Die Kunsthistorikerin Claudia Reeb kennt man in Wil als Vermittlerin von zeitgenössischem Schaffen. Gemeinsam mit ihrer Berufskollegin Dr. Gabrielle Obrist führt sie seit Jahren die Kunsthalle an der Grabenstrasse. Dass sie sich auch mit früheren Epochen der Kunstgeschichte bestens auskennt, zeigte sie am Freitagabend. Anlässlich der Bilderschau `Altstadt als Galerie` nahm sie rund zwei Dutzend Interessierten mit auf einen Kurzausflug in die Vergangenheit der bildenden Kunst. Zum Einstieg in ihr Referat im Wiler Hof „Selbstporträt – der Künstler als Kunstwerk“ zeigte Claudia Reeb das Beispiel einer klösterlichen Buchmalerei. Die Abbildung der eigenen Person nahm bereits im Mittelalter ihren Anfang. Eine Nonne hatte sich selber als Sünderin verewigt.

Einstieg über berühmte Meister
In der Folge warf der Beamer unterschiedliche Selbstdarstellungen von berühmten Meistern wie Botticelli, Michelangelo, Caravaggio, Dürer, van Eyck, Rembrandt, Gumpp, van Gogh und Salvador Dali auf die Leinwand. Sie alle gelten heute als Klassiker der Kunstgeschichte, beispielsweise der Kopf van Goghs mit einem Verband, nachdem er sich selber ein Ohr abgetrennt hatte.

„Immer wieder beschäftigte die Maler die Frage: Wer bin ich? Wo stehe ich?“, betonte die Expertin, die auch als Betriebsleiterin des Kunstmuseums Appenzell amtet.

Spiegel als wertvolles Hilfsmittel für Selbstportrait
In der bildnerischen Auseinandersetzung mit der eigenen Person waren Spiegel ein wichtiges Instrument, wie verschiedene gezeigte Beispiele veranschaulichten. Sie ermöglichten das Ausloten von perspektivischen Darstellungen und Verzerrungen. Der festgehaltene Blick auf sich selber war nicht eine blosse kreative Spielerei, die Künstler wollten gemäss Claudia Reeb „Inneres nach aussen dringen lassen“.

Unterschiedliche Temperamente
Im Anschluss an das 20-minütige Referat lud die Kunstexpertin die Besucher zu einem kurzen Spaziergang durch die stimmungsvoll beleuchtete Marktgasse ein, um vier Selbstbildnisse von Wiler Künstlern in Augenschein zu nehmen.

In der ehemaligen Boutique Fisch stellte sie ein Selbstportrait von Karl Glauner in jungen Jahren vor. Der stilistische Kontrast zum nächsten Maler könnte kaum grösser sein. Im Schaufenster der C. Naef AG war ein in wenigen kühnen Strichen gemaltes Abbild von Werner Hilber auf blauem Hintergrund zu sehen. Claudia Reeb beschrieb sein Selbstportrait als „bunt, witzig und schalkhaft“, während jenes von Karl Glauner dagegen ernst und tiefsinnig wirkt.

Wiler Künstler mit unterschiedlicher Malart
Auch das dritte vorgestellte Bildnis im Schaufenster von des Uhren- und Schmuckgeschäftes Venturini zeigt einen mit markanten Pinselstrichen und kräftigen Farben gemalten Werner Hilber. Während die Kunstexpertin ihre Eindrücke erläuterte, plätscherte im Hintergrund unablässig der Bärenbrunnen, den eine Figur Hilbers ziert.

Die letzte Station bildet der Finnshop, wo ein ernster Karl Peterli in Mantel und Baskenmütze die Betrachter durch das Schaufenster anblickt. Wie Claudia Reeb betonte, haben alle drei in Wil geborene Künstler ähnliche Lebensdaten, doch in ihrem Temperament unterschieden sie sich markant, was sich im Stil ihrer Selbstbildnisse augenfällig ausdrückt. Nach der Rückkehr in den Hof plauderten die Gäste bei einem Glas Wein in geselliger Runde über das Gehörte und Gesehene und liessen den Kulturabend allmählich ausklingen.

Fortsetzung folgt
Für den Initianten der Ausstellung, Simon Lumpert, zeigt sich auf Nachfrage, dass die Ausstellung ein Erfolg ist. „Die Rückmeldungen der Gewerbetreibenden sind durchwegs positiv“, freut sich der Präsident der Altstadtvereinigung.
Er fügt an: „Immer wieder sind in der Altstadt Passanten zu sehen, die mit den verteilten Flyern unterwegs sind und die einzelnen Bilder und Skulpturen aufsuchen.“ Die prächtigen Herbsttage in der ersten Ausstellungswoche seien für einen Altstadtbummel ideal gewesen. Für Lumpert ist klar: “Nach diesem Erfolg wird es irgendwann eine weitere Ausstellung in den Schaufenstern der Altstadt geben.“

Temporäre Kunstgalerie in Schaufenstern
Zwischen dem 13.Oktober und dem 3.November 2017 sind in über zwei Dutzend Schaufenstern der Altstadt Werkbeispiele von regional bekannten Wiler Künstlern zu sehen: Karl Glauner, Willy Buck, Bruno Berlinger, Hermi Breitenmoser, Karl und Lukas Peterli, Werner Hilber sowie Georg Rimensberger.

Bis auf Urban Blank sind alle in den letzten Jahren oder Jahrzehnten verstorben. Die präsentierten Bilder und Skulpturen stammen aus der Sammlung der Ortsgemeinde sowie aus privatem Besitz. Die von der Altstadtvereinigung initiierte Ausstellung soll Interessierten den historischen Stadtkern auf eine ungewohnte Weise erlebbar machen sowie Kunstgenuss auf eine unkomplizierte Weise bieten. (aze)