Offener Brief an Stadträtin Ursula Egli

Sehr geehrte Frau Stadträtin

Die Lokalmedien Wiler Zeitung (am 24.4.), hallowil (am 26.2.) und wil24 (am 13.3.) berichten davon, dass der Bergholz-Kunstrasen ab 25.5. 2021 ersetzt wird für einen «Nettobetrag von 270'208.55 Franken» (Hallowil) statt der budgetierten 600 000 Fr. Meine Nachfrage bei der ausführenden Firma Walo Bertschinger AG hat ergeben, dass gar nicht der ganze Rasen ersetzt wird, sondern es nur eine Teilsanierung gebe und das bisherige Granulat wiederverwendet werde.

Fragen: Wie kommt es zu dieser ungenauen Information? Wer hat die Medien unpräzise informiert und damit die Bevölkerung hinters Licht geführt? Wenn nur teilsaniert wird, wann ist die nächste (Teil)-sanierung nötig? Darf ich Sie bitten, die Bevölkerung baldmöglichst mitzuteilen, was unter dem Projekt «Teilsanierung des Kunstrasens» ab 25. Mai getan wird.

Die Kunstrasen sind ja seit Jahren in Diskussion. Sind sie gesundheitsschädigend? Ein Faktenblatt des Bundesamts für Gesundheit vom Mai 2017 hält fest, dass gemäss Studien aus Europa und den USA zwischen 2004 und 2015 weder für Spieler noch für das Publikum ein «spezielles Risiko für die Gesundheit» bestehe. Nach Aussagen der Walo Bertschinger AG würden heute zudem weniger problematische Granulate verwendet. Nun hält die Stadt Zürich gemäss Medienmitteilung vom 20. Oktober 2020 aufgrund einer ZHAW-Studie aber Folgendes fest: "Die verfüllten Kunstrasen schneiden sowohl in der Gesamtökobilanz als auch in der Umweltbelastung pro Nutzungsstunde schlecht ab. Verfüllte Kunstrasen sind in der Stadt Zürich ein «Auslaufmodell». Zudem hat die Stadt Zürich Studien in Auftrag gegeben, um die Bedeutung der Kunstrasenfelder hinsichtlich Mikroplastik und die Wirkung der verschiedenen Rasentypen aufs Stadtklima abzuklären.

Kann es den Wiler*innen egal sein, was die Zürcher machen und können wir mehr oder weniger beduselt den Kampfruf des Fanclub des FC Wils mitschreien: «Alles ausser Wil ist Scheisse!» ? 2010 hat Bundesrätin Calmy Rey im Stadtsaal Wil im Rahmen von WIFONA ihr Referat zur nachhaltigen Friedens- und Entwicklungspolitik betitelt: «Wil geht es gut, wenn es der Welt gut geht und der Welt geht es gut, wenn es Wil gut geht.» Damit hat sie auf die globale Vernetzung hingewiesen, die wir heute hautnah erleben, in der Pandemie, in der Klimakrise und in der zunehmend ungerechten Verteilung des Reichtums auf dieser Erde. Wir sind aber nicht nur mit andern Menschen hier und heute verbunden, sondern auch mit unseren nachkommenden Generationen.

Frau Stadträtin Egli, sind Sie bereit für eine enkeltaugliche Politik? Werden Sie bei der nächsten Sanierung des Fussballrasens eine Naturrasenvariante prüfen, die allerdings teurer wird wegen der Sondermüllentsorgung des Kunstrasens und wegen des Anlegens eines Naturrasens. Oder sollen unsere Enkel auf der prächtigen Bergholzanlage sich weiterhin über den Kunstrasen in der Arena ärgern müssen. Seien Sie nicht kurzsichtig! Schauen Sie über Ihren Tellerrand hinaus!

