Hug war diplomierter Psychiatriepflegefachmann und ehemaliger Pflegeleiter der Psychiatrie St.Gallen Nord – PSGN -, ist heute Mitglied des Stiftungsrates für die Heimstätten Wil und Präsident des St.Gallischen Hilfsvereins SGHV, also eine ausgewiesene Fachperson auf diesem Gebiet, auch wenn er bereits einige Jahre pensioniert ist.

«Der Mensch wird erst am Du zum Ich»

Diese Aussage des österreichisch-jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber fasst die Aussagen von Hans Peter Hug sehr gut zusammen. Der Fachmann weiss um die Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen und setzt sich deshalb weiterhin für Aufklärung und einen von Wertschätzung geprägten Umgang auf Augenhöhe ein. Seine Erfahrungen teilte er an diesem Abend mit einer erfreulich grossen Anzahl Interessierter. Er wollte aber nicht nur theoretisieren, sondern hatte dazu Patricia Veluscek aus Oberuzwil eingeladen, welche bereits im «Club» vom 26. November 2019 auf dem Sender SF 1 des Schweizer Fernsehens über ihr Leben mit dieser Krankheit berichtet.

Es kommt auf die Perspektive an

Mit einem auf den ersten Blick unspektakulären Bild stieg er ein. Es sieht aus wie ein grosses Schachspielfeld, doch etwas irritiert. Sind die Zeilen nicht wellenförmig? Der Referent beruhigte: «Es ist nur eine optische Täuschung.» Dazu erzählte er die Parabel «Die Blinden und der Elefant». Blinde Männer möchten wissen, was ein Elefant ist. Sie werden in einen Raum mit einem solchen Tier geführt. Nach dem Berühren an irgendeiner Stelle sollen die Männer nun ihren Eindruck von diesem Wesen schildern. Und – kein Wunder! – alle erzählen etwas anderes. Einer hat eine Säule – ein Bein - vorgefunden, ein Anderer eine Art Fächer – die Ohren – entdeckt, ein Dritter dagegen einen Strick, denn er hat den dünnen Schwanz zwischen die Finger bekommen. Das führt verständlicherweise zu Streit, denn jeder beharrt auf seinem Recht, bis ein Weiser den Diskussionen ein Ende macht. «Jeder hat auf seine Sichtweise Recht, aber ein Elefant ist eben sehr viel mehr als seine einzelnen Teile.» So ist es auch mit dem Blick auf die Welt. Je nach Perspektive wird «das Gleiche» nicht genau gleich gesehen.

Viele Vorurteile

Es geistern viele Vorurteile durch die Köpfe. Sobald es in einer Medienmitteilung heisst, dass der Täter «psychisch auffällig» sei, wird das als Bedrohung durch alle Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen empfunden. So stimmt es beispielsweise nicht, dass psychische Erkrankungen nur in der westlichen Welt vorkommen. Auch können viele solche Krankheiten dank dem heutigen ärztlichen Wissensstand geheilt werden, was das Vorurteil «einmal krank, immer krank» total widerlegt. Und als äusserst verletzend wird von Betroffenen der Satz verstanden: «Reiss dich doch zusammen, dann geht es schon wieder!» Nein, so ist es gerade nicht. Man ist wegen seines Verhaltens nicht willensschwach, sondern eben krank.

Hilfreiche «Instrumente» für Betroffene

«Resilienz» ist ein Fachbegriff, der heute in aller Munde ist. Er bedeutet «Widerstandskraft» und meint die Fähigkeit, auch bei schlimmen Ereignissen doch nicht ganz von Trauer, Wut oder anderen Emotionen überschwemmt zu werden, sondern Strategien in sich zu wissen, damit man solche Schicksalsschläge ohne grösseren Schaden verkraften kann. Menschen mit psychischen Krankheiten ist diese Fähigkeit oft abhandengekommen.

Mit «Empowerment» ist Selbstbefähigung, Zurückgewinnen von Stärke gemeint. Die Fachpersonen können den Patienten und Patientinnen dabei einzig Unterstützung auf dem Weg dazu geben. Den letzten Schritt dazu kann allerdings nur der Betroffenen selber tun. «Recovery» – Erholung – ist schliesslich das Ziel zu einem Leben mit neuer Hoffnung, wenn auch möglicherweise in etwas anderer Form als vor dem Einbruch in die Krankheit. «Gesundung ist mit, ohne oder trotz professioneller Hilfe möglich» steht dazu im Skript des Referenten. Eine Genesung verläuft kaum je gradlinig, ist durch Auf und Ab geprägt. In dieser Phase sind persönliche Ressourcen, innere Quellen der Stärke, von grösster Bedeutung.

Inklusion, ein Gebot der Stunde

Inklusion, das Einbezogensein in den gesellschaftlichen Alltag, wird heute grossgeschrieben. Dabei ist es nicht erstrebenswert, dass alle Menschen gleich werden – wie langweilig! , sondern dass alle teilhaben können. Dafür setzt sich Pro Mente Sana ein, aber auch Pro Infirmis oder andere Institutionen verfolgen dieses Ziel. Allerdings ist das trotz aller Anstrengungen nicht in jedem Fall uneingeschränkt möglich.

Alles in Schubladen

Der Mensch liebt alles, was er in eine Schublade stecken kann. Darum gibt es auch eine offizielle Einteilung «ICD 10» der Weltgesundheits-Organisation WHO. Hier werden alle gängigen Krankheiten klassifiziert, aber nur in ihren Erscheinungsformen. In der Praxis vor Ort müssen noch ganz andere Faktoren einbezogen werden. Jeder «Fall» ist anders.

