerdet fühlen und dadurch mehr Stabilität erfahren. Das Gefühl, selber etwas machen zu können, um den Allgemeinzustand zu verbessern, gebe dem Patienten die Gewissheit, nicht ausgeliefert zu sein. Die Forschung habe festgestellt, dass man mit Atemtherapie gute Effekte erzielen könne. Pro Tag mache ein Mensch ungefähr 22‘000 Atemzüge, das ergebe bei einem 80-Jährigen ungefähr 650 Millionen Atemzüge, die einfach so passieren, ohne dass wir uns Gedanken machen müssen. Ein erwachsener Mensch bringe es auf etwa zwölf Atemzüge pro Minute.

Besser durch die Nase atmen

Eine entspannte und tiefe Bauchatmung stimuliere die inneren Organe, verbessere den Zellstoffwechsel, die Durchblutung, die Verdauung, das Immunsystem und die seelische Verfassung. Wenn wir atmen, werde in der Lunge Sauerstoff aus der Atemluft ins Blut aufgenommen. Gleichzeitig gebe das Blut Kohlendioxid als Abfallprodukt an die Luft ab, damit es zusammen mit dieser wieder ausgeatmet werde. Im Gegensatz zu den positiven gesundheitlichen Wirkungen der Nasenatmung gehen von der Mundatmung ausschliesslich schädigende Einflüsse aus. Die Atemluft gelangt ungefiltert in die Lunge. Bakterien und Viren erreichen direkt den Mundraum. Deshalb sei es wichtig, durch die Nase einzuatmen. Die Nase sorge dafür, dass einströmende Luft sauber, warm und befeuchtet ist. Gleichzeitig atmen Menschen durch sie meist vollständiger aus als durch den Mund. Und das sei die Voraussetzung dafür, wieder tief einatmen zu können.

Wer richtig atmet, baut Stress besser ab

Eine Umfrage bei Atemtherapeuten in der Schweiz habe gezeigt, dass nicht Patienten mit Atemwegserkrankungen die grösste Gruppe sei, die eine Atemtherapie machen, sondern dass es Patienten sind, die unter Stress und Burnout leiden, die am meisten mit ihrem eigenen Atem ihren Zustand verbessern wollen. Ihnen folgen die Patienten mit Ängsten oder Panikstörungen.

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Das nächste Referat am Montag findet am 25. Oktober um 19.30 Uhr in der Psychiatrie Nord in Wil statt. Zum Thema «Psychisch gesund: Was braucht es?» spricht Funda Akkus, Oberärztin Ambulatorium Wil.

Hinweis: Auch dieses Referat kann nachgeschaut werden.