Der 11. Juni dieses Jahres sei so ein Tag gewesen, den man im Leben nie mehr vergessen werde, erzählen Erich und Silvi Kuster noch sichtlich bewegt. An diesem Tag hätten sie das langjährige Personal über ihren Rücktritts-Entscheid informiert. Das sei ein ganz bewegender Moment gewesen, erinnert sich Silvi Kuster. Dabei seien auch ein paar Tränen geflossen, und das nicht nur beim Personal.

Diesem Entscheid, welcher nicht leicht gefallen sei, sind einige schicksalshafte Monate vorausgegangen. Nach der Restrukturierung und der Brandschutzsanierung im Jahr 2018 hatten Erich und Silvi Kuster eigentlich geplant, die Heimführung auch nach der Pensionierung noch einige Jahre weiterzuführen. Doch eine grössere Herzoperation von Erich Kuster im vergangenen Herbst kreuzte dieses Vorhaben. Nach einer vierwöchigen Rehabilitation in Davos plante Erich Kuster, so schnell wie möglich wieder an seinen Arbeitsplatz im Heim zurückzukehren. Doch der im März ausgerufene Lockdown machte ihm als Risikopatienten einen Strich durch die Rechnung. «So erledigte ich, wie viele andere Menschen auch, meine Arbeit vom Home-Office aus. Natürlich fehlte mir dabei der direkte Kontakt zu den Bewohnenden wie auch zu meinem langjährigen Personalteam», sagt Erich Kuster. Er habe bereits seit vergangenem Herbst in den langsameren Arbeitsmodus gewechselt und sei dann aufgrund seiner noch etwas angeschlagenen Gesundheit in Zeiten der Corona-Pandemie praktisch gezwungen worden, sich relativ schnell aus dem operativen Geschäft des Pflegeheims zurückzuziehen, betont er. Das sei ein Wendepunkt im Leben gewesen.

Interne Nachfolgeregelung

Die Nachfolgelösung mit der langjährigen und in der Region gut verankerten Mitarbeiterin Gabriela Figi an der Spitze mache den Entscheid und den Abschied um einiges leichter, so Erich Kuster. Die neue Miteigentümerin, welche per 1. Juli die Geschäftsleitung des Pflegeheims Rüti übernahm, wirkte bereits rund 20 Jahre an der Seite von Erich Kuster als Leiterin Administration und stellvertretende Heimleiterin. René David, der jetzige Leiter Betreuung und Pflege, hat sich zudem entschieden, bis zu seiner Pensionierung in knapp einem Jahr weiterhin im Pflegeheim mitzuwirken.

Aus der einstigen Vision des jungen Erich Kuster, später einmal ein Kinderheim übernehmen zu wollen, wurde eine 34-jährige Heimgeschichte. Nach einer kaufmännischen Lehre und der Matura schloss er 1985 das Studium der Klinischen Psychologie mit dem Lizentiat an der Universität Zürich ab. In einer dreijährigen Weiterbildung liess sich Kuster zusätzlich zum diplomierten Gerontologen HF ausbilden. Kurz vor Abschluss des Studiums lernte Erich Kuster seine jetzige Ehefrau Silvi kennen, welche eigene Erfahrungen aus ihrer langjährigen Arbeit in einer psychiatrischen Klinik mitbrachte. Gut einen Monat nach der Hochzeit übernahmen die beiden zuerst ein Pflegeheim im Appenzellischen. Per 1. Januar 1995 erfolgte dann der Wechsel zum Pflegeheim Rüti in Sirnach. Hier kümmerten sich Erich und Silvi Kuster ein Vierteljahrhundert um das Wohlbefinden von betreuungs- und pflegebedürftigen Menschen. Ihren damaligen Entschluss hätten sie keine Minute in ihrer insgesamt 34-jährigen Heimleiter-Karriere bereut, betonen die beiden.

Mit der Kutsche in die neue alte Heimat

Das Loslassen macht den beiden nun aber zu schaffen. «Wir haben hier mehr Zeit verbracht als in unserem persönlichen Zuhause», lächeln Erich und Silvi Kuster. Andererseits freuen sich die beiden nun auch auf ihren neuen Lebensabschnitt. Sobald es ihm seine Gesundheit wieder erlaubt, will sich Erich Kuster vermehrt dem Sport widmen. «Meine sportliche Leidenschaft galt schon immer dem Biken und dem Motorradfahren. Darüber hinaus freue ich mich auf mehr Zeit mit meiner Frau Silvi und unserer Familie mit den zwei Enkeltöchtern», sagt er. In der intensiven Zeit der Heimleitung sei auch der Freundeskreis vielfach zu kurz gekommen. Sobald es die Corona-Situation dann wieder erlaubt, soll auch das gemeinsame Reisen wieder vermehrt im Vordergrund stehen.

Zufall oder nicht: Der Personalanlass, zu welchem die ehemaligen und die neuen Besitzer in der letzten Juniwoche gemeinsam einluden, fand im Appenzellerland statt. Also genau in der gleichen Gegend, wo einst die Heimleiter-Karriere von Erich und Silvi Kuster begonnen hatte. So schloss sich an diesem Abend ein bedeutender Lebenskreis für das fürsorgliche Heimleiter-Ehepaar. Auch der letzte offizielle Arbeitstag vom 30. Juni wird unvergesslich bleiben. Nach einem Apéro mit einigen lustigen Begebenheiten ging es mit einer vor dem Pflegeheim Rüti wartenden Kutsche nach Hause – also dahin, wo sich das spannende Leben von Erich und Silvi Kuster fortan weiterdrehen wird.