Pfarrerin Meret Engel arbeitet als Seelsorgerin in der Psychiatrie St. Gallen Nord (PSGN) und kennt aus ihrer Arbeit in der Klinik und in Kirchgemeinden, dass Krisen sehr unterschiedliche Facetten haben. Krisenzeiten seien immer mit Fragen verbunden, oftmals gehen die Fragen weit über das Alltägliche hinaus und stellen das eigene Leben in einen grösseren, ganzheitlichen Kontext. «Was trägt mich, wenn mir das eigene Leben fremd wird?» Oder: «Wie kann ich meinem Leben wieder Sinn geben?» Auf spirituelle Fragen gebe es kaum einfache Antworten, sagte sie den gegen 40 Anwesenden gleich zu Beginn des Referates. Die Suche nach der eigenen Spiritualität könne helfen, Ressourcen zu finden und sie zu stärken, damit man den ersten Schritt ins Unbekannte wagt. Doch wie findet man seine eigene Spiritualität, mit der man sich vielleicht noch nie beschäftigt hat?

Die Sehnsucht nach etwas Grösseren

Spiritualität sei die Suche nach einer sinnlich nicht fassbaren und schwer erklärbaren transzendenten Wirklichkeit. Es sei die Sehnsucht nach etwas Grösserem, nicht Erklärbarem, das uns Menschen in unterschiedlichen Momenten berühre, beschreibt die Seelsorgerin die Spiritualität. Musikalische Genüsse, tiefgründige Gespräche und wunderbare Landschaften und Begegnungen können uns Menschen spirituell berühren. Oft hingegen kommen wir an den Rändern des Lebens, das heisst bei Krankheiten, in Krisen, am Totenbett oder nach Unfällen und schweren Verletzungen mit Spiritualität in Berührung. Dort wo es meist schwierig werde und die Menschen das Bedürfnis haben, nicht im Alltäglichen und Oberflächlichen stecken zu bleiben und vieles hoffnungslos und verfahren und endgültig scheint. 

Dazu komme, dass viele Menschen die Sprache der Spiritualität nicht kennen. So sei es wichtig, die Stimmung der Patienten zu spüren und genau hinzuhören im Gespräch. «Was will die Person mir zwischen den Zeilen sagen?», erklärt Meret Engel, sei eine Frage, die sie sich oft stellen müsse. Bilder, Symbole, Gesten können helfen, der eigentlichen Frage nach dem Sinn nachzukommen und im Gespräch zu ergründen. Manchmal sei es die Versehrtheit, die nach einer Operation, einer Diagnose oder einer Krankheit den Patienten beschäftige, oftmals brauchen Menschen einfach die Zeit des Gegenübers, die reine Anwesenheit sei oftmals mehr Wert als tiefgründige Gespräche. Doch nicht jeder wolle oder könne sich mit Spiritualität auseinandersetzen. «Als Seelsorgerin kann man mich auch aus dem Zimmer schicken,» das sei völlig in Ordnung und werde akzeptiert.

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Seelsorgerin und Pfarrerin Meret Engel am letzten Montagsreferat in der PSGN für dieses Semester.


Unterschiedliche Kraftquellen

«Spiritualität liegt immer in der Verantwortung des Betroffenen selber und ist eine Selbstaufgabe und keine Medizin, die einfach so verabreicht werden kann», erklärt sie ernst. Das Angebot, gemeinsam auf den Weg zu gehen, sei ganz wichtig bei der Sinnsuche. Wenn die Welten nicht mehr zusammen passen, wenn alles fremd und anders ist, wenn zum Beispiel eine nahe Person stirbt oder sonst etwas Schreckliches passiert, dann kann die Spiritualität helfen, Kraft zu spenden und Zuversicht zu verbreiten. Manche schöpfen die Kraft aus dem Glauben, andere aus dem Glauben an das Gute im Menschen, viele vertrauen der Gerechtigkeit. Martin Luther King, Mahatma Gandhi und der Dalai Lama waren Pazifisten und Friedensstifter und führten den Kampf gegen Unterdrückung, Diskriminierung und Ungerechtigkeit auf unterschiedliche Arten. Krisen geben die Möglichkeit, das Hamsterrad zu stoppen und den ersten Schritt zur Veränderung zu wagen.

Keine Abkürzung im Leben

Für Meret Engel gehören Krisen im Leben dazu. «Es gibt keine Abkürzung im Leben», sagt sie und meint damit, dass wir auch lernen müssen, einiges auszuhalten. Vieles können wir nicht verändern und so sei es wichtig, das was wir im Kopf haben, auch ins Herz reinzulassen. Wer sich mit der Spiritualität auseinandersetze, könne möglicherweise ein Problem leichter lösen. Sie rät zu Achtsamkeit, Singen, Tanzen, Körperarbeit, Gebet, Gespräch und zur Ritualen. «Wenn wir es schaffen, etwas anzunehmen ohne es zu bewerten, haben wir schon einen guten Anfang gemacht», sagt sie. 

Es sei wichtig, spirituell nicht abzuheben, «bleibt geerdet, lebendig und schaltet den Verstand nicht ab», rät sie den Anwesenden. Gott sei nicht nur im Gebet erreichbar, Gott sei auch zwischen den Kochtöpfen. Die Pfarrerin rät zur Solidarität und Unterstützung in der Gesellschaft, denn schliesslich seien wir alle aufeinander angewiesen. In den Fragerunde bekam Meret Engel von verschiedenen Seiten sehr viel Lob und Anerkennung für ihren tiefgründigen Vortrag. Damit haben die Verantwortlichen der Angehörigenberatung Psychiatrie St. Gallen Nord einen guten Schlusspunkt hinter das vielseitige Herbstsemester gesetzt. Ende Februar wird das Frühlingssemester gestartet.

Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und steht online zur Verfügung.