Der Stadtweier mit Perspektive auf die Altstadt ist ein sehr oft fotografiertes Sujet. Bald wird die Schokoladenseite Wils nicht mehr nur etwas fürs Auge bieten, auch der Gaumen soll auf seine Rechnung kommen. In den Sommermonaten bietet sich in der Mittagspause täglich das identische Bild unterhalb der Altstadt: Auf den Sitzbänken und auf dem Holzplateau verzehren Menschen ihre Sandwichs sowie ihre Mahlzeiten aus Tupperwaredosen. Gleichzeitig suchen die Graureiher mit wachem Blick und gespanntem Körper das Wasser nach einem Schnellimbiss ab, kommentiert vom Krächzen und Schnattern der Blesshühner und der Enten. An sonnigen Sonntag schlendern Familien dem Weierufer entlang und die Kinder geniessen die Geräteangebote des Spielplatzes.

Fehlende Verpflegung
Die Region ist ein exemplarisches innerstädtisches Naherholungsgebiet wie es in jedem Lehrbuch stehen könnte, - für viele mit einem Manko: Seit Jahren werden verschiedene Stimmen laut, die am Wiler Weier einen Imbiss- oder Glacéstand oder ähnliches vermissen.

Startverzögerung
Dies soll sich nun ändern. Auf einen von der Stadt ausgeschriebenen Wettbewerb sind verschiedene Konzeptvorschläge eingegangen. Anfangs März wurde das Siegerprojekt mit dem Titel `Altstadtgarten` öffentlich vorgestellt.

Das Design wurde von der St. Galler Firma COOC. and coherent AG erarbeitet. Für die Umsetzung ist die Oberuzwiler Firma Einfall 7 vorgesehen.

Als Betreiber wurden die in Wil aufgewachsenen Raphael Zängerle, Sandro Grüninger und Thiemo Fisch bestimmt. Sie sind Fachleute in den Bereichen Getränkebranche, Nahrungsmittelindustrie respektive Finanzen und Administration.

Ursprünglich sollte die Testphase Ende Mai den Betrieb aufnehmen. Drei Einsprachen gegen die Baubewilligung führen nun zu einer Startverzögerung.

Abbruch vor 36 Jahren
In nächster Nähe zur geplanten Gastronomiestätte stand bereits einmal ein bei der Bevölkerung beliebter Verpflegungsbetrieb. Im Volksmund hiess er unkompliziert `Bädli`. Etwas sperriger klang sein ursprünglicher Name `Wirtschaft zum Bad Wyl`. Das zuletzt während Jahren leerstehende und etwas baufällig gewordene Gebäude wurde im Herbst 1982 zurückgebaut.

Ehemalige Gartenwirtschaft
Im wahrsten Sinne des Wortes ist längst „Gras über die Sache gewachsen“. An warmen Tagen breiten Erholungssuchende ihre Decken auf dem Rasen aus und geniessen den Blick auf die ziehenden Wolken am stahlblauen Sommerhimmel. Die nahen Bäume spenden ihnen angenehmen Schatten.

Kaum jemand von ihnen weiss noch, dass vor Jahrzehnten genau an der selben Stelle Erholungssuchende in der Gartenwirtschaft des `Bädli` ihr erfrischendes Glacé oder ihr kühles Bier genossen haben.

Ort der Körperpflege
Ursprünglich war das 1844 errichtete Gebäude nicht als Gastronomiebetrieb vorgesehen, es war ein öffentliches Badehaus. Alten Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass in mittelalterlicher Zeit im Umgelände des Stadtweiers ein Badehaus stand. Das `Bädli` war möglicherweise ein Nachfolgebetrieb einer früheren Badeeinrichtung.

Häufiger Wirtewechsel
Bald schon wurde klar, dass nicht nur Flüssiges an der Aussenseite des Körpers geschätzt wird, auch innerlich ist es ein regenerierendes Labsal: ab 1889 war es auch eine Gastwirtschaft. Ab 1890 bewarb ein Pächter sein Angebot, das auch als Abonnement gelöst werden konnte: „Täglich warme Bäder, Sool & Meersalzbäder, Douchen“.

Zwei Jahre danach wurde die neue Kegelbahn eingeweiht. Da das Badehaus ursprünglich lediglich ein Sommerbetrieb war, kam es laut dem Buch `Gastliches Wil` von Willy Olbrich häufig zu Pächterwechseln.

Nur noch Gaststätte
Als im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr Badewannen und auch Duschen in Privathaushalten Einzug hielten, wurden externe Einrichtungen zur Körperpflege kaum mehr nachgefragt. Zudem lockte die in der Zwischenkriegszeit gebaute Badi Weierwise Wasserraten an. In den Jahren vor der endgültigen Schliessung des `Bädli` ist jedenfalls nichts mehr von Badeangeboten für die Bevölkerung bekannt. Das Bedürfnis nach Erholung und Erfrischung am Stadtweier ist geblieben.