Die Anklageschrift liest sich wie die Vorlage eines Krimis. Tatort war das Gebiet zwischen der Toggenburger- und der Churfirstenstrasse im südlichen Teil der Stadt Wil. Ein heute 30-jähriger Vietnamese mit Niederlassungsstatus C sorgte am Morgen des 5. Februar 2019 für Panik – und das bei mehreren Personen. Nachdem er zuhause Haschisch und Kokain konsumiert hatte, schnappte er sich seine mit Bleikugeln geladene CO2-Druckpistole, welche einer echten Faustfeuerwaffe zum Verwechseln ähnlichsieht. Diese Waffe hatte der Beschuldigte im Jahr davor erworben, ohne sie bei der entsprechenden Stelle zu melden.

Vor einem nahe gelegenen Firmengebäude traf der Beschuldigte auf einen Mann, der einen Aktenkoffer auf sich trug. Der Vietnamese forderte Geld – Pistole in die Luft haltend. Der eingeschüchterte Mann liess den Koffer fallen und flüchtete ins Haus in Richtung Obergeschoss. Es fielen mindestens vier Schüsse, wobei zwei davon den flüchtenden Mann am Ellenbogen trafen. Dank der dicken Kleidung blieb er unverletzt. «Niemand bewegt sich. Niemand bewegt sich», rief der Angeklagte – und trat mit dem Aktenkoffer in der Hand zu Fuss die Flucht an.

Polizei kommt rechtzeitig

Nun wollte sich der flüchtende Mann ein Auto «organisieren», um davonfahren zu können. Er stellte sich unweit des Migros Sport XX mitten auf die Churfirstenstrasse, so dass eine heranfahrende Frau abbremsen musste. Mit der Pistole zielte er auf diese. Doch die Frau verzichtete darauf, wie gefordert auszusteigen. Sie beschleunigte und fuhr mit Vollgas davon. Das war es aber noch lange nicht. 80 Meter weiter südlich bedrohte der Vietnamese einen Lastwagenchauffeur, der in seiner Führerkabine sass. Diesem richtete er die Pistole auf den Kopf und wollte erreichen, dass der vom Chauffeur vom Tatort wegefahren wird. Doch der Lastwagenfahrer schloss die Fahrertüre.

Der nächste Plan des Angeklagten: Er lief nochmals rund 80 Meter weiter südlich und traf dort auf ein Auto mit laufendem Motor, das für einen Kunden bereitgestellt worden war. Der Angeklagte setzte sich hinein und wollte losfahren. Jedoch hatte er Mühe, anzufahren und kam nur wenig Centimeter weit. Zwei Passanten eilten herbei und parkten den Mann ein. Dieser gab nicht auf, richtete die Pistole gegen die anwesenden Personen und gab diesen zu verstehen, sie sollen verschwinden. Um dies zu untermauern, öffnete der Beschuldigte das Fenster und schoss mindestens zweimal in die Luft. Kurze Zeit später traf die Polizei ein und setzte der Aktion ein Ende.

Stationäre Massnahme statt Gefängnis

Soweit die Beschreibung der Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift. Wie es wirklich war, wird heute Donnerstag am Kreisgericht Wil in Flawil bei der Hauptverhandlung geklärt. Der Staatsanwalt fordert eine Freiheitsstrafe von 26 Monaten. Diese soll zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben werden. Zudem sei der Vietnamese für 15 Jahre des Landes zu verweisen. Bis zu einem allfälligen rechtskräftigen Urteil gilt für den Angeklagten die Unschuldsvermutung.

hallowil.ch wird heute Donnerstag über die Gerichtsverhandlung aus Flawil berichten.