Niemand wird als Politiker geboren, und es gibt auch keine Lehre für Gemeindepräsidenten. Aber auf welchem Weg eine Person zu diesem Amt gelangt, ist für sein Amtsverständnis und die Amtsführung nicht unwesentlich.

hallowil.ch: Herr Hollenstein, sind Sie ein Niederbürer Urgestein?
Allenfalls bin ich es in 23 Amtsjahren geworden. Aufgewachsen aber bin ich in Libingen im Toggenburg in einer Grossfamilie mit acht Geschwistern. Die Mithilfe auf dem elterlichen Bauernhof war für uns Kinder eine Selbstverständlichkeit. Die Primarschule habe ich in Libingen und anschliessend die Sekundarschule in Bütschwil besucht. Auf der Gemeindeverwaltung Bütschwil habe ich eine Verwaltungslehre absolviert.

hallowil.ch: Was hat Sie in Ihrer Jugend geprägt und zu einem politischen Menschen gemacht?
Auf einem Bauernhof aufzuwachsen gab mir die Möglichkeit, Kaninchen, Meerschweinchen, Hunde und Bienen zu halten. Dabei habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen und andere in ihren Aufgaben zu unterstützen. Das Interesse an der Politik verdanke ich meinem Vater. Er war in verschiedenen Ämtern tätig, und so wurde am Familientisch häufig über politische Aktualitäten diskutiert. Vom Vater übernommen habe ich, mich für Werte und Lösungen einzusetzen.

hallowil.ch: Hatten Sie politische Vorbilder?
Ich hatte immer Achtung vor Menschen, die sich ohne Eigennutz für die Bedürfnisse anderer einsetzten. Solchen Mitmenschen bin ich auf meinem Lebensweg immer wieder begegnet. Aus meiner Amtszeit kommen mir spontan die Regierungsräte Paul Gemperli, Anton Grüninger, Peter Schönenberger, Beni Würth und Kantonsrat Fritz Lüdi in den Sinn.

hallowil.ch: Welches waren die beruflichen Schritte auf dem Weg zum Niederbürer Gemeindepräsidium?
Nach der Lehre war ich Sekretär auf dem kantonalen Grundbuchinspektorat, wo ich auch das Grundbuchverwalterpatent erwarb. Auf meine folgenden beruflichen Stationen wurde ich stets berufen und war tätig als Gemeinderatsschreiber, Grundbuchverwalter und Bausekretär mit Nebenaufgaben in Rieden im Kanton St. Gallen und in Bronschhofen.

hallowil.ch: Wer hat Sie zur Übernahme des Amtes des Gemeindepräsidenten in Niederbüren motiviert?
Eine Findungskommission ist auf Empfehlung aus ihrem beruflichen Umfeld auf mich aufmerksam geworden. Sie hat mich motiviert, mich dieser Herausforderung zu stellen.

hallowil.ch: Erinnern Sie sich an den ersten Tag im Präsidentenbüro des Gemeindehauses? Welche Funktionen haben Sie innerhalb der Gemeindeverwaltung übernommen?
Ein guter Start war mir wichtig. Ich habe Prioritäten gesetzt und mich auf meine erste Gemeinderatssitzung vorbereitet. Innerhalb der Verwaltung habe ich die Führung des Grundbuchamtes und der Bauverwaltung sowie verschiedene Stellvertretungen übernommen.

hallowil.ch: In 23 Amtsjahren haben Sie viele Entscheide gefällt und Projekte verwirklicht. Welche waren die wichtigsten?
Die Infrastrukturen sind in diesen Jahren massgeschneidert für Niederbüren realisiert, unterhalten und erweitert worden. Ein Dorfbachausbau schützt vor Hochwasser-Überschwemmungen. Eine durchgehende Fusswegverbindung entlang der Thur nach Bischofszell über den Huserfelsen ist neu angelegt worden. Für alle Bestattungswünsche sind auf dem Friedhof neue Angebote geschaffen worden. Mit dem Abschluss des Kiesabbaus wurde Niederbüren vom Schwerverkehr entlastet. Die Rekultivierung des Kiesgrubenareals bringt dem Dorf ein aufgewertetes Naherholungsgebiet: Familien-Vitaparcours, Marschmusikstrecke, Veranstaltungsparkplätze, Naturweiher und Hecken. Ein öffentlicher Kinderspielplatz ergänzt das Freizeitangebot. Das freie Baugebiet für öffentliche Bauten und Anlagen ist von der Gemeinde übernommen worden. Qualitative Überbauungen, insbesondere an der Golfstrasse, an der Poststrasse, an der Lindenstrasse, an der Gossauerstrasse, an der Oberdorfstrasse und im Thurblick, sind erschlossen und realisiert worden. Gewerbe-, Landwirtschafts- und Dienstleistungsbetriebe wurden in ihren Entwicklungs- und Zukunftsplänen unterstützt. Ein Dorfmarktkonzept wurde erarbeitet und durch die Gemeinde konnten die Lokalitäten für einen Dorfladen bereitgestellt werden. Niederbüren hat sich in den vergangenen Jahren entschuldet und den Steuerfuss um 33 Prozentpunkte gesenkt.

hallowil.ch: Gab es spezielle Erfolgserlebnisse oder auch Dinge, an die Sie sich nicht gerne erinnern?
Ich hatte täglich Erfolgserlebnisse in wertvollen Begegnungen von Mensch zu Mensch. Als unerfreulich nahm ich Amtsverpflichtungen bei Streitereien in der Bevölkerung oder Schicksalsschläge in Niederbürer Familien wahr.

hallowil.ch: In jüngster Zeit haben die Bestrebungen zur Zukunftssicherung des Textilmuseums die Dorfbevölkerung entzweit. Tritt Ihre Nachfolgerin ein schwieriges Erbe an?
Nein. Die Nachfolgerin wird es schätzen, dass die Aufgabe zur Zukunftssicherung des technischen Textilmuseums Sorntal über einen Museumsverein umfassend noch vor ihrem Amtsantritt gelöst werden konnte.

hallowil.ch: Was sollte in Niederbüren in den nächsten Jahren bleiben, was sich verändern, weiterentwickeln?
Die Zukunftsgestaltung von Niederbüren liegt nicht mehr in meiner Verantwortung. Die Niederbürer werden bestimmt Sorge tragen zur hohen Wohn- und Lebensqualität in gesunder Natur. Niederbüren zeichnet sich aus als selbstbewusste, gastfreundliche und natürliche Landgemeinde in Stadtnähe. Die Grundlagen sind vorhanden, dass Niederbüren eine Perle im Fürstenland bleibt, die sich nach den Bedürfnissen einer eigenverantwortlichen Bevölkerung weiterentwickelt.

hallowil.ch: Wie sehen Sie Ihrer persönlichen Zukunft entgegen?
Ich verlasse mein Amt mit Dankbarkeit gegenüber der Bevölkerung, den Behörden und allen Mitarbeitenden. Persönliche Kontakt werde ich weiter pflegen und mir auch Zeit für Begegnungen nehmen, welche in meiner Amtszeit zu kurz gekommen sind. Ich habe in Niederbüren Wurzeln geschlagen und freue mich darauf, mehr Zeit mit meiner Frau Elsbeth und unseren drei erwachsenen Kindern sowie den drei Enkelbuben zu verbringen.