«Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich als achtjähriger Bub das erste Mal in der Kunstturnhalle stand. Und diese Liebe diesem Sport gegenüber ist bis heute ungebrochen», sagt Pablo Brägger. Keinen Moment habe er die Entscheidung für den Spitzensport je bereut, auch wenn das Training oft mit Schmerzen und Entbehrungen verbunden und der Weg an die Spitze teilweise hart und steinig war. Die Faszination für das Kunstturnen, das grosse, ambitionierte Ziel eines Tages Profisportler zu werden und eine Medaille an den Olympischen Spielen zu gewinnen, waren stets stärker als die Verlockungen des «normalen» Alltags.

Mit acht Jahren eher ein Spätzünder für den Beginn einer Profikarriere, machte Brägger die «verpassten» Jahre mit viel Willen, Fleiss und Motivation wett. Mit 14 Jahren entschied er sich für einen Umzug nach Magglingen in eine Gastfamilie, um sich noch zielgerichteter und konzentrierter seinen Plänen widmen zu können. Kein leichter Schritt für einen jungen Menschen in der Pubertät. Die Konsequenz? Nebst der Goldmedaille am Reck an der Europameisterschaft 2017 in Rumänien zieren diverse weitere Gold-, Silber- und Bronze-Medaillen an verschiedensten Europa- und Schweizermeisterschaften seine Sportler-Vita.

«Aufhören, solange ich noch mithalten kann»

Auch von Verletzungen blieb Brägger nicht verschont. Eine gröbere, unfallbedingte Ellenbogenverletzung zwang ihn 2008/2009 zu einer Zwangspause und kostete ihn ganze eineinhalb Jahre, um sich wieder auf das vorangegangene Niveau hoch zu kämpfen. Es folgten eine weitere unfallbedingte Ellbogenverletzung am anderen Arm und eine verschleissbedingte Knie-Problematik. «Die erste grosse Verletzung ist die Schwierigste. Danach kennt man die Etappen, die Stationen des körperlichen und psychologischen Genesungsprozesses und kann sich bereits zu Beginn darauf einstellen», sagt Brägger. Als herausforderndste Situation bezeichnet er die Zeit nach dem Europameistertitel. Die Ansprüche an sich selber waren gestiegen. «Ich hatte das Gefühl, den Erfolg toppen oder zumindest verteidigen zu müssen. Dieser Überehrgeiz war ungesund und kontraproduktiv.»

«Aktiven Profisport werde ich noch bis zur Olympiade im Juli 2021 in Tokyo betreiben. Ich hoffe, dass ich dort noch einmal mein ganzes Können zum Besten geben und Finalpunkte erkämpfen kann. Ich möchte aufhören, solange ich noch mithalten kann und noch nicht «aussortiert» werde», so der Neo-Münchwiler. Respekt vor dem selbstgewählten Karriere-Ende hat er kaum. Er freut sich, nach 20 Jahren Spitzensport seinem Leben eine etwas «normalere» Richtung zu geben. Ein Plan B ist bereits im Gepäck, hat er doch auch während seiner Turner-Laufbahn parallel nie eine fundierte Ausbildung aus den Augen verloren. Nebst den obligatorischen Schuljahren absolvierte Brägger die Handelsschule, die Sportler-RS und machte die Berufsmatur. Im September 2021 wird er in Winterthur ein Physiotherapie Studium beginnen. Vorausgesetzt, die Aufnahmeprüfungen werden bestanden. Privat freut er sich darauf, mehr Zeit mit seiner Lebenspartnerin in seinem neuen Wohnort Münchwilen verbringen zu dürfen und gelegentlich auch die Familienplanung in Angriff zu nehmen.

Etwas zurückgeben

Nicht nur der eigene Nachwuchs soll zukünftig von dem immensen Erfahrungsreichtum des Sportliebhabers profitieren. Kunstturnen und Sport im Allgemeinen werden ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens bleiben. So möchte Brägger sich längerfristig auch als Trainer für den Nachwuchs dieser Sportart engagieren. Einen Teil der dafür benötigten Ausbildung hat er bereits absolviert.