Es ist ein warmer Samstagabend, als das Leitungsteam von «Wild» zum Pressetermin einlädt. Die erste Hauptprobe steht am 1. Juni an – also die erste Probe, an der das komplette Stück in Echtzeit aufgeführt wird. «Du hast Glück. Bei den letzten Durchläufen hatten wir auch mal Schnee», lacht Serafina. Die junge Frau trägt einen Fuchsschwanz am Gesäss, ihre Haare sind zu Ohren drapiert. Serafina lebt bereits praktisch ihr ganzes Leben im Guggenloch, wie sie sagt. Die historische, 500 Jahre alte Mühle ist schon lange zur Heimstatt von Künstlerinnen und Handwerkern geworden. Nun soll in der freien Natur das Theaterstück «Wild» aufgeführt werden. Viele Darsteller leben im Guggenloch, andere wohnen übers ganze Toggenburg verteilt.

Disco im Postauto

Eine davon ist Emily. Man kommt ins Gespräch, als sich ihre Gruppe auf den Weg zur Bushaltestelle in Lütisburg macht. Dort wird ein Postauto die Schauspieler aufnehmen und zum Probe-Publikum fahren. Die Zuschauer werden als «normale» Passagiere zusteigen, die Darstellerinnen dann bereits spielen. Sie habe zuvor keine Theatererfahrung gehabt, erzählt Emily. Über Freunde sei sie zu «Wild» gekommen. Nach intensiven Interviews mit den Theatermachern um Andrea Schulthess habe sie dann diese Rolle erhalten. Was sie am Stück gereizt hat? «Ich hatte im April meine Abschlussprüfung und wollte nach dem Studium nicht direkt in den Beruf wechseln. Lieber zuerst etwas anderes machen, mich ausdrücken», lacht die frischgebackene Akupunkteurin.

«Es geht los», ruft Angela Pina Ganzoni. Die Musikerin gehört zum Leitungsteam, hat zusammen mit Andrea Schulthess die Grundidee von «Wild» ausgearbeitet. Heute trägt sie einen Brautschleier aus Plastik, auf dem Rücken einen Verstärker, in der Hand das Mikrofon. Es erklingen Klänge wie vom Dancefloor; Emily beginnt, im Postauto mit ihrer Schauspiel-Partnerin zu tanzen. Zwei Städterinnen, die es auf der Suche nach einer netten Party ins ländliche Toggenburg verschlagen hat. Die Passagiere steigen zu, es ist nicht klar, wer Darsteller und wer neugieriger Probe-Gast ist. Via Bahnhof Lütisburg geht die Fahrt bis hoch übers Guggenloch. Und das eigentliche Stück beginnt, mit einem Abstieg in einen zauberhaften Märchenwald.

Zu Fuss die Stimmung erfahren

«Ich mag diese Theater-Form, mit dem Publikum unterwegs zu sein», hatte die Regisseurin Andrea Schulthess vor der Probe erklärt. Und tatsächlich ist bei «Wild» gutes Schuhwerk Pflicht. Das Publikum spaziert über Wanderwege, durch den Wald, über Bäche und Kiesplätze. An diesem Samstagabend kommt die Fitness-App des Schreibenden auf stolze 8000 Theater-Schritte. Die Atmosphäre in der wilden Guggenloch-Natur lässt einen den Alltag vergessen. Ein Stück, bei dem die Atmosphäre für ein mal mindestens so wichtig ist wie die erzählten Geschichten. Die vielen Überraschungen, Performances und nicht zuletzt der Klangteppich aus Naturgeräuschen und Musik sorgen für eine Stimmung, die man so schnell nicht vergisst.

«Wild – Ein Stück unter freiem Himmel». Kreation Andrea Schulthess und Angela Pina Ganzoni. Vom 6. bis 30. Juni im Guggenloch bei Lütisburg. Weitere Informationen und Reservationen: www.wildmond.ch