Paul Hubers Musik ist anspruchsvoll. Sie kann auch polarisieren. Zu Ehren des Komponisten, der vor fast 70 Jahren in Wil musikalisch vielseitig wirkte, nahm der Kammerchor Wil jedoch die Herausforderung an und sang Frühwerke von Paul Huber. Mit Orgelbegleitung von Wolfgang Sieber und a cappella. Der Kinder- und die Jugendchöre Singbox nahmen ihrerseits Werke aus den 1980er-Jahren auf. Sie standen unter der Leitung von Markus Leimgruber, der die Kinder und Jugendlichen perfekt auf ihren Auftritt vorbereitet hatte.


Jugendliche mit Tiefe

Für Natalie Strässle Baumann, Präsidentin des Kammerchors Wil, war es eine Freude, bei der Begrüssung eine vollbesetzte Kirche vor sich zu sehen. Sie vermutete, dass auch Paul Huber Freude am Konzert gehabt hätte. Der Kammerchor stieg mit «O salutaris hostia» ein; ein Hymnus zur Vesper an Marienfesten. Die Orgel gab das Thema vor, die Frauen nahmen es auf, die Bässe gaben ihm die Tiefe. Noch fehlte zu Beginn die einheitliche Klangfarbe, die Abstimmung aufeinander. Während der Chor vorne in der Kirche sang, erklangen die jugendlichen Stimmen von der Empore. «Salve Regina» sangen die Jugendchöre 1 und 2 mit feinen, beseelten Stimmen, dynamisch ausgestaltet, präzise und wie aus einem Guss. Es erstaunte, dass die Jugendlichen die Tiefe des Liedes, und erst noch in lateinisch gesungen, mit dieser Reife transportierten. Und als hätten die Zuhörenden unten in den Bänken den Atem angehalten, entstanden Bewegungen, nachdem der letzte Ton verklungen war.


«Gebete» von Paul Huber

Paul Huber hat 1947 die «Missa vocalis» geschrieben; bestimmt für die Advents- und Fastenzeit und deshalb ohne Gloria und Credo. Es war ein schlichtes Kyrie, das der Kammerchor a cappella sang. Fast nahtlos folgten das Sanctus, Benedictus und Agnus dei. Es gab helle Teile, aber auch das Ernste, das Nachdenkliche, das zur Advents- oder Fastenzeit gehört, schwang mit. «Seelen der Gerechten», «Justorium animae» hat Paul Huber 1985 erschaffen. Das Werk ist schlicht, strahlt eine Ruhe aus, da Töne lange ausgehalten werden. Der Kinderchor und der Jugendchor 1 sangen es und hielten dabei die Töne konstant. Es war wie ein Gebet zum 100. Geburtstag des gläubigen Komponisten, der seinen Glauben nicht besser auszudrücken vermochte als mit Musik. Und auch der Kammerchor «betete» und sang «Adoramus, op 5a», eine Motette, die für die Kreuzverehrung an Karfreitag gedacht ist. Wohltuend war der einheitliche Rhythmus der Stimmen, der einheitlich gesungene Text. Felicitas Gadient dirigierte weich und doch bestimmt.


Szenenwechsel

Und dann wurde es ganz anders. Der Kammerchor versammelte sich hinten in der Kirche, der Kinder- und Jugendchor kam dazu und zusammen schritten sie nach vorne und stellten sich auf den Chorstufen auf. Der «Wiler Sunntig» war instrumental bereits beim Sonnenaufgang. Wolfgang Sieber, der Komponist dieses neuen Werkes, spielte selber an der Orgel. Heinz Della Torre spielte als Bläser eine wichtige Rolle. Seine Instrumente: das Hälmi, ein Kuhhorn, das Alphorn, der Büchel und die Trompete. Der Musiker unterrichtet an der Musikschule Baar als Trompetenlehrer und spielt in verschiedenen Formationen. Die erste Stimme, die erklang war jene von Arlette Wismer. Sie jodelte von der Kanzel herunter. Sie vermittelte die Ruhe des Morgens, die Beschaulichkeit, das Aufgehobensein, das Vertrauen, dass der Tag gut verlaufen wird. Und wie er im Verlauf des «Wiler Sunntig» verlief. Der Gesamtchor nahm die Stimmung auf. Volkstümlich geprägt, erfrischend, überraschend und auf jeden Fall aussergewöhnlich. Die Orgel und das Horn schlugen Puzelbäume.

Kreatives Schaffen

Wolfgang Sieber ist 1954 geboren worden; in eine Musikerfamilie aus Lichtensteig. Er komponiert Werke verschiedener Stilrichtungen und ist seit 25 Jahren Stiftorganist an der Luzerner Hofkirche. Die Zusammenarbeit mit ihm war eine spontane Eingebung im Kammerchor Wil. Eigens für das Konzert vom Sonntag komponierte er letztes Jahr «Wiler Sunntig». Und dieser setzte sich so heiter, unbeschwert und überraschend weiter, wie er begonnen hatte. Es tauchten Elemente des Wiler Liedes Mis Städli auf und solche aus der «Missa vocalis» von Paul Huber. Die beiden Toggenburger trafen aufeinander – in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit. Da war der Gesang, der Jodel und die sakrale Musik, St. Nikolaus, der Patron der Kirche. Da war auch der Spass, das Versteckspiel und die Hüpferei. Mundwinkel hoben sich im Publikum. Wolfgang Sieber hat alle Register gezogen und bewiesen, dass Musik unendlich kreativ ist und sich vieles nebeneinander und miteinander verträgt. Das Konzert war ein Erlebnis. Der Applaus gross.