Da dürfte manch ein Beizer aufatmen: Nachdem der Bundesrat an der Medienkonferenz von vorletzter Woche die Gastronomie nicht einmal erwähnt hatte, geht es nun doch einigermassen schnell. Nach einem knapp zweimonatigen Unterbruch dürfen die Restaurants ab dem 11. Mai wieder öffnen. Allerdings gibt es Auflagen: Maximal vier Personen oder Eltern mit Kindern sind an einem Tisch erlaubt. Zwischen den Gästegruppen braucht es zwei Meter Abstand oder trennende Elemente. Zudem müssen alle Gäste sitzen. Über weitere Schritte entscheidet der Bundesrat am 27. Mai. Die Öffnung kann nur erfolgen, wenn das Schutzkonzept der Branche eingehalten wird.

Plötzlich Friede, Freude, Eierkuchen also bei den Gastronomen? Linus Thalmann, der den «Toggenburgerhof» in Kirchberg führt und im Vorstand von Gastro St. Gallen Einsitz hat, sagt: «Das ist positiv und gibt uns eine Perspektive. Nun ist einfach die Frage, ob die Gäste in einer 4er-Gruppe auch wirklich kommen.» Entscheidend sei ohnehin, ab wann der Abend-Service wieder zugelassen werde. «Bei einem Mittagsmenu für 18 Franken ist die Marge klein. Wir wollen eine Perspektive für die Bankette», sagt Thalmann. Er geht zudem davon aus, dass sich Betreiber von kleineren Betrieben nun die Frage stellen, ob sie unter diesen Bedingungen überhaupt öffnen wollen. Für ihn ist die Frage geklärt und der «Toggenburgerhof» ab dem 11. Mai wieder offen. «Wie wir uns genau organisieren und wie viele Mitarbeiter aus der Kurzarbeit herausgenommen werden, ist noch offen», sagt der Dietschwiler Gastronom.

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Wiler Community ist für langsame Lockerung (21.4.)

Es ist derzeit äusserst herausfordernd, Betreiber einer Bar oder eines Restaurants zu sein. Seit über einem Monat ist alles dicht – und eine Wiedereröffnung steht noch nicht einmal in Aussicht. Keine Einnahmen stehen Fixkosten wie Lohn und Miete gegenüber. Da die Branche an der Bundesrats-Pressekonferenz von vergangenem Donnerstag bei den Lockerungen nicht proaktiv erwähnt wurde, fühlt sie sich übergangen. Die Situation erschwert sich, weil schon vor der Corona-Krise ein Beizensterben eingesetzt hatte.

Die Klagerufe waren seit vergangenem Donnerstag laut. Die Wiler Community sieht die Sache aber differenziert. Bei einer Online-Umfrage, an welcher sich über das Wochenende bis am Dienstagmorgen 560 Personen beteiligt haben, sagte die klare Mehrheit von rund 60 Prozent: «Es ist schon gut, dass sich der Bundesrat Zeit lässt. In Restaurants ist die Corona-Übertragungsgefahr besonders gross und es braucht eine detaillierte Analyse der Situation.» Knapp 20 Prozent fanden, dass die Restaurants bei der grossen Lockerung am 11. Mai auch wieder aufsperren sollten. Nur gerade 11 Prozent sprachen sich dafür aus, dass es schon am kommendem Montag soweit sein sollte. Das Ergebnis deckt sich in den Grundzügen mit einer gross angelegten Umfrage des Medienunternehmens Tamedia, welche am Montag publiziert wurde. Dort sprach sich nur jeder Dritte dafür aus, die Restaurants schon blad zu öffnen.

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Für Ruedi Bartel «nicht nachvollziehbar» (18.4.)

Der Aufschrei ist gross in der Gastronomie. Die Wirte fühlen sich vom Bundesrat übergangenen, da ihre Zunft an der Pressekonferenz des Bundesrates zur Exit-Strategie nicht einmal proaktiv erwähnt wurde. Zahlreiche Restaurant- und Barbetreiber sehen sich in der Existenz bedroht, da noch immer nicht feststeht, wann sie ihre Betriebe wieder öffnen dürfen. Auch der Hinterthurgauer Ruedi Bartel, Präsident von Gastro Thurgau und Inhaber der «Krone» Balterswil, ist enttäuscht. Auf Social Media schreibt er: «Der Entscheid des Bundesrates ist nicht nachvollziehbar. Wird die Wertschätzung der Gastronomie als ein Nichts in den Augen der Bundesregierung betrachtet?» Man brauche voraussichtlich keine weiteren finanziellen Mittel des Bundes, sondern eine sofortige und für alle Gastronomen zutreffende Lösung und Öffnung der Betriebe und Hotels in der ganzen Schweiz, so der SVP-Kantonsrat.

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Linus Thalmann vom «Toggenburgerhof» in grosser Sorge (17.4.)

