Haben die Städter die Bodenhaftung und das Augenmass verloren? Die «arroganten Luxus-Sozialisten in den Städten»  würden mit überzogenen Forderungen der Bevölkerung auf dem Land schmarotzend auf der Tasche liegen, wetterte der SVP-Präsident Marco Chiesa am 1. August. Seit der polarisierenden Ansprache stehen die Stereotypen zur Landbevölkerung und zu den Städtern auf dem Prüfstand. hallowil.ch fragte die Wiler Stadträtin und Bäuerin Ursula Egli (SVP) aus Rossrüti nach ihrer Meinung, sie kennt beide Lebenswelten.

Frau Egli, haben Städter eine falsche Vorstellung vom Leben auf dem Land? Wenn ja, weshalb?
Viele Städter haben meiner Erfahrung nach tatsächlich eine Vorstellung vom Landleben, die nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht. Diese Vorstellungen gehen oft von einem Extrem zum andern. Das heisst, man meint entweder, auf dem Land lebe man noch in einer heilen Welt oder man hat den Eindruck, die Landwirtschaft sei ein Produktionsbetrieb, den man vom Schreibtisch aus mit dem Computer steuert.

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Bäuerin und Stadträtin Ursula Egli kennt beide Perspektiven des Stadt-Land-Grabens. (Foto: zVg) 

In Bezug auf Abstimmungsergebnisse wird öfters vom «Stadt-Land-Graben» gesprochen, worauf führen Sie diesen zurück?
Das liegt vermutlich an den unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen. Beim CO2-Gesetz beispielsweise hat die Landbevölkerung wohl eher an die höheren Bezinpreise gedacht, während man sich in der Stadt mehr Sorgen darüber macht, wie der CO2-Ausstoss verringert werden kann. Ähnlich bei der Kontroverse um den Wolf: Für die Städter ist offenbar der Schutz des Wolfs zentral, während auf dem Land der Schutz der Nutztiere vor dem Wolf mehr zählt, und der Wolf tatsächlich als Bedrohung und Gefahr wahrgenommen wird.

Wird der Graben zwischen Stadt und Land in der Schweiz nach Ihrer Einschätzung in den letzten Jahren tiefer?
Mein Eindruck ist, dass es in der Politik je länger je mehr Themen gibt, die in den Städten und auf dem Land ganz unterschiedlich aufgenommen werden, besonders im Bereich der Umwelt- und Klimapolitik.

Was haben die Städter der Landbevölkerung zu verdanken?
Die Versorgung mit frischen, einheimischen Lebensmitteln bei denen man weiss, wie sie hergestellt werden und die professionelle Landschaftspflege.

Und umgekehrt, was bringen andererseits die Städter den Menschen auf dem Land?
Sie sind die Kundschaft für die lokal produzierten Produkte oder Gäste in den Tourismusbetrieben.

Wie kann man Ihrer Meinung nach das gegenseitige Verständnis der Stadt- und der Landbevölkerung verbessern?
Ich meine, man sollte die Unterschiede nicht übertreiben, denn so gross sind sie gar nicht. Gerade in der kleinräumigen Schweiz ist der Austausch zwischen den Städtern und den Landbewohnern so, dass es zwar in einigen Bereichen unterschiedliche Sichtweisen gibt, das gegenseitige Verständnis aber im Allgemeinen gut ist. Früher war der Landdienst (heute Agriviva) obligatorisch, das hat das genseitige Verständnis auf praktische Art gefördert. Agriviva sollte wieder einen grösseren Stellenwert erhalten auf Stufe Sek I und II.

Sozusagen als Frau vom Land amten Sie seit diesem Jahr Stadträtin, welche besonderen Werte und Perspektiven bringen Sie mit Ihrem Erfahrungshintergrund in die Wiler Politik ein?
Mir ist die politische Bodenhaftung wichtig, damit ich auch als Stadträtin den Bezug zum Alltag als Bäuerin behalte und mich nicht nur im Umfeld der Politik bewege. Ansonsten könnte es dazu führen, dass man eine Perspektive bekommt, von der aus man die wirklichen Herausforderungen nicht mehr erkennen kann.

Wo fühlen Sie sich wohler, im Stall oder im Stadtparlament?
So einen Vergleich zu machen wäre ziemlich mutig. Ich fühle mich im Stadtparlament sehr wohl, weil es dort um Sachen geht, die für die Stadt und ihre Bevölkerung wichtig sind und die Atmosphäre trotz aller politischer Unterschiede sehr konstruktiv ist. Als Bäuerin mag ich natürlich auch den Umgang mit Tieren und das Werken mit den Händen.

Ihre Meinung zählt!

Was sagen Sie zum Stadt-Land-Graben? Und zu den Aussagen von Stadträtin Ursula Egli? Melden Sie sich per Mail bei der Redaktion.