Die Geschichte des Wildbergs beginnt Ende des 19ten Jahrhunderts. Das genaue Baujahr lässt sich nicht mehr genau eruiert. Gesichert weiss man, dass im Jahre 1928 ein Bauerngewerbe mit Gaststätte auf dem Wildberg in Vollbrand stand. Im Jahre 1947 – vor 75 Jahren – kaufte schliesslich die Familie Roth den Wildberg. Alois Roth sen. und Rosa Emmenegger führten die kleine Beiz im Nebenerwerb, obendrein bewirtschafteten sie ihren Bauernhof. Die Küche war einfach, warme Speisen suchte man vergebens auf der Tafel. Als Alois jun. ein Jahr alt war, starb sein Vater unerwartet. Und so regierte «Grosi» Rosa auf dem Wildberg ab dem Jahr 1958 allein, später mit ihrem zweiten Ehemann Emil. Die fünf Kinder halfen tatkräftig mit.

Die zweite Generation übernimmt

Im Frühjahr 1985 übernahmen schliesslich Marlis geborene Gemperli und der junge Wisi Roth den Wildberg. Die Konkurrenz im Dorf an Ausgehlokalen war gross, acht weitere Beizen und fünf Bäckereien buhlten um Kundschaft. Kaum mehr vorstellbar in der heutigen Zeit. «Der Gang in die Gaststube bedeutete früher Unterhaltung», so Marlis Roth. Der Stammtisch war Facebook, Tinder und WhatsApp in einem. Der (technische) Lauf der Zeit habe sich zu Ungunsten der Beizen ausgewirkt. Das Traditionsrestaurant auf dem Gipfel des Wildbergs wartet mit einem grossen Pluspunkt gegenüber den Dorfbeizen auf: dem überragenden Blick auf den Alpstein, die Glarneralpen und bei bestem Wetter auf das Calandamassiv. Ein Stück heile Welt da oben, die noch heute gefragt ist.

Schrittweiser Umbau

Beizerin zu werden, war kein Kindheitstraum von Marlis, und dennoch arbeitete sie sich Schritt für Schritt in die Rolle hinein. Anfang der 80er Jahren erwarb sie das Wirtepatent und führte mit Wisi den Wildberg mit viel Kreativität und Weitsicht – aber auch traditionell, zum Beispiel in der Küche. Speck-Chääs, die Cordon Bleus, der Wurst-Käse-Salat, die Metzgete oder das Frühschoppenkonzert an Pfingsten sind weit herum bekannt. Im Jahre 1991 riss Familie Roth den Wildberg bis auf die Grundmauern ab und baute alles neu auf. Es war offensichtlich, dass nach dem Vollbrand in den 20er Jahren nicht viel Geld vorhanden war – viele der Balken waren angebrannt und morsch vom Löschwasser. Es folgte eine schrittweise Sanierung des Gartensitzplatzes, der WC- und der Parkplatzanlage. Viele der treuen Gäste haben sich in ihrer Kindheit bereits auf der antiken Wildberg-Reitschule vergnügt. Das Prachtstück trotzt noch heute Wind und Wetter.

Keine dritte Generation

Bis zum Jahr 1999 führte Wisi seinen Einmann-Maurer Betrieb weiter, ehe er sich entschloss, sich voll dem Wildberg zu widmen – als Koch, weit über die Gemeinde bekannt. Ausser an der Metzgete wechselte er hinter den Tresen, da hatte es ihm zu viel Gschnädder in der Küche. Nach seinem viel zu frühen Tod im Jahre 2017 führte Marlis den Betrieb allein weiter, öffnete gar über Winter. «Corona war einschneidend, aber das Geschäft läuft wieder erfreulich gut.» Sogar etwas wetterunabhängiger als noch früher – auch dank der grossen Stammkundschaft. Aus wirtschaftlichen Gründen habe sie nicht schliessen müssen, so Marlis. Doch der Zahn der Zeit nage auch an ihr, man werde mit dem Alter etwas dünnhäutiger. Natürlich hätte sie sich gewünscht, dass einer ihrer Söhne Peter oder Roman den Betrieb übernehmen würde. Doch der Familienrat war sich einig, dass der Schlussstrich unter die Familientradition richtig sei.

Und nach der Pension? Dann habe sie Zeit für ausgiebige Wanderungen, für die Pilzsuche mit ihren Söhnen, für die Lismete. Ob sie sich vorstellen könne, im Wildberg auszuhelfen? Vielleicht – aber nicht gerade morgen. Die Familie Roth bedankt sich herzlichen für die vielen schönen Momente – bei allen Gästen, dem Personal, Lieferanten und Handwerkern. Fast 100 Mitarbeitende hat man über die Jahre beschäftigen dürfen. Die beiden letzten treuen Seelen haben ihre Zukunft organisiert: Jasmin übernimmt in Nassen selbst ein kleines Restaurant, Koch Thomas gönnt sich erst einmal eine kleine Auszeit. Marlis würde sich freuen, wenn eine Familie mit Kindern das Restaurant in Pacht weiterführen würde, und so das Leben im Wildberg wie in den letzten 100 Jahren weiter ein- und ausgeht.