Die Thurgauer Regierung war geschlossen vertreten. Vom St. Galler Pendant hatten der Wiler Regierungspräsident Stefan Kölliker und Marc Mächler die Kantonsgrenze überquert. Die beiden Thurgauer Ständeräte Brigitte Häberli und Roland Eberle waren ebenfalls zugegen – und natürlich diverse Gemeindeoberhäupter, zum Beispiel jene aus Wil und Winterthur. In dieser illustren Runde aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fehlte eigentlich nur die neue Wiler Bundesrätin Karin Keller-Sutter, obwohl diese dem Patronats-Komitee der Operette Sirnach angehört. Sie liess sich wegen dem «neu vom Volk fremdbestimmten Terminkalender» entschuldigen.

Noch vor Premieren-Beginn hatte der Sirnacher Gemeindepräsident Kurt Baumann seine Gemeinde zur Thurgauer Kultur-Hauptstadt ausgerufen – mindestens bis im April. Bis dahin finden nun total 25 Vorstellungen von «Ball im Savoy» statt. In der Revue-Operette, die eines Musicals nicht fern ist, wird eine «glitzernde, fragile Seifenblase» kreiert, um es in den Worten von Operetten-Präsident Otto Noger zu halten. Das Stück aus der Zeit der Weimarer Republik ist grundsätzlich einen Sonnenschein-Operette, aber doch wiederholt mit Fingerzeig auf die Doppelmoral der Gesellschaft. Auch der aufkommende Nationalsozialismus wird einfliessen gelassen, obwohl dies für die Handlung gar nicht zwingend wäre. Hintergrund: Paul Abraham war ungarischer Jude. Drei Monate nach der Premiere im Jahr 1932 kamen in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht und verboten «Ball im Savoy». Abraham musste in die USA fliehen.

 
Im Video: hallowil.ch ging bei der Operetten-Premiere auf Stimmenfang. (Film: Joel Praudisch)


Neuer Dirigent

Über 200 Mitwirkende sorgen bei der diesjährigen Operette dafür, dass die schon über 90-jährige Geschichte des Sirnacher Musiktheaters um ein weiteres Kapitel reicher wird. Während die Regie abermals von Leopold Huber geführt wird, ist der Taktstock des Dirigenten hinsichtlich dieser Operette in jüngere Hände übergegangen. Namentlich zu Andreas Signer, der auch die Stadtharmonie Wil dirigiert. 

Den Premieren-Gästen wurde ein Stück präsentiert, das ziemlich freizügig ist. Als Verwechslungskomödie kreist die Geschichte um Seitensprung sowie Treue und hinterfragt das vermeintliche Eheglück. Paul Abraham komponierte eine Mischung aus Jazz, Blues und Tango, vermischt mit ungarischem Flair aus seiner Heimat. Auch schräge Harmonien gehören dazu, da Abraham wohl gespürt hat, dass in der Zeit um 1932 eine Epoche zu Ende geht. 

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Der neue Dirigent Andreas Signer erlebte am Samstagabend eine gelungene Feuertaufe.


Erleichterter Präsident

Unmittelbar nach der Premiere zeigte sich Operetten-Präsident Noger «super erleichtert». Es sei «einfach nur schön» gewesen, auch wenn gewisse Rädchen mit zunehmender Routine noch besser ineinandergreifen sollen. «Die Menschen hier sind infiziert mit dem Operetten-Fieber», sagte Gemeindepräsident Baumann.

Nachdem die Premiere mit vielen geladenen Gästen ausverkauft war, soll es in ähnlichem Rahmen weitergehen. Die Organisatoren wollen die Marke von 11'500 Zuschauern, welche der bis dato letzten Sirnacher Operette «Maske in blau» vor drei Jahren beigewohnt hatten, überbieten und rechnen aufgrund des bisherigen Vorverkaufs mit etwa 12'000 Besuchern. Weitere 24 Vorstellungen gibt es bis zum 6. April.

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Was harmonisch beginnt, wird arg auf die Probe gestellt.