Häuslenen – Bruno Kneubühler wuchs auf einem Bauernhof am Pfannenstiel auf. Im Gespräch mit Vanessa Sacchet erinnert er sich an diese schöne Zeit zurück. Der seit vielen Jahren in Häuslenen wohnhafte «Kneubi» hält Rückschau auf eine überaus erfolgreiche Karriere im Motorradrennsport.

Frisiertes Töffli

Schon von Klein an liebte ich die Geschwindigkeit. Meine Kollegen und ich schraubten an unseren Töfflis herum. Meines war frisiert und lief 90 Stundenkilometer. Etwas anderes kam gar nicht in Frage. Bis zu uns hoch kam der Polizist ja eh nie. Er hätte sein Velo eine Stunde lang den Berg hinauf stossen müssen, dazu war er vermutlich zu faul. Als Zehnjähriger fuhr ich mit einer Ducati Cucciolo und einer Zweizylinder Motosacoche auf den Wiesen herum und machte das Gras platt. Musste ich die Kühe von der Weide holen, kam ich mit meinem Knattertöff angefahren. Da rannten die Tiere fast von allein nach Hause. Mein Vater fluchte: «Wenn du die Kühe derart erschreckst, geben sie keine Milch.» Er schickte deshalb lieber unseren Hund Barry, um die Tiere zu holen.

Ein vermeintlich gutes Geschäft

Meine Töffli finanzierte ich mir immer selbst. Der Zweizylinder Motosacoche war ein V1000, den ich 1955 für 20 Franken von meinem Sackgeld gekauft habe. Das war damals sehr viel Geld. Wie gesagt fuhr ich damit immer auf den Wiesen herum. An einem Tag beobachtete mich ein Wanderer. Er meinte: «Bueb, ich gebe dir hundert Franken für deinen Töff.» Läck, fünfmal mehr als ich bezahlt hatte, das ist ein Riesengeschäft, dachte ich mir und verkaufte den Töff. Heute wäre er in etwa 40 bis 50 000 Franken wert. Mich interessierte alles, was mit Motoren zu tun hatte. Auf dem Bauernhof fuhren wir Auto und Traktor. Sogar den Traktor hatten wir frisiert. Früher konnte man einfach an der Dieselpumpe schrauben und der Traktor lief schneller. Bevor dann der Vater mit ihm gefahren ist, haben wir Geschwister in zuerst wieder zurückgeschraubt, damit er nichts merkt.

Vom Kunstturner zum Motorradrennfahrer

Ich habe immer gerne Sport getrieben. Ich spielte als Goalie Eishockey, fuhr Skirennen und war zehn Jahre Kunstturner. Während zwei Jahren gehörte ich sogar dem Nationalkader an. Wegen Rückenproblemen musste ich aufhören. Von da an standen für mich nur noch Motorräder im Mittelpunkt und ich turnte als Rennfahrer dann halt einfach auf der Maschine weiter. Ich war der erste, der in den Kurven mit dem Knie die Strecke berührte. Mir hat das gut gepasst, einfach auf der Maschine zu sitzen und das Knie runterzuhalten. Da man früher noch keine Knieschützer kannte, hatte ich immer Löcher in meinem Kombi. 1973 wurde ich, auch wegen meines spektakulären Fahrstils, Werksfahrer bei Ducati.

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Bruno Kneubühler 1974 im Grand Prix Renneinsatz. Bild: zVg


Beginn der Motorsportkarriere

An mein allererstes Rennen kann ich mich noch gut erinnern. Es war im Welschland, am Bergrennen in Bonvillars. Im Training regnete es zuerst. Als dann die Strecke beim zweiten Trainingslauf trocken war, stellte ich die Bestzeit auf. Mein Kollege und ich dachten uns, wow, das ist cool. Wenn das so gut läuft, werden wir weitermachen mit dem Rennen fahren. So hat es begonnen. 1969 debütierte ich dann in der Schweizermeisterschaft. Es waren sieben Rennen. Sechsmal fuhr ich auf den zweiten Platz und in Hockenheim siegte ich. Ich erhielt die Nationallizenz und wurde Schweizermeister. So bekam ich die Internationallizenz. 1971 wurde ich erneut Schweizermeister und war stolzer Besitzer der Grand Prix Lizenz. So fuhr ich mit 26 Jahren erstmals Weltmeisterschaftsrennen. Erst in diesem Alter anzufangen, ist heute kaum mehr denkbar. Man würde als alter Mann gelten. Ich bin weltweit der einzige Rennfahrer, der in allen fünf Klassen, sprich 50, 125, 250, 350 und 500 Kubikzentimeter, WM-Punkte geholt hat. 1973 bin ich am selben Tag drei Rennen gefahren: 50, 250 und 500 Kubik. Der Unterschied von 50 zu 500 Kubik ist riesig, wie Tag und Nacht. Ich hatte trotzdem keine Mühe, von einem Motorrad zum anderen zu wechseln. Am Grand Prix in Madrid fuhr ich am selben Tag bei den 50ern, 250ern und 500ern in jedem Rennen auf den zweiten Platz. In der 500 Kubik Klasse führte ich sogar bis eine halbe Runde vor Schluss. Dann ist der Auspuff abgebrochen und Phil Read konnte mich noch überholen.