Mit freundlichen Grüssen 

Beat Steiger, Wil 


Neuer Kunstrasen im Bergholz kommt günstiger als gedacht (26. Februar 2021)

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Update: 3. März 2021 (Korrigendum)

Philipp Gemperle, Leiter Kommunikation der Stadt Wil, präzisiert seine Aussage zum Budgetposten für den Kunstrasen. Er sagt, es sei nicht korrekt, dass das Parlament den Betrag von 500'000 Franken mit dem Budget 2021 gutgeheissen habe. Er schreibt: "Das Parlament hat den Betrag eben noch nicht gutgeheissen." Korrekt heisse der Satz: "...und der Betrag von 500'000 Franken bereits im Budget angezeigt war."

(Redaktion hallowil.ch)

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Am Montag kommunizierte der Wiler Stadtrat, dass die Spieleigenschaften des Kunstrasens im Sportpark Bergholz stark vermindert seien und das Unfallrisiko steige. Zwei durch den Stadtrat in Auftrag gegebene neutrale Zustandsbeurteilungen seien zum Schluss gekommen, dass der Kunstrasen dringend erneuert werden müsse. Weiter hiess es in der Mitteilung, dass es sich aufgrund der zeitlichen Dringlichkeit und der technisch unveränderten Ausführung bei dieser Unterhaltsmassnahme um eine gebundene Ausgabe handle.

Darum hat der Stadtrat dafür einen Kredit von 300'000 Franken bewilligt und die Ausführungsarbeiten zu einem Nettobetrag von 270'208.55 Franken an die Firma Walo Bertschinger AG aus Dietikon vergeben.

Wenn Ausgaben als dringlich erklärt und darum als gebundene Ausgabe deklariert werden, können Fragen aufkommen. Zum Beispiel: Hätte man diesen Betrag nicht ins ordentliche Budget nehmen können? Denn schliesslich geht so ein Kunstrasen ja nicht über Nacht kaputt. Oder: Warum hat der Stadtrat im November noch nichts über den schlechten Zustand des Kunstrasens gewusst?

hallowil.ch hat im Stadthaus nachgefragt und vom Departementsleiter BUV, Urs Müller, klärende Antworten erhalten:

Wusste der Stadtrat im November noch nichts vom schlechten Zustand des Kunstrasens, so dass der Sanierungsbetrag im ordentlichen Budget hätte beantragt werden können?

Der Kunstrasen ist im öffentlich einsehbaren Budget 2021 enthalten: Konto 34110.50400.521, Sportpark Bergholz: Ersatz Kunstrasen Stadion (WISPAG), 500'000 Franken.

Wurde auch ein Variantenentscheid Kunst- versus Naturrasen in Betracht gezogen?

Die Variante Naturrasen wurde geprüft. Da jedoch der Unterbau komplett geändert werden müsste, war die Kostenschätzung entsprechend höher. Zudem wäre die Nutzung gegenüber einem Kunstrasen deutlich eingeschränkt.

Ist es wirklich nötig, einen Kunstrasen bereits nach acht Jahren zu ersetzen?

Als Lebensdauer für einen Kunstrasen werden zirka 8 bis 10 Jahre angegeben. Die Nutzung im Bergholz lag jedoch über dem für diese Dauer angenommenen Durchschnitt.

Wurde der Auftrag zur Sanierung öffentlich ausgeschrieben?

Ja, gemäss öffentlichem Beschaffungswesen im Einladungsverfahren.

Bleibt also die Frage, warum es sich bei diesem budgetierten Posten um eine sogenannt gebundene Ausgabe handeln sollte, bei der das Parlament nicht mitentscheiden kann. Philipp Gemperle, Leiter Kommunikation, erklärt das so: In der Tat hätte es für dieses Geschäft einen Parlamentsbeschluss gebraucht. Weil die Angelegenheit aber dringend sei und das Parlament den Betrag von 500'000 Franken mit dem Budget gutgeheissen habe*, fand es der Stadtrat vertretbar und richtig, die dringend nötige Sanierung so in Auftrag zu geben. Das Parlament dürfte mit diesem Vorgehen auch zufrieden sein, denn schliesslich wird das Budget voraussichtlich um mindestens 200'000 unterschritten. 

* Präzisierung siehe Korrigendum


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Urs Müller.