Das Buch ist die Betriebsanleitung meines fahrbaren Untersatzes. Dieser steht mit einem Plattfuss in der Garage und möchte wieder fahrtüchtig gemacht werden. Wo ich, respektive mein Autopneu, den Plattfuss eingefangen hat entzieht sich meinen Erinnerungen.

Vorbei die Zeit mit dem Pneuwechsel, mit welchem «Mann» eine seiner Kompetenzen zelebrieren konnte und danach mit schmutzigen Händen das Erfolgserlebnis so richtig geniessen konnte. Mein Auto hat gar keinen Ersatzreifen mehr und ist ausgestattet mit einem «Hightech Mobiliti Kit». Ein kleines Kästchen, das eher einem Drohnen-Steuergerät gleicht und dazu eine Dose mit gesundheitsschädlichem Inhalt, der meinen defekten Pneu für eine kurze Zeit fahrtüchtig machen soll.

Das Studium der Handhabung scheint ein Kinderspiel. Auf einer halben Seite eine Anleitung, analog dem einstigen Schlagertext von Mike Krüger «Du musst nur den Nippel durch die Lasche ziehn». Auf den weiteren fast zwei Seiten Warnungen, Gefahrenhinweise und Schreckensszenarien, was passieren könnte, wenn mein Kit nicht richtig angewendet würde oder allenfalls defekt oder das Gebrauchsdatum abgelaufen ist.

Mit der Androhung von Explosionen, Falschanwendungen mit Gesundheitsschädigungen als Folge und gar Todesfolgen mutet die Betriebsanleitung eher einem veritablen Krimi an, der erst nach Mitternacht über den Bildschirm flimmern kann, denn einer einfachen, verständlichen Hilfestellung, wie ich mein Auto wieder auf Vordermann bringen.

Gerne erinnere ich mich noch an den Ersatzreifen im Kofferraum, den grossen Schraubenschlüssel, den Wagenheber und die Anleitung in meinem Kopf. Habe ich doch seit Jahren den Pneuwechsel im Herbst und Frühling immer selber zelebriert und das mit immer neuem Zeitrekord für alle vier Reifen als ganz persönliches Ziel.

Da steht vor mir ein Drohnensteuergerät ein Fläschchen mit Substanzen, die ich mir durchaus auch in einer Mukibude – Trainingslokal für Bodybuilder – vorstellen könnte. Auch hier pumpen sich Körper mit undefinierbaren Substanzen zu muskulösen Michelin-Männchen auf und ist die Assoziation zu meinem Pneu-Problem.

Soll ich nun das Risiko einer angedrohten Explosion, einer Giftgaswolke in der Garage oder gesundheitsgefährdenden Aktionen vornehmen. Ich habe zum Glück einen guten und zuverlässigen Vertrauens-Garagisten, der mir weiterhilft. Schade, dass die moderne Autowelt keine Ersatzreifen mit Wagenheber und Schraubenschlüssel mehr vorsieht. Eine weitere männliche Kompetenz, die mir da abhandenkommt. Oder doch nicht? 

Mäni Rüegg*

* = Mäni Rüegg ist aktiver Lokaljournalist in Pension. Seit vielen Jahren beobachtet er das Geschehen in Wil und Umgebung. In der «hallowil.ch»-Kolumne «Mänis Perspektivenwechsel» nimmt er eine andere Sichtweise ein und berichtet ungeschminkt über Dinge, die einfach mal niedergeschrieben werden müssen.