Dr. med. Andreas Fuchs, Oberarzt Offene Therapie Station A07 der Psychiatrie St. Gallen Nord, stand den Anwesenden in einer offenen Fragestunde zur Verfügung.
Trotz des milden Sommerabend fanden sich sehr zahlreiche Besucherinnen und Besucher in der Aula ein. Esther Scherer von der Angehörigenberatung begrüsste die Gäste und betonte, wie wichtig den Verantwortlichen die Öffentlichkeitsarbeit ist, vor allem zur Information und Entstigmatisierung. Die acht Vorträge pro Jahr sollen dazu beitragen.

Viele offene Fragen
Psychopharmaka PF – Medikamente zur Behandlung psychischer Erkrankungen - geben immer zu reden. Man hört so viel und weiss doch so wenig. Die Erwartungen sind ebenso gross wie die Angst vor Nebenwirkungen. So bat Dr. Fuchs die Anwesenden Fragen zu stellen, die er notierte und auf der Dia-Wand zeigte. Es waren 35 an der Zahl zu Themen wie: Kombinationen, Nebenwirkungen, Abhängigkeit, PF bei Kindern, Ängste, Mitentscheidungsrecht, Anlaufstellen für psychisch kranke Kinder, Wann werden PF eingesetzt, Bekämpfung der Ursache oder der Symptome, Mitspracherecht der Patienten und viele mehr, ein Thema, das bewegt. Dr. Fuchs beantwortete so viel wie in eineinhalb Stunden möglich war. Die vielen meist untereinander verbundenen Fragen und Antworten hier aufzuzeigen, wäre eine umfassende Arbeit und in wenigen Sätzen nicht möglich.

Vier Hauptgruppen
Dr. Fuchs teilte die Medikamente ein die vier Hauptgruppen Antidepressiva, Neuraleptika, Schlaf- und Beruhigungsmittel und Stimmungsstabilisatoren sowie die dazugehörenden bekanntesten Produkte. «Wieviel Wahnsinn ist tragbar» wollte jemand wissen. Die Antwort: "so viel, wie die Umgebung aushält, das Verhalten keine Angst auslöst oder negativ auf das Umfeld wirkt, sowie das Funktionsniveau nicht wesentlich beeinträchtigt wird und zwar im privaten wie auch im beruflichen Bereich". Dabei müsse man wissen, dass sich der Betroffene selber nicht krank fühlt.

Wie funktionieren Psychopharmaka
PF wirken - im Gegensatz zu Schmerzmitteln - immer auf das Hirn, wo die verschiedenen psychischen Krankheiten durch «Fehlzündungen und oder Fehlschaltungen» entstehen. Das Hirn besteht aus einem riesigen Geflecht aus Nervenzellen, die miteinander vernetzt sind – was bei psychischen Krankheiten nicht mehr perfekt ist. Betroffen sind meist die äusserst wichtigen Verbindungsstellen, wo die Botenstoffe weitergetragen werden. Es sind denn auch die Medis, welche besonders die Botenstoffe unterstützen. Es gibt sehr viel differenzierte Produkte, sodass es gilt, für jeden einzelnen Patienten genau das herauszufiltern, das seine Symptome beeinflusst, was wiederum genaue Abklärungen, immenses Fachwissen und grosse Erfahrung erfordert.

Medikamente und Mitspracherecht
Dass jedes Medikament nebst der Wirkung auch Nebenwirkungen machen kann, versteht sich von selbst. Schlaf- und Beruhigungsmittel können Müdigkeit erzeugen, Medi und Alkohol geht gar nicht, auch ein Medikamentencocktail kann diverse Folgen zeigen. Der Patient oder die Angehörigen haben ein Mitspracherecht und werden über allfällige Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen aufgeklärt. Diese sind von Mensch zu Mensch verschieden. Niemand kann zur Einnahme gezwungen werden, ausser bei Gewaltattacken. Das einzige pflanzliche Antidrepressiva ist das Johanniskraut.

Mehr Segen als Fluch
Dr. Fuchs betonte: «Alles ist nicht heilbar, nicht alle Symptome können bekämpft werden. Auch die immer besser werdenden Psychopharmaka können keine Wunder vollbringen». Trotzdem ist er überzeugt, dass mehr Segen als Fluch auf den Psychopharmaka ruht, vor allem wenn man bedenkt, wie vor 50 und mehr Jahren mit den Patienten umgegangen worden ist. Sie wurden ins Zwangsjacken gesteckt, eingesperrt, mit eiskaltem Wasser übergossen usw. Man war der Krankheit gegenüber hilflos und wusste viel zu wenig. Solche Methoden sind heute nicht mehr denkbar, aber auch nicht mehr notwendig, denn es gibt sie – die vieles erleichternden Psychopharmaka, die einer grossen Zahl von Kranken einen fast normalen Alltag ermöglichen - und die Forschung geht weiter.