Drei recht gut situtierte Georgier hatten eine Vision. Ein Banker, ein Sportartikel-Händler und ein einheimischer Mitarbeiter der DEZA, der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, wollten am Fusse des über 5000 m hohen Berges Kazbek, der sich über dem aufstrebenden Tourismusort Stepanzminda erhebt, eine Berghütte errichten. Diese sollte auf einer Höhe von rund 3'000 Metern entstehen. 

Zufall Nummer 1: Im Herbst 2016 erreichte den gebürtigen Berner Oberländer Kurt Wandfluh (49) ein Anruf eines Schweizer Bekannten, der einst für die DEZA in Georgien tätig gewesen war. Dort war für das  Berghütte-Projekt Schweizer Know-how gefragt. So flog der gelernte Zimmermann, der sich mittlerweile selbständig gemacht hatte und seit vielen Jahren in Klosters lebt, im Frühling 2017 für eine Woche nach Georgien. Hoch über Stepanzminda sah er sich am geplanten Standort um. Im Sommer des gleichen Jahres fuhr er mit dem Motorrad erneut in den Grossen Kaukasus. Inzwischen thronte dort auf 3'000 Metern Höhe über einem Stahlpfeiler eine Betonplatte. Damit waren die Initianten jedoch am Ende ihres Lateins angelangt.

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Die Berghütte mit dem georgischen Wappen in den Fensterläden ist montiert.

Die bisher grösste Herausforderung 

Kurt Wandfluh sah nur eine Chance für die Realisierung des Projektes, nämlich eine Holzkonstruktion. Die drei Georgier waren ihm mittlerweile ans Herz gewachsen, aber für einen Alleingang war diese Aufgabe auch für den erfahrenen Berufsmann mehrere Schuhnummern zu gross. Kurz nach der Rückkehr aus Georgien kam Zufall Nummer 2 ins Spiel. An einem internationalen Holzforum in Garmisch-Partenkirchen lernte er Stefan Müller kennen. Die beiden Männer verstanden sich auf Anhieb gut. So begann für den 34-jährigen Wiler Unternehmer und sein Team die grösste Herausforderung in der mittlerweile bald zehnjährigen Firmengeschichte. 

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Über hundert einzelne Elemente wurden in Wil vorproduziert.

Darlehen über fünf Jahre

Müller war von Anfang an klar, dass dieses aussergewöhnliche Projekt mit einem hohen Risiko verbunden und betriebswirtschaftlich eigentlich kaum zu verantworten ist. Das Vertrauen in die drei Georgier, die er kennen lernte, und die sich den Initianten bietenden Perspektiven veranlassten ihn zur Zusage. Die steigenden Touristenzahlen in Georgien, welche neue Arbeitsplätze schaffen, und die überaus reizvolle Bergwelt um Stepanzminda stimmten Simon Müller zuversichtlich. Die Abmachung: Die Hälfte der Produktionskosten für die in Wil vorfabrizierten Elemente wird nach üblicher Geschäftspraxis beglichen. Die andere Hälfte muss in Form eines Darlehens innerhalb von fünf Jahren zurückbezahlt werden. 

Über hundert Elemente auf grosser Reise 

Im März 2018 wurde in Wil mit der Produktion der Fichten-Holzelemente begonnen. Schon Anfang April waren diese für den Transport mit einem türkischen Sattelschlepper bereit. Daniel Karli, Projektleiter Holzbau, wird der sehr knappe Zeitplan für das Bereitstellen der vielen kleinen Elemente mit einem Holzvolumen von insgesamt 76 Kubikmetern wohl ewig in Erinnerung bleiben. "Für das Beladen der vier LKW mit über hundert einzelnen Elementen mit einem Gesamtgewicht von 43 Tonnen blieben uns nur vier Tage", erzählt Karli. So begaben sich Anfang April schliesslich 35 Aussen- und 16 Innenwände, 18 Boden- und 28 Dachelemente, eine Treppe und sechs Geländer auf die fast 4'000 km lange, einwöchige Reise in den Kaukasus. ^

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Die Berghütte steht auf Stahlpfeilern und einer Betonplatte.

