«Brunnengasse 8» ist ein Dokumentarfilm über ein Haus in der Zürcher Altstadt und seine ältesteste Bewohnerin, Silvana Lattmann. Die historische Liegenschaft befindet sich heute im Besitz der Stadt Zürich.

Das Haus wurde um 1330 mit prächtigen Wandmalereien ausgestattet. Die jüdischen Auftraggeber gehörten zur Zürcher Elite und betätigten sich in Kreditgeschäfte. Moses war zudem Rabbiner und verfasste einen Kommentar, der noch heute unter Rabbinern weltweit bekannt ist. Im Zürcher Progrom von 1349 wurde die Familie vertrieben bzw. ermordet. Im Film erzählen sechs Menschen und eine Maus vom Zusammenleben zwischen Juden und Christen, zwischen Minderheiten und Mehrheiten, damals wie heute.

Post inside
Silvana Lattmann, Jahrgang 1918, ist die Hauptperson im Film. (Foto: zVg) 

Für die Leserinnen und Leser von hallowil.ch erzählt die Filmautorin über die Entstehungsgeschichte von Brunnengasse 8: 

hallowil: Frau Keller, was brachte Sie auf das Thema Ihres Films «Brunnengasse 8»? Im Jahr 2015 zeigte ich meinen Film WHATEVER COMES NEXT. Im CINEWIL war Weltpremiere, später zeigte ich ihn in anderen Schweizer Kinos. Eine Freundin und Kollegin an der Uni Zürich, die Italienischprofessorin Tatiana Crivelli, sah den Film, liess sich vom Stil inspirieren und machte mich auf die Lebensgeschichte von Silvana Lattmann aufmerksam. Die Dichterin, eine gebürtige Italienerin mit Jahrgang 1918, die in den Fünfzigerjahren nach St. Gallen geheiratet hatte, hat eine eindrückliche Lebensgeschichte.

Ich glaube, es war 2016, als ich mit Tatiana zu Silvana ging, denn ich wusste ja nicht, wo Silvana wohnte. Wir gingen durch die Zürcher Altstadt und klingelten an der Brunngasse 8. Als Mittelalterforscherin wusste ich, was für ein geschichtsträchtiges Haus das ist, aber als ich feststellte, dass Silvana ausgerechnet in der Wohnung mit den Wandmalereien wohnte, war es wie ein Blitz, der mich durchfuhr. Nach diesem ersten Besuch wusste ich, dass ich auch die Geschichte des Hauses, nicht nur seiner ältesten Bewohnerin erzählen möchte. Nicht gerade eine kleine Aufgabe.

Post inside
Der Dokumentarfilm gewährt Einblick in das Zusammenleben von Christen und Juden im alten Zürich (Foto: zVg) 

Wie sind Sie an das Thema herangegangen? Ein Elefant, eine Maus und sechs Menschen haben mir schliesslich geholfen, diese grosse Geschichte zu bewältigen, natürlich auch ein grossartiges Team aus Kamera- und Tonfachleuten, der Cutterin, der Animatorin, dem Musiker, dem Minnesänger und vielen mehr. Vielleicht erzähle ich hier, worum es im Film geht: In der Brunngasse 8, dem Haus in Zürichs Altstadt, blieben wie durch ein Wunder prächtige Wandmalereien aus dem Mittelalter erhalten. Eine jüdische Familie hatte sie vor 800 Jahren in Auftrag gegeben. Im Film kommen der Stadtarchäologe von Zürich, ein jüdischer Psychiater, ein Schriftsteller, ein Rabbiner, eine Handschriftenkennerin und eben Silvana Lattmann zu Wort.

Wie lange dauerte der gesamte Produktionsprozess? Sechs Jahre, aber ich arbeitete nicht immer am Film. Eine lange Pause nach dem Tod meiner lieben Mutter, Anny Keller. Dann musste ich meinen Roman WAS WIR SCHEINEN, in dessen Zentrum die jüdische Denkerin Hannah Arendt steht, fertigschreiben. Kaum ging er in Druck, vor genau einem Jahr, konnte es mit dem Film weitergehen. Denn der Roman hat mir indirekt auch die Story für den Film gezeigt.

Was möchten Sie mit dem Film bewirken? Wir erzählen von vergangener Zeit, vom Zusammenleben der Menschen damals und heute, von guten wie auch von Krisenzeiten. Auch die Maus, die Elefantenmutter mit ihrem Kind und die wunderbare Musik, all das spricht zum Herzen.

Gibt es bereits weitere künstlerische Projekte? Ende März sendet SRF2 ein Radiofeature. Unter dem Titel WAS WIR SIND UND SCHEINEN. UNTERWEGS MIT HANNAH ARENDT erzählen wir 55 Minuten lang. Es ist eine Art Schweizer Reise, auch ein Making-Of eines Romans, mit Musik, die für Überraschung sorgen wird.

Post inside
Die Wände der Liegenschaft Brunnengasse 8 in Zürich sind mit historischen Malereien verziert. (Foto: zVg) 

Gut zu wissen:

Die 1960 geborene Hildegard Elisabeth Keller studierte Germanistik, Hispanik und Soziologie. Sie arbeitet heute an Professorin für Literatur an der Universität Zürich. Zuvor lehrte sie an der Indiana University in Bloomington in den USA. In der Schweiz wurde sie vor allem regelmässige Teilnehmerin des Literaturclub des Schweizer Fernsehens bekannt. Sie war auch Jurymitglied beim Ingeborg Bachmann-Preis in Klagenfurt. Im Weiteren arbeitet sie als Schriftstellerin, Verlegerin, Übersetzerin, Dokumentarfilmerin, Literaturkritikern, thematische Stadtführerin, sie bietet Literaturvermittlung in Verbindung mit Kulinarik an und ist Produzentin von multimediale Erzählformen. 2017 bekam sie von der Kulturkommission der Stadt Wil einen Atelieraufenthalt zugesprochen.

Spezialvorstellung am Sonntag, 9. Januar im Cinewil um 10.30 Uhr in Anwesenheit von Drehbuchautorin und Regisseurin Hildegard E. Keller