Fast 30 Jahre lang hatte René Akeret Pionierarbeit in der Suchtarbeit geleistet und die Wiler Integrations- und Präventionsprojekte (Wipp) aufgebaut. Dabei machte er sich weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen. Völlig überraschend kam am 16. Dezember des vergangenen Jahres die Meldung von Akerets plötzlichen Hinschieds. «Das hat uns so richtig durchgeschüttelt», sagt der zuständige Wiler Stadtrat Dario Sulzer. Da zu jenem Zeitpunkt bereits die Leitung der Anlaufstelle Kaktus aufgrund einer Krankheit vakant war, wurden die Verantwortlichen vor eine doppelt grosse Herausforderung gestellt.

Barbara Seger, die unter Akeret die stellvertretende Leitung der Wipp innehatte, übernahm die Leitung von einem Tag auf den anderen interimistisch – und hat sie nun definitiv inne. Denn bei der öffentlichen Stellen-Ausschreibung hat sie «klar obenaus geschwungen», wie Sulzer es formuliert. Seit bald neun Jahren ist Seger für die Wiler Integrations- und Präventionsprojekte tätig. Die interimistische Leitung des Kaktus konnte mittlerweile Sozialarbeiter Alexander Kalb übertragen werden.

hallowil.ch hat die neue Wipp-Leiterin Barbara Seger zum Interview getroffen:

 
Barbara Seger erzählt, was sie an ihrem Beruf im Umgang mit süchtigen Menschen erfüllt. (Beitrag: Claudia Gaisser)

38 Prozent mehr Spritzen abgegeben

Beim Blick zurück auf das vergangene Jahr stechen einige Dinge ins Auge. So wurden weniger Besucher im Kaktus an der Toggenburgerstrasse begrüsst, dafür deutlich mehr Spritzen abgegeben. In Zahlen ausgedrückt: Noch knapp 7500 Personen gingen im Kaktus, wo sauberes Injektionsmaterial bezogen werden kann, ein und aus. Das sind um fast 1000 Personen weniger als noch 2017. Im Vergleich mit dem Rekordjahr 2016 sind gar über 2000 Personen weniger gezählt worden. Die Anzahl Besucher aus den umliegenden Gemeinden erhöhte sich hingegen um 28 Prozent. Alles in allem stehen die Wipp mit rund 170 Personen aus Stadt und Region Wil in Kontakt.

Es wurden vergangenes Jahr über 52'000 Spritzen abgegeben. Das entspricht einem Plus von 38 Prozent gegenüber 2017. «Das könnte am zunehmend intravenösen Konsum von Kokain liegen, was viel mehr Spritzen braucht», mutmasst Barbara Seger. Es waren auch Todesopfer zu beklagen. «Vier bis fünf Personen sind wegen des Kokain-Konsums gestorben», sagt Seger bedrückt.

«Schwierig, bezahlbaren Wohnraum zu finden»

Mehr als nur gut belegt war die Notschlafstelle an der Flawilerstrasse. In jedem Monat des Jahres lag die Auslastung bei über 100 Prozent. Will heissen: Auch das Notbett war an fast jedem Abend belegt und sogar in der Stube mussten teilweise Leute einquartiert werden. «Für Personen mit einer Suchtmittelabhängigkeit ist es nach wie vor sehr schwierig, im Raum Wil bezahlbaren Wohnraum zu finden und diesen auch längerfristig zu behalten», sagt Barbara Seger.

Im August dieses Jahres wird bei den Wipp ein Pilotprojekt gestartet. Ab dann gibt es eine ambulante Suchtberatung. Der Testlauf soll bis Ende Jahr dauern. Im Jahr 2020 gibt es Grund zum Feiern. Die Wipp blickt dann auf 30 Jahre des Bestehens zurück. Waren dem Kaktus zu Beginn viel Pessimismus und Vorbehalte entgegengebrandet, so ist die Situation heute ruhig. Für die Verantwortlichen fast etwas zu ruhig, so dass sie im Jubiläumsjahr an die Öffentlichkeit treten wollen, um auf die Thematik aufmerksam zu machen. Wie genau, steht noch nicht fest.