Der 23-jährige Mann blickte während der Urteilsbegründung ungläubig an die Decke des Gerichtsaals. Für ihn war nicht nachvollziehbar, dass er nun wieder ins Gefängnis und danach die Schweiz verlassen muss. Denn aus seiner Sicht hat er nichts getan, was ein solches Urteil rechtfertigen würde. «Ich weiss nicht, warum ich diese Strafe bekommen soll», hatte er im Verlaufe der Hauptverhandlung gesagt.

Zu klären war vor Schranken, was in der Nacht zum 6. Mai dieses Jahres um 1 Uhr morgens am Bahnhof Uzwil passiert ist. Für die Staatsanwaltschaft war klar, dass der angeklagte Mann eine Frau auf den Mund küssen wollte, nachdem diese bespuckt worden war. Als diese abweisend reagierte, hätten die Geschehnisse ihren Lauf genommen. Der Mann habe die Frau festhalten wollen, ihr mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen und später eine leere Glasflasche nach ihr geworfen. Das getroffene Opfer sei zwar körperlich nicht verletzt worden, aber so eingeschüchtert gewesen, dass es sich noch Wochen nach der Tat nicht alleine an den Bahnhof Uzwil getraut habe.

Verteidigerin von Unschuld überzeugt

Der Eritreer bestritt die Taten. Es sei nicht seine Absicht gewesen, die Frau zu küssen. Er habe sie auch nicht geschlagen. Ganz im Gegenteil: Er sei von ihr tätlich angegriffen worden. Die Flasche habe er nicht geworfen. Wer es gewesen sei, konnte er dem Richter aber nicht sagen. Einig war man sich lediglich im Punkt, dass der arbeitslose Mann zuvor Alkohol getrunken hatte – zwischen 1,37 und 2,01 Promille laut Anklageschrift.

So erstaunte es nicht, dass die Verteidigerin einen Freispruch in allen Punkten forderte. Auf den von der Staatsanwaltschaft geforderten Landesverweis sei zu verzichten. «Mein Mandant hat die Flasche mit Sicherheit nicht geworfen. Es war wohl sein Kollege, der auch dabeistand. Wenn das Opfer gesehen hätte, wer die Flasche geworfen hat, wäre es bestimmt ausgewichen», sagte die Verteidigerin. Die Aussagen ihres Mandanten seien glaubhaft.

Widersprüchliche Aussagen

Für den Richter war dann aber klar, dass der Angeklagte die Taten begangen hat. Der Vorsitzende folgte im Grundsatz den Forderungen der Staatsanwaltschaft, wenn auch mit leicht reduziertem Strafmass. Will heissen: Der Eritreer muss für acht Monate ins Gefängnis, wobei rund ein Monat in Untersuchungshaft angerechnet wird. Zudem muss er eine Busse und die Gerichtskosten von gesamthaft knapp 14'000 Franken bezahlen. Er wird für mindestens drei Jahre des Landes verwiesen und ins Schengener Informationssystem eingetragen.

Der Mann war für das Gericht eindeutig als Täter identifiziert, weil alle in jener Nacht am Bahnhof Anwesenden auf ihn zeigten und ihn genau beschreiben konnten – nicht nur die betroffenen Frauen. Es gebe keine Widersprüche in den Aussagen der Frauen. Das Aussageverhalten des Eritreers sei hingegen «speziell». Dieser hatte während der Verhandlung in gewissen Punkten eine andere Beschreibung der Tatnacht präsentiert als noch bei der Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft im Juni. «Sie hatten Ihre Chancen, haben das Ruder aber nicht herumgerissen», sagte der Richter abschliessend in Anspielung an früher begangene Taten.

Wie es nun weitergeht, steht auf einem anderen Blatt Papier. «Die Rückschaffung wird durch das Migrationsamt geprüft», sagte der Richter. Im Verlaufe der Verhandlung hatte die Verteidigerin angemerkt, dass ihr Mandant im Falle eine Rückschaffung mit dem Tod rechnen müsse, da Eritrea ein «kriegsgeschütteltes» Land sei. Dort habe er schon im Kindesalter Gewalt erfahren.