Der Rennzirkus, eine grosse Familie

Wenn wir Rennen gefahren sind, waren wir Konkurrenten - im Fahrerlager dagegen Freunde! Am Abend haben wir grilliert, zusammen etwas getrunken und hatten den Plausch. 1972 besass ich ein grosses Zelt, in dem wir geschlafen haben. Wenn wir an unseren Maschinen herumbastelten, mussten wir die Schlafkabine herausnehmen. Am Abend stellten wir unsere Motorräder in die Ecke und die Schlafkabine wieder zurück ins Zelt. Früher haben alle Fahrer bis tief in die Nacht an ihren Motorrädern geschraubt. Um vier Uhr morgens sind wir kurz schlafen gegangen, um acht Uhr war das Training. Bei uns haben früher die Frauen im Fahrerlager die Wäsche aufgehängt. Ich erinnere mich daran, wie der fünfjährige Valentino Rossi, heute einer der grössten Stars der Szene, von morgens bis abends mit seinem Töffli im Fahrerlager herumgekurvt ist. Auch mein Junior Marco, damals sieben Jahre alt, fuhr uns mit seinem Minibike die ganze Zeit um die Ohren. Wenn ich jeweils vom Training zurückkehrte, stellte ich den Töff auf den Bock und habe daran herumgeschraubt. Ich sehe den Kleinen heute noch vor mir, wie er dann ebenfalls sein Töffli direkt hinter mir aufgebockt hat. Wenn ich die Zylinder abgeschraubt habe, hat auch er die Zylinder seines Töffs abgeschraubt. Schaut man sich die heutigen Rennen an, wäre so etwas undenkbar. Heute herrscht ein straffes Programm und im Fahrerlager muss alles picobello aussehen. Wir waren damals viel freier. Auch die Sponsoren waren mehrheitlich Sponsoren aus Plausch. Die heutigen sind sehr streng. Sie investieren Millionen und wollen Leistung sehen. Früher kam ein Journalist nach dem Rennen zu mir in den Wohnwagen, hat mich Sachen gefragt und aufgeschrieben. Manchmal gingen wir auch zusammen zum Nachtessen. Heute haben die Fahrer Pressesprecher, die Communiqués verfassen. Jeder Journalist bekommt einen Zettel und fertig.

Eine Motorenausleihe mit Happyend

Fahrer von damals, zum Beispiel Kenny Roberts, Kevin Schwantz, Randy Mamola, Paolo Pileri, Pentti Korhonen und viele andere, sehe ich noch regelässig an Motorrad Oldtimertreffen. Das ist jedes Mal sehr lustig und wir erzählen uns alte Geschichten. So erinnere ich mich beispielsweise noch gut daran, wie Paolo Bianchi, ein grosser Konkurrent von mir, einst an einem Rennen ein Problem mit seinem Motor hatte. Er bat mich, ihm einen Motor zu leihen, ich hätte ja zwei. Ich sagte zu, stellte aber zur Bedingung, dass Bianchi seine Rennmaschine in meinen Truck stellen muss und seine Mechaniker den Motor dort einbauen. Nach dem Rennen müsse der Töff direkt zu mir zurück und der Motor bei mir wieder ausgebaut werden. Bianchi war einverstanden. Ich wollte keinesfalls, dass mein Motor über Nacht bei Bianchi ist, denn er und seine Mechaniker hätten ihn mit Sicherheit bis ins Detail inspiziert. Bianchi war dann Gott sei Dank im Rennen nicht schneller als ich. Mit Bianchis Sohn, er war ein grosser Fan von mir, schloss ich manchmal vor den Rennen Wetten ab. Es ging jeweils um ein Glace. Wenn ich vor seinem Vater platziert war, musste der Kleine es bezahlen, wenn nicht, ich. Bei der Motorausleihgeschichte sagte ich zu Paolo: Ich gebe dir meinen Motor, aber du gibst mir dafür deinen Sohn. Der Kleine musste das gehört haben, und da er wusste, wie dringend sein Vater diesen Motor braucht, bekam er so grosse Angst, dass dieser ihn deswegen tatsächlich weggeben würde, dass er an Nervenfieber erkrankte. Am Abend mussten sie mit ihm deshalb sogar nach Léman ins Spital. Der Kleine hat mir unheimlich leidgetan. Das war mir eine Lehre und ich habe nie wieder einen solchen Spruch gemacht, wenn Bianchis Sohn in der Nähe war.

Mit 43 Jahren die Rennkarriere beendet

Das Preisgeld damals war nicht schlecht. In der 50 Kubikzentimeter-Klasse gab es 500 bei den 500ern 6000 Franken. Man konnte davon leben. Jedoch nicht so, wie die Stars heute, die Millionen verdienen. Aber ich bereue nichts. Wir hatten den Plausch und ich bin in der ganzen Weltgeschichte herumgekurvt. Ich darf auf 20 Jahre bewegten Rennsport zurückblicken und bin dankbar, dass ich in all den Jahren keine schweren Verletzungen erlitten habe. Natürlich gab es Unfälle. Einmal habe ich mir das Bein und einmal das Handgelenk gebrochen. Wenn ich gestürzt bin, war immer ein Defekt an der Maschine die Ursache und nie ein Fahrfehler. Mit 43 Jahre habe ich aufgehört. Bis heute bin ich der älteste Grand Prix Fahrer aller Zeiten und Valentino Rossi der zweitälteste. 1992 machte ich die Ausbildung zum Fahrlehrer. Noch heute, mit 75 Jahren, unterrichte ich Motorradfahrstunden. Töfffahren ist meine Leidenschaft, mein Virus, mein Leben! Daran wird sich nie etwas ändern!

Vanessa Sacchet