Thomas Ihde-Scholl ist Chefarzt eines Verbundes von Berner Oberländer Kliniken und hat laut Hug ein allgemein verständliches Buch über die gängigsten Erkrankungen der Psyche und den Umgang damit veröffentlicht. Es heisst «Ganz normal anders» und ist im Beobachter-Verlag herausgekommen. Hans Peter Hug empfahl das Buch sehr, weil es aufzeige, wie man mit Menschen mit solchen Krankheitsformen «auf Augenhöhe» umgehen könne. Auch die Stiftung Pro Mente Sana bietet Hilfe und Unterstützung an. Auf der mit Pro Mente Sana verknüpften Webseite «ensa» können zudem praktische Tipps im Umgang mit psychisch kranken Menschen nachgelesen werden.

Depression

Patricia Veluscek gab der Krankheit Depression mit ihren Ausführungen im sorgfältig formulierten Interview mit Hans Peter Hug ein eindrückliches Gesicht. Sie findet Aufklärung über diese Krankheit wichtig und hat sich deshalb dazu bereiterklärt, sich den Fragen des Referenten zu stellen.

Aussenstehende können nur erahnen, welche Anstrengung nur allein schon das Aufstehen für einen Menschen mit einer Depression bedeutet. Die Unsicherheit über Unvorhergesehenes bringt Stress mit sich, die Stressschwelle ist sehr klein. Patricia Veluscek zählte auf, was ihren Alltag beschwert: Sie kann sich nie glücklich fühlen, ist wenig belastbar, analysiert immer alles, im Kopf ist ständig «Hochbetrieb, am Abend ist sie erledigt und nicht mehr in der Lage, soziale Kontakte zu pflegen. Das Bett ist in solchen Phasen ihr bester Freund.

Nach aussen hin intaktes Bild

Patricia Veluscek schilderte, wie sie jahrelang Theater gespielt habe, indem sie sich jeden Morgen sorgfältig geschminkt und angezogen habe, um ja nicht aus der Rolle zu fallen. Sie zog «eine Maske» über, um sich nicht traurig zeigen zu müssen. So hätten ihre Kinder – vier Söhne zwischen 13 und 23 Jahren – vor der Club-Sendung nicht gewusst, dass ihre Mutter ständig traurig sei. Auf die Frage nach Therapien gab die Frau zur Antwort, dass es vermutlich kaum eine Therapieform gebe, welche sie nicht ausprobiert hätte. Auch Klinik- und Reha-Aufenthalte habe es schon gegeben. Sie fühlte sich aber lange nicht richtig unterstützt, bekam meist junge, ständig wechselnde Assistenzärzte als Fachpersonen, welche ihre Befindlichkeit nicht nachempfinden konnten.

Vor zwei Jahren habe sie nun eine erfahrene Therapeutin gefunden, mit der sie gewisse Vorkommnisse oder Vorhaben analysieren und danach oft mit Tipps für weitere Schritte hin zu einer besseren Befindlichkeit nach Hause gehen könne. Unterdessen sei glücklicherweise auch ihr familiäres Umfeld in die Behandlung einbezogen, etwas, was früher nie der Fall gewesen sei. Die Intensität der Therapiesitzungen könne sie dabei je nach Bedarf selber steuern.

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Ein offenes Gespräch auf Augenhöhe zwischen Hans Peter Hug und Patricia Veluscek. 


Medikamente

In schwierigen Phasen können Medikamente nützlich sein, auch wenn jede dieser Tabletten natürlich Nebenwirkungen habe, führte Patricia Veluscek aus. Für sie sind sie eine Art Schwimmflügel, halten gerade so über Wasser. Schwierig sei es, die richtige Dosis zu finden, da man einerseits Erleichterung wünsche, aber andrerseits doch auch funktionieren können sollte. Sie sei deshalb immer wieder erstaunt, wie leichtfertig doch oft Medikamente verschrieben würden, seien die meisten doch nicht wirklich harmlos.

Fragen aus dem Publikum

Patricia Veluscek wünscht sich, dass ihr andere Menschen offen und unvoreingenommen begegnen. Die Krankheit verläuft in Wellenbewegungen. Manchmal geht es besser, manchmal aber muss sie eine Verabredung ganz kurzfristig absagen, weil sie spürt, dass es für sie zu viel wird. Da hofft sie auf Verständnis der Gegenseite. Sie kennt auch Phasen von Todessehnsucht sehr gut. Ihre Familie ist ihr Halt im Leben. Seit der Club-Sendung werde sie von ihren Kindern allerdings mehr beobachtet, was sie keinesfalls wolle. Auf die Frage, ob ihr ein Hobby nicht auch etwas Entlastung bringen könnte, erzählte sie von ihren drei Hunden, die nun den Tagesrhythmus vorgäben. Ihr Mann unterstütze sie zum Glück in allen Belangen, sei verständnisvoll und zugewandt.

Bei einem Corona-konformen Apéro tauschten sich Zuhörerinnen und Zuhörer noch längere Zeit über das Gehörte nach. Es ist eben nicht immer alles so, wie es auf den ersten Moment erscheint. «Wie geht's dir? », ehrlich gemeint ausgesprochen, kann jedoch in vielen Fällen zum Türöffner für ein tiefgründiges Gespräch werden.

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Hier kann auch der Bericht zum ersten Bildungsabend nachgelesen werden.