Das Coronavirus hat unser Leben in den letzten Wochen verändert. Es hat uns in unserer Freiheit und unserem Arbeitsalltag eingeschränkt: Wir müssen zu Hause bleiben und – wenn möglich – gehen wir mit dem Homeoffice unserer Arbeit nach. Wir haben den sozialen Kontakt zu unseren Liebsten abgebrochen und zu Arbeitskollegen halten wir Abstand. Keine Frage, diese verschärften Massnahmen des Bundes sind notwendig, um die steigende Zahl der Infizierten einzudämmen und um die Risikogruppen zu schützen. Für die meisten Menschen der Bevölkerung ist das alles einfach einzuhalten. Für einige Menschen ist diese Selbstisolation eine Hölle, denn sie sind zu Hause alles andere als sicher. 

Seit Paare und Familien nun den ganzen Tag zusammen in der Wohnung oder im Haus verbringen müssen, steigt das Konfliktpotenzial. Das erklärt Silvia Vetsch, Leiterin des Frauenhauses St. Gallen, gegenüber hallowil.ch. «Seit Montag fällt uns auf, dass es zu mehr Anfragen in Bezug auf häusliche Gewalt in dieser ausserordentlichen Zeit gekommen ist», sagt Vetsch. Bei ihnen seien Anrufe aus dem ganzen Kanton eingegangen. Aus dem Grossraum Wil habe sich lediglich ein Gewaltopfer aus Uzwil gemeldet. Grund für die erhöhte Gewalt ist das Zusammenleben auf engsten Raum und über eine längere Zeit. «Gerade weil die Menschen aktuell in ihrer Freiheit eingeschränkt sind», weiss Vetsch. Man finde keinen Ausgleich wie Sport im Fitnessstudio oder beim Mannschaftssport, man könne nicht ins Kino oder Freunde im Restaurant treffen. Fakt ist, dass vor allem auch finanzielle Sorgen zu Stress und anschliessend Gewalt führen können. «Viele Menschen in der Bevölkerung sind aktuell von der Kurzarbeit betroffen, was bei einigen auch Existenzängste hervorruft», erklärt Vetsch, «das wiederum kann zu Aggressionen und Gewalt führen.» Ein weiteres Konfliktpotenzial: Viele Paare befinden sich während der Corona-Krise nicht nur auf engstem Raum, sie müssen auch noch die Kinder ganztags betreuen sowie deren Lehrplan wegen der Schulschliessung einhalten. «Auch das kann Stress auslösen», weiss Vetsch.

Kaum noch geschützt

Die aktuelle Corona-Krise stellt für die Opfer von häuslicher Gewalt ein zentrales Problem dar: Weil Schulen geschlossen sind, in vielen Unternehmen das Homeoffice herrscht und kaum noch sozialer Kontakt zur Aussenwelt besteht, stehen die Opfer aktuell unter noch höherem psychischem Druck. «Sie sind kaum noch geschützt und stehen permanent unter Kontrolle ihres Täters», sagt Brigitte Huber, Geschäftsleiterin der Opferhilfe der Kantone St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. Sie seien nun ständig den bedrohlichen Gewaltsituationen ausgesetzt. «Sie sind nur noch geschützt, wenn ihre Täter zur Arbeit gehen oder einen Einkauf erledigen», so Huber. Weil Gewaltopfer kaum noch alleine zu Hause seien, sei es für sie auch schwierig sich telefonisch bei Opferhilfestellen zu melden. Die beiden Expertinnen empfehlen, einsame Augenblicke zu nutzen und sich Hilfe zu holen. «Alternativ kann man auch eine E-Mail schreiben», so Huber, die in den nächsten Wochen einen noch höheren Ansturm der betroffenen Opfer rechnet. «Sollten die verschärften Massnahmen länger als bis zum 19. April andauern, wird sich die Situation für missbrauchte Menschen noch weiter zuspitzen», meint Huber. 

Gerade weil viele Opfer in dieser ausserordentlichen Situation, in der sich die ganze Schweiz befindet, nun auf sich alleine gestellt sind, ist es umso wichtiger, dass sie sich bei Opferhilfestellen melden. «In akuten Fällen ruft man am besten die Polizei an», sagt Huber von der Opferhilfe. Dabei appelliert sie zusammen mit Frauenhaus-Leiterin Vetsch auch an die Bevölkerung: Wer Gewalt durch Türen, Wände und Fenster hört oder auf der Strasse sieht, soll aktiv werden und den Opfern helfen. «So schwer es auch für die Opfer ist, können Nachbarn während der Corona-Krise eine wichtige Anlaufstelle sein», sagt Vetsch, die Opfern rät, ihre Nachbarn über ihre bedrohliche Situation zu informieren. «Nun sind auch Lehrpersonen oder Arbeitskollegen, die ein Gewaltopfer kennen oder Gewalt bei einer bekannten Person vermuten, gefordert», sagt Huber, «sie sollen aktiv bei den Opfern nachfragen.» Folgende Institutionen können helfen:

Polizei, Notruf 117

Frauenhaus St. Gallen, SOS-Nummer 071 250 03 45,

Opferhilfe St. Gallen, Notrufnummer 071 227 11 00

Kinderschutzzentrum St. Gallen, Kinder- und Jugendnotruf 071 243 77 77

Soforthilfe nach sexueller Gewalt, SOS-Nummer 071 494 94 94

«Das Problem an der ganzen Sache ist, dass sich viele Opfer selbst für Hinzu kommt, dass viele Frauen sich selbst für die Gewalt verantwortlich machen, die sie erleben», weiss Huber. Es gebe aber auch Opfer, die nicht merken, dass in der Beziehung oder in der Familie etwas falsch läuft.  Dabei betont die Expertin, dass es nicht nur physische Gewalt gibt. «Zu Missbrauch gehören auch sexuelle, psychische und emotionale Gewalt.» Diese seien genauso schlimm wie körperliche Verletzungen. 

St. Galler Frauenhaus sucht nach weiteren Lösungen

«Während der Isolation von der sozialen Aussenwelt ist das Gewaltrisiko vor allem in Haushalten vorhanden, in denen es bereits vor der Corona-Krise zu Gewalt gekommen ist oder in Beziehungen in denen Aggression herrscht», weiss Vetsch. Auch Sie rechnet damit, dass es in nächster Zeit zu mehr Gewalttaten kommen wird. Und mit der Corona-Krise stehen auch die Schweizer Frauenhäuser vor grossen Problemen. «Auch in der aktuellen Lage haben wir geöffnet», erklärt Vetsch, «aber wir sind jetzt schon fast voll.» Deshalb arbeiten die St. Galler Frauenhaus-Leiterin und ihr Team bereits jetzt unter Hochdruck an Lösungen. Denn in den meisten Kantonen sind freie Plätze kaum vorhanden. «Das Zürcher Frauenhaus nimmt aktuell keine neuen Opfer auf, weil sich im Haus eine infizierte Frau befindet», sagt Vetsch. Deshalb arbeitet das St. Galler Frauenhaus auch eng mit der Regierung zusammen. Denn bei diesem Thema sei auch die Politik gefordert. Verschiedene Institutionen oder auch Hotels haben sich bei Vetsch gemeldet, die bei einem Platzmangel ihre freien Räume den Gewaltopfer anbieten können. «Auch in der Corona-Krise wird keine Frau allein gelassen», verspricht Vetsch, «wir werden unser Bestmögliches tun und jedem Opfer, das sich bei uns meldet, helfen.»