«Iisinge! Alli ufd Bühni!» Es ist Freitagmorgen, zwölf Tage vor der Premiere des traditionellen Kathi-Musicals. Dieses Jahr heisst es «Queen Cathy» und spielt 1921 auf einem Transatlantikliner. Vieles erinnert an die Titanic, nur: «Wir werden nicht untergehen.» Das verrät Musiklehrer Lucius Notter, der zum diesjährigen Musicalteam gehört – und der die Mädchen der Sekundarschule St. Katharina in Wil dazu aufgefordert hat, mit der Hauptrobe loszulegen. Die Mädchen, die alle am Ende der 3. Sekundarklasse sind, folgen dem Aufruf, mehr oder weniger schnell. Eine Darstellerin wird noch vermisst, sie müsse sich noch umziehen und schminken, ruft eines der Mädchen. Lucius Notter seufzt: «Ganz egal wie, sie soll einfach kommen.» Und dann stehen die Mädchen auf der Bühne, Meeresrauschen und ein Nebelhorn erklingen.

Im Gepäck: Hoffnung und eine teure Kette

Die Geschichte: Am 18. April 1921 verlässt der Transatlantikliner «Queen Cathy» den Hafen von Hamburg in Richtung New York. Die Passagiere haben «im Gepäck die Hoffnung auf ein besseres Leben», heisst es im Musicalbeschrieb. Während der 3000-Seemeilen-langen Überfahrt wird eine teure Diamanthalskette einer reichen, älteren Berner Dame gestohlen. Aus der Auswanderergeschichte wird ein Krimi.

An Bord: Passagiere aus Hamburg, die ein norddeutsch gefärbtes Hochdeutsch sprechen, Passagiere aus der Schweiz, die sich in verschiedenen Dialekten unterhalten, überhaupt sind Passagiere aus ganz Europa an Bord, auch italienisch ist zu hören. Und dann gibt es auch noch Mitglieder der Crew wie die Personalchefin Jane Baker, die von Anja Kümin gespielt wird, die Deutsch mit englischem Einschlag spricht.

«Die verschiedenen Sprachen und Dialekte waren eine besonders schöne Herausforderung dieses Jahr», erzählt Bruno Mock, der seit 2007 Theaterpädagoge am Kathi ist. Im Grunde sässen die gesprochenen und gesungenen Texte rasch. Schwieriger sei es, den richtigen Zeitpunkt für die Übergänge, Licht, Ton, Kulissenwechsel zu erkennen und darauf zu reagieren, erklärt Theaterpädagoge Mock. Es falle manchmal schwer, das Zepter aus der Hand zu geben, ergänzt Musiklehrer Notter: «Die Mädchen stehen ohne Lehrperson auf der Bühne und müssen improvisieren, wenn etwas nicht klappt. Aber das machen sie sehr gut.» Seine Nervosität habe sich inzwischen ein bisschen gelegt. Und wie sieht es bei den Mädchen aus? Norah Scheiwiler, die eine Matrosin und Tänzerin spielt, sagt, die einen Schülerinnen seien sehr nervös, die anderen kaum. Sie selbst scheint nicht besonders geplagt vom Lampenfieber.

Geschminkt und kostümiert

Die Hauptprobe vom Freitag ist eine kleine Premiere vor der Premiere, denn die Mädchen proben heute zum ersten Mal alle in ihren Kostümen, sind geschminkt und frisiert worden und dürfen auch wieder ohne Hygienemasken singen. Das freut alle, besonders aber die Schülerinnen, denn das Proben mit Maske sei doch anstrengender gewesen als es Musicalproben ohnehin schon sind. Dass sie überhaupt wieder singen dürfen, ist erst seit April diesen Jahres sicher. Zuvor galt wegen der Coronapandemie ein Gesangsverbot. Die Schülerinnen hätten schon geübt, nämlich alleine zu Hause vor dem Computer. Tools wie etwa die Software Teams habe das Proben aus der Ferne möglich gemacht, es sei auch mal ganz in Ordnung keine Zuhörer zu haben, sagen die Mädchen. Aber es sei eben doch nicht dasselbe, wenn die Rückmeldungen fehlten.

100 statt 50

Im letzten Jahr konnte die Aufführung des Musicals coronabedingt nicht stattfinden, umso grösser ist die Freude, dass die Aufführung dieses Jahr vor Publikum klappt. Und nicht nur das: «Wir haben zwar immer damit spekuliert, dass wir mindestens vor den Eltern spielen können», erzählt Schulleiterin Corinne Alder, «und nun dürfen sogar 100 Personen pro Vorstellung zuschauen!» Das Kathi-Musical ist seit über 20 Jahren so etwas wie der Höhepunkt am Ende der 3. Sekundarklasse. Der pädagogische Wert sei nicht zu unterschätzen, bestätigt auch Erminia Hofer, Klassenlehrerin der 3a und Mitglied vom Musicalteam. Die Schülerinnen würden mit diesem Projekt lernen, selbstständig und selbstbewusst mit Situationen umzugehen sowie Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein zu zeigen. Zudem könne eine Leidenschaft geweckt werden, ergänzt Schulleiterin Corinne Alder. So habe sie erst kürzlich zufällig die Mutter einer ehemaligen Schülerin getroffen. «Ihre Tochter wurde in der Universität der Künste in Berlin aufgenommen – trotz Numerus Clausus.»

Entwickelt und geschrieben wurde das Stück dieses Mal «inhouse», und zwar von Lucius Notter und Erminia Hofer. Dass die Lehrpersonen federführend waren, heisst aber noch lange nicht, dass sie das Stück in Eigenregie realisiert haben, ganz im Gegenteil: «Die Rückmeldungen der Mädchen sind uns sehr wichtig.» Wenn eine Schülerin etwas so nicht sagen würde oder wenn etwas nicht zur Rolle passt, so sei das Script entsprechend angepasst worden. Auch, dass aus der Auswanderergeschichte ein Krimi wird, ist die Idee der Schülerinnen.

Ob die gestohlene Halskette der Berner Passagierin wieder auftaucht, wird an dieser Stelle nicht verraten. Die Auflösung kann man selbst anschauen, und zwar an den folgenden Tagen. Ab dem 27. Juli wird zudem eine gefilmte Aufführung auf der Kathi-Website verfügbar sein.

Premiere und weitere Aufführungsdaten

Am Mittwoch, 16.6.21 um 19:30 Uhr heisst es «Anker lichten und Leinen los», denn dann sticht die Queen Cathy zum ersten Mal in See. Die nächsten Aufführungen finden wie folgt statt:

  • Freitag, 18.6.21, 19:30 Uhr
  • Samstag, 19.6.21, 19:30 Uhr
  • Sonntag, 20.6.21, 16 Uhr
  • Freitag, 25.6.21, 19:30 Uhr
  • Samstag, 26.6.21, 19:30 Uhr
  • Sonntag, 27.6.21, 16 Uhr
  • Mittwoch, 30.6.21, 16 Uhr
  • Donnerstag, 1.7.21, 19:30 Uhr