«Sie wollen das Billett nicht mit der App kaufen? So viel Zeit hätte ich auch gerne.» Oder: «Das Billett kauf ich schneller als andere ein SMS tippen.» Mit solchen und ähnlichen Sprüchen und einer sympathischen älteren Dame mit grauen Haaren, Brille und Lippen im SBB-Rot wirbt die SBB seit einiger Zeit für den elektronischen Billettkauf. 90 Prozent aller Billette würden heute bereits über die «selbstbedienten Kanäle» bezogen, so SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi auf Anfrage von hallowil.ch. Also, auf allen Wegen, die nicht über den direkten Kontakt an einem Schalter oder an einer «Drittverkaufsstelle» wie etwa in Avec- oder Migrolino-Shops bezogen werden.

Letztere werden bis auf ein paar wenige Ausnahmen Ende Jahr geschlossen. Auch die Verkaufsstelle im Migrolino-Shop Flawil. Shop-Leiter Roland Burger bedauert diesen Schritt, hat ihn aber kommen sehen. Denn die Schliessung war 2016 schon mal Thema: Anfangs 2018 hätten in der Ostschweiz insgesamt acht solcher Drittverkaufsstellen geschlossen werden sollen. In der hallowil.ch-Region wäre davon Flawil betroffen gewesen. «Damals war das ein grosses Thema», erzählt Burger. «Dieses Jahr ist aber alles anders: Die Leute haben jetzt vor allem ‹Corona› im Kopf.»

Persönliche Beratung in Uzwil und Gossau

2017 konnte die Schliessung dieser Verkaufsstellen noch aufgehalten werden. Eine vom Verkehrs-Club Schweiz (VCS) organisierte Unterschriftensammlung hatte schweizweit rund 32‘000 Unterschriften zusammengebracht und zur Annahme der beim Nationalrat eingereichten Petition geführt. Damit trat das «Moratorium für den Serviceabbau bei den SBB-Drittverkaufsstellen» in Kraft. Ende 2020 läuft dieses Moratorium nun aus und die Drittverkaufsstellen werden geschlossen, so auch jene in Flawil. Bei der Gemeinde heisst es, der Standort Flawil werde nicht an Bedeutung verlieren. Dennoch teilt Markus Scherrer, Informationsbeauftragter der Gemeinde, mit: «Der Abbau jedes Dienstleistungsangebots ist bedauerlich.» Der Gemeinderat wolle den Einwohnern schliesslich ein möglichst umfassendes Angebot unterbreiten können.

Shop-Leiter Roland Burger macht sich wegen der Schliessung vor allem Sorgen um Menschen, die entweder mit der Technik nicht zurecht kommen oder wegen Sprachbarrieren Schwierigkeiten haben. Burger sagt: «Vor allem ältere Menschen, die weder Smartphone noch Computer nutzen, sowie Migranten, die oft nur wenig Sprachkenntnis haben, werden in Zukunft Mühe haben, ein Billett zu lösen.» Für die persönliche Beratung stehen ab Januar 2021 die nächsten Reisezentren in Uzwil oder Gossau zur Verfügung. Das sind zwar nur vier Minuten mit dem Zug pro Weg, der ist aber kostenpflichtig. Das sind jedes Mal knapp drei Franken bei einer Gültigkeitsdauer von nur einer Stunde.

Kündigungen nicht ausgeschlossen

SBB-Sprecher Pallecchi sagt: «Alle kommen zu ihrem Billett. Sei dies mit Beratung am Schalter, am Billettautomaten mit oder ohne persönliche Fernunterstützung oder online, mobile, telefonisch von heimischen Sofa aus.» Die SBB biete Kurse und Schulungen mit Partnerorganisationen an, in denen Passagiere unterstützt würden, die «im Umgang mit selbstbedienten Kanälen noch Hemmnisse haben». Diese seien «stark nachgefragt». Auch genutzt würden Beratung und Billettverkauf am Telefon. Die Billette würden nach Hause geliefert. Die Lieferung erfolgt zwar ohne Portokosten, dafür wird aber beim Anruf der Ortstarif fällig. An den Billettautomaten sei zudem jeweils eine Telefonnummer angebracht, über die man bei Problemen Unterstützung erhalte. Diese «Helpline» sei gratis und rund um die Uhr zu erreichen. Es sei sogar möglich, dass der Automat durch die Beratungsperson aus der Ferne bedient würde. In Flawil stehen zwei solche Automaten: der Eine gegenüber des Migrolino-Shops, der Andere auf dem Perron der beiden Gleise. Für Passagiere, die nicht gut zu Fuss sind, ist das bisweilen ein weiter Weg.

Auch werde gerade in Flawil der direkte, persönliche Kontakt enorm geschätzt, sagt Shop-Leiter Roland Burger. Natürlich gäbe es auch jetzt schon Leute, die ihr Billett lieber via App oder Website lösen. Und auch die beiden Automaten werden genutzt. «Es ist aber oft so, dass jemand den Kaffee am Morgen bei uns holt und dann gleich auch ein Billett löst.» So werde denn die Schliessung auch Auswirkungen auf die Kundenfrequenz im Migrolino-Shop haben. Derzeit verkaufen vier Mitarbeitende neben den Shop-Produkten auch SBB-Billette, ab Januar 2021 fällt diese Aufgabe weg. Damit einher geht eine Reduktion oder Verteilung von insgesamt 180 Stellenprozenten auf den Shop, wie Roland Burger erklärt: «Die Einsatzzeiten müssen überprüft und angepasst werden.» Dass es auch zu Kündigungen kommen wird, könne er nicht ausschliessen. «Diesen Schritt würde ich sehr bedauern.»

Wenn Roland Burger sich wünschen könnte wie es weitergeht, dann würde er mit dem Billettverkauf weitermachen. «Es wäre schön, würde nicht immer nur der Umsatz im Vordergrund stehen.»