Schweizer Freiwillige packten zu

Am 28. April begann in der sauerstoffarmen Luft auf 3'000 Metern die Montage der zweistöckigen Hütte, an der sich in einer bunt zusammengewürfelten Truppe natürlich auch der Elementbau-Routinier Stefan Müller beteiligte. Das Sagen hatte nun in erster Linie Projektleiter Kurt Wandfluh. Eines der grössten Probleme, die sich ihm stellten, war der Transport der Elemente mit dem Helikopter. In Georgien stand zwar ein Heli vom Typ Ecureuil zur Verfügung aber kein Pilot mit Erfahrung beim Transport von schweren Lasten. Und wieder half dank des Netzwerkes von Wandfluh der Zufall.  Ein Heli-Pilot der REGA mit Lizenz für den Ecureuil stellte sich für den temporären Einsatz zur Verfügung . Als Flughelfer konnte der Berner Oberländer einen Schweizer Bergführer mit Georgien-Erfahrung rekrutieren. Das verantwortungsvolle Anhängen der Lasten an den Heli übernahm ein Polizist aus Davos. 

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Georgischer Helikopter mit erfahrenem Schweizer Pilot

"Dieses Projekt, das meinen Horizont gewaltig erweitert hat, wurde wie aus Gottes Hand gesteuert. Alles lief wie am Schnürchen. Wir hatten grosses Wetterglück und einen unglaublichen Teamspirit. Die Montage erfolgte ausschliesslich in Fronarbeit", schwärmt Stefan Müller rückblickend. Montiert sind auch die Fenster der Fenster Dörig AG aus Appenzell und die mit dem georgischen Wappen dekorierten Fensterläden von der Hobi Holz GmbH in Kloster. Noch läuft am Fusse eines der höchsten Berge im Kaukasus der Innenausbau. Wenn alles klappt, kann die Berghütte, die jeder Schweizer SAC-Hütte gut anstehen würde, im Juli die ersten Gäste beherbergen.

Kästchen 1

Das ist die S. Müller Holzbau AG

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Stefan Müller betreibt sein Unternehmen seit 2008 mit grossem Erfolg.

Durch ein Management-Buyout übernahm Stefan Müller 2008 die Holzbauabteilung der TU MartyHäuser an der Sirnacherstrasse 6 in Wil mit 15 Mitarbeitenden. Müller war damals erst 24 Jahre alt. Das auf den Holzelementbau spezialisierte Unternehmen ist seither dank der breiten Dienstleistungspalette schnell gewachsen. Heute werden in Wil und am zweiten Standort in Schwarzenbach 85 Mitarbeitende beschäftigt. "Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt" lautet das Credo von Stefan Müller, wenn er auf das schnelle Wachstum des Unternehmens angesprochen wird.

Kästchen 2

Vielseitiges Georgien 

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Der über 5'000 m hohe Berg Kazbek thront 2'000 m über der neuen Berghütte

Georgien ist ein an die Türkei grenzender Staat an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Die ehemalige Sowjetrepublik umfasst Bergdörfer im Kaukasus ebenso wie Strände am Schwarzen Meer. Berühmt sind das weitläufige Höhlenkloster Vardzia aus dem 12. Jh. und die alte Weinbauregion Kachetien. Die Hauptstadt Tiflis zeigt eine vielfältige Architektur und eine faszinierende Altstadt. Auf einer Fläche von 57'215 km2 (ohne die abtrünnigen Landesteile) leben rund vier Millionen Menschen. Dem Tourismus kommt in diesem dünn besiedelten Land eine immer wichtigere Rolle zu. Landschaftlich gibt es zwischen Georgien und der Schweiz etwelche Gemeinsamkeiten.