In dieser Nacht dürfte niemand an Schlaf gedacht haben. Wil wurde zum zweiten Mal innert weniger Tage angegriffen. C.G.J. Sailer beschreibt in einem 1914 erschienene Buch «Chronik von Wil» jene dramatischen Ereignisse so: «Donnerstag, den 21.Mai 1445, gleich vor Mitternacht kam Hans von Rechberg mit den Zürchern und der österreichischen Besatzung Zürichs, den Grafen Rudolf von Lützelstein und Rudolf von Helfenstein, mehrere tausend Mann stark vor Wyl. Sie beschossen und ängstigten dasselbe über volle vier Stunden lang mit feurigen Kugeln und feurigen Pfeilen, legten von zwei Seiten die Leitern an und stürmten fortwährend.»

Unterstützung durch Verbündete

«Während die Männer auf den Mauern und bei den Geschossen standen, die Sturmglocken heulten, gingen die Weiber und Kinder in die Kirche, flehten mit Tränen in den Augen und ausgestreckten Armen zu Gott und der Mutter Maria und dem lieben treuen Hausherren Gallus, dem Wyl angehörte, und riefen um Barmherzigkeit und Hilfe für Wyl in seiner grössten Not.» 

Gegen Morgen liessen sie Belagerer ab und zogen sich so überstürzt zurück, dass sie etliches Kriegsgerät liegenliessen. Den Wilern erschien es, als seien ihre Gebete um himmlischen Beistand erhört worden. Während die Wiler keine Toten zu beklagen hatten, kamen gegen 100 Gegner ums Leben.

Beim Angriff war die Stadtbevölkerung vergleichsweise glimpflich davon gekommen. Es hätte auch zu Plünderungen und zu Brandschatzungen kommen können. C.G.J. Sailer vermutet hinter dem Rückzug der Truppen «natürliche Gründe». Da ringsum die Sturmglocken geläutet wurden, fürchteten die Belagerer, von zu Hilfe eilenden Verbündeten der Wiler eingekesselt zu werden. Es sollen sich bereits mit den Wilern solidarische Glarner und Schwyzer auf den Weg gemacht haben um Beistand zu leisten.

Prozession zu den Stadttoren

Aus Dankbarkeit für die Unterstützung durch die himmlischen Mächte begründeten die Wiler eine Pfingstprozession. Die Teilnahme war für die Bevölkerung Pflicht, andernfalls wurde eine Busse ausgesprochen. Zu diesen Pfingst-Feierlichkeiten wurden an die Bevölkerung Brot und Wein abgegeben. Aus den Fenstern des Heiliggeistspitals, das an der der Stelle des heutigen Kirchplatzschulhauses stand, wurden Nüsse und Dörrobst an die Stadtjugend verteilt.

Im Gedenken an die dramatischen Ereignisse findet noch heute eines Dankprozession statt. Sie führt zu den vier Stadttoren, von denen nur noch eines erhalten ist. «Das Spezielle an diesem Brauch ist, dass er nicht von der Kirche angeordnet wurde, sondern von den Bürgern gewünscht wurde», sagt Ruedi Schär vom Infocenter der Stadt Wil. 


Umkränzte Bögen in der Stadt

Wil hatte einst eine reiche Tradition an kirchlichen Prozessionen. Als besonders festlich und feierlich galt die Fronleichnamsprozession. Vor drei bis vier Jahrzehnten wurde dieser Brauch aufgegeben. Für den alljährlichen Ritus wurden die Häuser üppig geschmückt, Altäre unter freiem Himmel aufgestellt und die Strassen mit hölzernen Bogen überspannt. Diese waren ihrerseits mit Blattwerk und mit Tannenreisig versehen wurden, ähnlich einem Adventskranz. Das gemeinsame Umwickeln und Aufrichten der Bögen stärkte den sozialen Zusammenhalt in der Stadt, indem es unterschiedliche Menschen und Bevölkerungsgruppen beim gemeinsamen Tun zusammenbrachte, wie sich Schär erinnert. 

In vergangenen Zeiten waren auch Prozessionen zu Ehren des Stadtpatrons Pankratius üblich. Seine Reliquien wurden alle 50 Jahre feierlich durch die Stadt getragen. Letztmals fand dieser Brauch, der von Böllerschüssen und Glockengeläut begleitet wurde, 1922 anlässlich der 250 Jahrfeier des Eintreffens der Reliquien des Heiligen in Wil statt. Eine vergleichsweise kleine Prozession findet noch heute am Palmsonntag statt, zum Gedenken des feierlichen Einzuges zu Jesus in Jerusalem. Dabei werden palmgeschmückte Kreuze vom Baronenhaus zur Kirche St. Nikolaus getragen.

Glaubensvermittlung durch Symbole

So wie in vielen Städten und Gemeinden gehört zur Palmsonntagsprozession ehemals ein hölzerner Esel dazu, der mitgezogen wurde. Er erinnerte daran, dass Jesus auf einem Grautier geritten kam. Die Nachbildung hatte symbolische Bedeutung.

Der grösste Teil der Bevölkerung war in vergangenen Jahrhunderten des Lesens und des Schreibens unkundig, die Glaubensinhalte wurden ihnen durch Predigten, Bildnisse, Heiligenstatuen sowie durch kultische Handlungen vermittelt. Der kunsthistorisch besonders wertvolle Esel aus Wil steht heute im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich.