Am härtesten war es in Ulaanbaatar. Die mongolische Hauptstadt ist ein Hotspot für Kontorsion, eine Art der Bodenakrobatik, die extreme Beweglichkeit erfordert. Kontorsion ist ein zentrales Element in verschiedenen Programmen der Wilener Profi-Akrobatin Corinne Mathis. Passend nennt sie die Kunst, die in der Schweiz am prominentesten von Nina Burri vertreten wird: «Das Zusammenfalt-Zeug». Während ihres Aufenthalts an einer der renommiertesten Kontorsion-Schulen der Mongolei im Herbst 2017 wurde Mathis unter Anwendung unterschiedlicher Techniken während Wochen wortwörtlich zusammengefaltet.

Corinne Mathis sitzt am Esstisch in ihrem Haus in Wilen und zeigt auf ihrem Smartphone Fotos von den Trainings in der Mongolei. Auf einem ist zu sehen, wie sie zusammengeklappt auf einer Bank «sitzt», der Oberkörper mit einem Spannset an die Beine gezurrt, so dass ihr Kopf zwischen den Füssen liegt. Dazu zieht ein Trainer an ihren ausgestreckten Armen. Auf einem anderen Bild stützen sich zwei Trainer auf Mathis’ Beine um sie Richtung Boden zu drücken, während sie auf einer Bank liegt; wie im Spagat, nur auf dem Rücken, die Beine in der Luft. Nach einem Training habe sie sich überlegt die Übung abzubrechen. Heute sagt Mathis, dass sie nirgends so viel gelernt hat wie in Ulaanbaatar – ausser in der Küche ihres Mentors, der Handstand-Legende Claude Victoria im Elsass. Zu den mongolischen Trainern, die in ihrer Erzählung und auf den Fotos wie Folterknechte wirken, pflegt sie bis heute Kontakt. Manchmal, wenn sie gerade im gleichen Land sind, besuchen sie sich sogar.

Training via Video

Derzeit steht bei der Wilenerin vor allem eines an: trainieren. Sechs bis acht Stunden am Tag. Das Veranstaltungsverbot zur Eindämmung des Coronavirus trifft sie, die ihr Geld mit Show-Auftritten verdient, hart. Zwar bekomme sie 80 Prozent ihrer Einkünfte aus dem letzten Jahr als Erwerbsersatz. Wie bei den meisten selbstständigen Kunstschaffenden sei das alles andere als viel. Keine Shows machen zu können sei aber sozial und emotional genau so hart wie finanziell.

So sieht es aus, wenn Corinne Mathis Home-Office macht:

 

Die Artistin führt in ihren Trainingsraum im 1. Stock, den Ort, an dem sie in den vergangenen Wochen die meiste Zeit verbracht hat. Das helle Zimmer hat eine weisse Sprossenwand und hohe Fenster, die Vorhänge sind aufgezogen. Auf einer Kommode steht ein grosser Bildschirm. Via Video habe sie während der Quarantäne Trainings für Tanzschulen gegeben und mit Freunden trainiert, zum Beispiel mit solchen in Holland. Während sie erzählt, macht sie sich warm, geht in den Handstand, lässt sich in den Spagat fallen, rollt das Becken ein und aus. An Tagen, an denen sie keinen Auftritt hat – im Moment also immer – trainiere sie mehr als sechs Stunden.

National und international Medaillen

Nach Auftritten kommt am Morgen ein selbstentwickeltes Programm zur Regeneration dazu. Damit habe sie mit den Jahren angefangen. Man wird schnell alt im professionellen Turnen. Schon als Mädchen wurde Mathis Schweizermeisterin in Gymnastik und Bodenturnen. Seither sind viele weitere, auch internationale, Medaillen und Artistenpreise dazugekommen. Zuletzt war Mathis im Nationalkader der Sportakrobatik und gewann mit Partnerin Kerstin Wadsack, die damals noch Gellert hiess, den Publikumspreis bei der «Das Zelt»-Show Swiss Talent Award.

Handstand. Das Wort erinnert zunächst an den Turnunterricht. Doch die Übung ist eine Wissenschaft für sich, den Handstand gibt es in unzähligen Variationen. In der Sportakrobatik ist er der Ausgangspunkt für fast alles. Und er ist der Dreh- und Angelpunkt von Corinne Mathis’ Kunst. Das zeigt schon ein Blick auf ihr Trainingsprogramm in der Corona-Zeit: 2 bis 3 Stunden Beweglichkeit, eine bis vier Stunden Handstand pro Tag, dazu weiteres Krafttraining. Als Oberfrau macht Mathis den Handstand auf den gestreckten Armen ihrer Unterfrau, als Solo-Artistin am Boden, auf niederen Stützen oder auf drei Meter hohen Ständern – auch einarmig.

Einflüsse aus Breaktdance und Hip-Hop

Dank der Akrobatik und Tanz ist Corinne Mathis in der Welt herumgekommen. Sie war an Artistenschulen in Paris, London, Los Angeles, San Diego, in Macao (China) und eben in der Mongolei. Entlang ihrer Stationen haben sich ihr Netzwerk und ihr tänzerisches Repertoire ständig erweitert. Schon als Sechsjährige wurde Mathis bei einer russischen Profi-Tänzerin in Ballett ausgebildet. Nach Ballett, Jazz-Tanz und Bodenturnen kamen nach und nach Einflüsse aus Breakdance, Hip-Hop, Sportakrobatik und Pole-Akrobatik dazu. Sie tritt Solo oder im Team auf – auch mal mit einem Rapper, einem Saxophonisten oder mit der Sängerin und Pianistin Larissa Baumann. Man kann Mathis für Firmenanlässe buchen, sie tritt aber auch in Variétés auf oder bei Galas, zum Beispiel beim Zirkus Monti.

«Ich überlege, was ich wo bringen kann»

Auf all diesen Bühnen – eine hatte mal 15 Prozent Gefälle – hat Mathis auch skurrile Episoden erlebt. Zum Beispiel an einem Event mit Käsefondue im Publikum; Das verdunstende Fett habe die Pole-Stange so rutschig gemacht, dass sie sich kaum daran halten konnte. Oder bei Animations-Auftritten in Clubs. Je nach Startzeit müsse sie die Stange dort schon mal auf einem mit Scherben übersäten Boden, umgeben von betrunkenen Tanzenden aufstellen.

Ob auf dem Tisch oder an der Stange: Mathis zeigt viel von ihrem perfekt austrainierten Körper. Gerade Kontorsion und Pole-Akrobatik spielen auch stark mit erotischen Bildern. Auf die Frage, ob das an Auftritten auch schon zu unangenehmen Situationen geführt habe, sagt die Artistin: «Ich habe dazugelernt. Heute überlege ich mir gut, was ich wo bringen kann.» Um der Assoziation mit einem Stripclub vorzubeugen, tanze sie etwa wenn immer möglich an einem schwarzen «Chinesischen Masten» statt einer verchromten Stange. Und manchmal trage sie Strümpfe oder einen langen Rock. Eine Pole-Nummer geschmackvoll zu machen, ohne dass sie prüde wirkt, sei aber eine Gratwanderung. Generell helfe es, sie am Schluss eines Programms zu bringen: «Dann haben mich die Leute längst als Sportlerin wahrgenommen.»