Der Satz ist hinlänglich bekannt: «Heute gehen wir mal wieder gross einkaufen, also nehmen wir das Auto.» Diese Aussage ist in der Stadt Wil ab sofort differenziert zu betrachten. Um den täglichen Stau zu umfahren, lohnt sich das Ausweichen auf zwei Räder je länger je mehr. Neu gibt es die Möglichkeit, mit gemieteten E-Bikes auch Material zu transportieren. Ab sofort stehen zwei elektrische Cargo-Bikes zur Verfügung, die bei der «Focacceria» oder dem Kino Wil gemietet werden können. Diese beiden «Hosts» sind auch für die Schlüsselverwaltung und die Akku-Aufladung verantwortlich.

Am Montagmorgen wurde das neue Angebot beim Bahnhofplatz vorgestellt. Zwei robuste E-Bikes zu je 37 Kilogramm Eigengewicht namens «Kinoblitz» und Frisch und frech» wurden vom TCS übergeben. Dieser hat im Jahr 2008 die Mobilitätsakademie gegründet und kümmert sich seither um «nachhaltigen Verkehr». Und so funktioniert die E-Bike-Miete im Detail: Über die Buchungsplattform www.carvelo2go.ch kann man sich registrieren und kontrollieren, ob eines der beiden Velos zum gewünschten Zeitpunkt zur Verfügung steht. Ist dies der Fall, so kann es zu einem Preis von zwei Franken pro Stunde gemietet werden. Dazu kommt eine Buchungsgebühr von fünf Franken. Will man das E-Bike also für drei Stunden mieten, so zahlt man elf Franken. Gemietet werden kann es von Privatpersonen, aber auch für Firmen – auf Wunsch auch für ganze Tage bis hin zu maximal einer Woche. Zwischen 22 Uhr und 8 Uhr ist die Miete gratis.

Für drei Jahre finanziert
Das Cargo-Bike fährt bis zu 25 Stundenkilometer schnell und ein voller Akku reicht für eine Distanz von 50 bis 80 Kilometer. Abgeholt und zurückgebracht wird das Zweirad am gleichen Ort – entweder bei der Focacceria oder beim Kino Wil. «Die Cargo-Bikes sind nicht-helmpflichtig. Wir empfehlen aber, einen Helm zu tragen. Dieser ist selber mitzubringen», sagt Mirjam Stawicki, beim TCS Projektleiterin Carvelo2go Wil. Sie sagt: «Kinder, die mit diesen Cargo-Bikes unterwegs waren, wollen nicht mehr zurück in den Anhänger. Sie haben eine bessere Sicht und es ist eine Verkehrsschulung für sie. Auch für die Eltern ist es angenehmer, da sie die Kinder im Blick haben.» Selber fahren darf man das Cargo-Bike erst ab einem Alter von 16 Jahren.

Wil ist die 47. Schweizer Gemeinde, in welcher das Projekt lanciert worden ist. Morgen Dienstag stösst mit Genf eine weitere Grossstadt dazu. Die Erfahrungen sind gut – vor allem in Grossstädten. Die Parkplatzsuche entfällt und Stau kann ausgewichen werden. In Wil ist das Projekt vorerst für drei Jahre finanziert. Nach rund einem Jahr soll ein erstes Fazit gezogen werden. Um einen Pilotversuch handelt es sich aber nicht und das Angebot soll bestehen bleiben, wenn die Nachfrage vorhanden ist. Möglich ist auch, dass dereinst weitere Cargo-Bikes dazugekauft werden. «Gerade in Städten ist der Zeitgewinn massiv. Fälle von Vandalismus gibt es zum Glück nur selten», sagt Projektleiterin Strawicki.

Mit dem E-Bike schneller als mit dem Auto
Es ist in Wil ein Novum, dass man als Otto Normalverbraucher solche Cargo-Bikes mieten kann. Im Einsatz stehen ähnlich Gefährte aber schon länger. Die Stadt ist im Besitz von drei solchen Zweirädern für ihre Mitarbeiter. Im städtischen Hausdienst, Rayon Sport, geht man gar so weit, dass auf Firmenautos verzichtet und vollumfänglich auf E-Bikes mit Laderaum gesetzt wird. Sven Strassmann hat sich für sie stark gemacht und sagt: «Man ist mit dem E-Bike viel schneller vom Lindenhof im Ebnet-Saal als mit dem Auto, wenn man nicht gerade die Hauptverkehrsachse benutzt.» Acht bis zehn Minuten brauche er für diese Strecke, rund eine Viertelstunde mit dem Auto.