Die Obere Bahnhofstrasse darbt. Und das nicht zu knapp. Das lässt sich unschwer erkennen an den vielen Veränderungen, die es gibt. Ende August hat der Blumenladen «Inga’s Rosenkavalier» geschlossen, das Café Schöntal wird noch im Herbst dichtmachen, und, und, und. Die Liste ist lang – und wird immer länger. Der Hauptgrund: Die Mietzinsen sind in den vergangenen Jahren in den meisten Fällen nicht gegen unten angepasst worden, obwohl der Kundenstrom markant nachgelassen hat. Miete und Verkaufserlöse stehen somit nicht mehr im Einklang.

Natal Müller, Mit-Inhaber der Wiler Buchhandlung «Ad Hoc» und seit 15 Jahren im oberen Bereich der Oberen Bahnhofstrasse präsent, hat Zahlen dazu. Denn seine Mitarbeiter und er messen mit einem Zähler, wie viele Passanten vorbeilaufen. «In den letzten zehn Jahren sind es um 50 Prozent weniger Leute geworden», sagt Müller. Selbstredend ist auch der Umsatz in seiner Buchhandlung nicht mehr zu vergleichen mit jenem in einer frühen Phase des Jahrtausends. Die Entwicklung lässt sich auch an diesen beiden Zahlen ablesen: Hatte Müller zu Beginn sieben Mitarbeiter in seinem Laden, die sich um Kunden kümmerten, so sind es heute noch zwei oder maximal drei. Mehr braucht es nicht mehr. Der Rest ist nun im Hintergrund tätig und verarbeitet zum Beispiel den Online-Handel oder packt Bücher zum Versand ab.

51 Grad statt Einkaufserlebnis

Doch wie teuer ist die Obere Bahnhofstrasse wirklich? Müller nennt Zahlen. 12'000 Franken Miete im Monat zahlt er für die 350 Quadratmeter. Und in der Mitte der Wiler Einkaufsmeile seien die Preise noch viel höher. «Der Mietzins rechtfertigt sich nicht mehr mit dem Umsatz im Laden», sagt Müller. In der Kantonshauptstadt St. Gallen zahle er gleich viel, habe aber deutlich mehr Kunden.

Aus der Optik des Buchhändlers gibt es neben dem Preis noch weitere Baustellen. So sei die Obere Bahnhofstrasse «komplett falsch gebaut». Müller sagt: «Die Bäume gehören nicht an den Rand der Strasse, sondern in die Mitte. Dort sollte es eine Art Terrasse haben, wo rausgestuhlt ist und man auch etwas Trinken kann. Das Einkaufen muss ein Erlebnis sein.» Aber auch die Architektonik passe nicht. Müller misst die Temperatur. Zehn Centimeter über dem Boden beträgt diese an heissen Sommertagen teilweise 51 Grad. Des Weiteren hat der Geschäftsinhaber überhaupt keine Freude an den zahlreichen Grossveranstaltungen, die auf der Oberen Bahnhofstrasse stattfinden. Momentan sei diese an drei Samstagen innerhalb eines Monates belegt mit der Gewerbestrasse, dem Veloanlass «Pedale» und der Autostrasse. Müller sagt: «Am Samstag mache ich einen Drittel des Wochenumsatzes. Wenn die Obere Bahnhofstrasse belegt ist, dann aber markant weniger. Die dauernde Bespassung muss aufhören.»

Zentrumsfunktion verloren

Doch was ist der Kern des Problems? «Wil hat nicht mehr die Zentrumsfunktion wie noch vor ein paar Jahren. Früher kamen zum Beispiel die Bauern aus dem Toggenburg nach Wil. Die fehlen heute fast vollständig. Wattwil und auch Frauenfeld haben sich aufgehübscht», sagt Müller. Für ihn ist klar: Es muss gehandelt werden, und zwar lieber heute als morgen. Auch er selbst macht sich eingehend Gedanken, wie die Lösung aussehen könnte. Denn die Situation sei einfach nur frustrierend.

Die Trendwende herbeizuführen dürfte allerdings schwierig sein – zumal der Trend zum Online-Handel sich weiter verstärken dürfte. Auch Müller legt den Schwerpunkt immer mehr auf das World Wide Web – gezwungenermassen. An der Oberen Bahnhofstrasse ist guter Rat momentan das, was die Mietpreise sind: teuer.

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Die Frequenz im Buchlanden «Ad Hoc» hat deutlich nachgelassen.