Er hat eine schlaflose Nach hinter sich. Und er ist enttäuscht und vor allem verzweifelt. Linus Thalmann, SVP-Kantonsrat und Inhaber des Kirchberger Restaurants «Toggenburgerhof», kann nicht verstehen, warum der Bundesrat noch keinen Weg für die Gastronomie und Veranstaltungen gezeigt hat. «Für viele Branchen der Wirtschaft ist der Fahrplan bekannt», sagt Thalmann gegenüber hallowil.ch, «nur die Gastronomen und Veranstalter stehen ohne Perspektive da.» Er frage sich, wie und wann er als Restaurant-Inhaber den Weg in die Normalität und damit aus der Corona-Krise finden soll.

«Als Gastronom und Veranstalter weiss ich nicht mehr weiter», sagt der Kantonsrat aus dem Toggenburg. Die ganze Situation treibe ihn in die Verzweiflung. Und deshalb hat er am Freitagmorgen, um 5.23 Uhr, einen Brief an die St. Galler Regierung und an die zukünftigen Regierungsräte verfasst und verschickt. «Ich will wissen, ob die St. Galler Regierung diesen Entscheid vollumfänglich mitträgt», so Thalmann. Schliesslich hat die St. Galler Staatskanzlei – kurz nach dem Bundesrats-Entscheid – erklärt, dass sie die Exit-Pläne unterstützt. Er sei von angeblich bürgerlichen Bundesrat unglaublich enttäuscht.

Den Betroffenen fehlt die Perspektive

Aus seiner Sicht als Gastrounternehmer beschreibt Thalmann seine Situation in der aktuellen Krise folgendermassen: «Ich verliere jeden Tag mehrere Tausend Franken – und das ohne Perspektive auf Besserung.» Genau gleich wie Walter Meier, Gastro-Will-Präsident (siehe Artikel unten) sieht Thalmann schwarz für die Unternehmer im Gastro- und Veranstaltungsbereich, wenn sie tatsächlich noch drei oder mehr Monate geschlossen bleiben müssen. «Mein Restaurant wird die Zeit bis August überbrücken können und irgendwie wird es weitergehen», so der Restaurantbesitzer, «aber zu welchem Preis?» Er kenne Branchenkollegen, die um das Überleben kämpfen, sollte das Wirst-Case-Szenario tatsächlich eintreten. 

«Verstehen Sie mich nicht falsch», sagt Thalmann gegenüber hallowil.ch, «die verschärften Massnahmen waren notwendig und folgerichtig.» Das Vorgehen und die Vorschriften im Kampf gegen das Corona-Krise habe er von Anfang an mitgetragen. Auch ihm sei als Politiker wichtig gewesen, dass die Situation wie beispielsweise in Italien ausarte.

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Gastrounternehmer und SVP-Kantonsrat Linus Thalmann ist enttäuscht, dass der Bundesrat noch keinen Fahrplan aus dem Lockdown für Gastronomen und Veranstalter hat. (Bild pd)


«Warum ein Notrecht?»

«Warum soll ich als Unternehmer also weitermachen?», diese Frage stellt Thalmann klar in den Fokus. Der Bund und die Kantone hätten mit der Kurzarbeitsentschädigung gute Massnahmen getroffen sowie Lösungen präsentiert. «Damit bekommen die Arbeitnehmer 80 Prozent von ihrem Lohn», sagt Thalmann, «somit ist für die Mitarbeiter der Unternehmer glücklicherweise gesorgt und die Bevölkerung damit beruhigt.» Aber: Als Unternehmet bezahle er von sämtlichen Versicherungen die Arbeitgeberbeiträge aus dem eigenen Sack. Gleiches gelte für andere laufende Kosten. «Und das alles ohne Einnahmen», betont Thalmann.

Deshalb spricht er das Thema Notkredite an. «Das alles sind Kredite, die zurückbezahlt werden müssen», so der Gastrounternehmer. Nehme er einen solchen Kredit in Anspruch müsse er unterschreiben, dass er alles unternehme, um diesen innerhalb von fünf Jahren zurückzubezahlen. «Das alles ist nur eine kurzfristige Beruhigungsmassnahme für die Unternehmen», ist Thalmann überzeugt. Schliesslich müsse zuerst ein Gewinn erarbeitet werden, damit der Kredit überhaupt zurückbezahlt werden könne. Er sieht diese Notkredite als keine gute Lösung, weil «die Unternehmen, die keine Reserven im Betrieb haben, die Kredite gerne annehmen, eine Weile weiterarbeiten und dann in Konkurs gehen.» Das Nachsehen hätten dann der Bund und damit die Steuerzahler sowie die Lieferanten. Diese Unternehmen gründen laut Thalmann danach eine neue GmbH und machen weiter. «Und was ist mit den Unternehmern, die Reserven im Betrieb haben? Sie bezahlen alles selbst», weiss Thalmann. Dies sei also der Preis, den die Unternehmen aus Solidarität gegenüber der Schweiz in dieser Krise bezahlen müssten.

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«Dann sehe ich schwarz für die Gastronomie» (16.4.):

hallowil.ch: Herr Meier, Präsident, von Gastro Wil:  der Bundesrat hat am Donnerstagnachmittag keine Entscheidung zu den Restaurants gefällt. In den ersten beiden Etappen der Lockdown-Lockerung sind keine Restaurant-Öffnungen vorgesehen. Verstehen Sie dieses Vorgehen? 
Ich persönlich kann diesen Entscheid und den gesetzten Exit-Plan nachvollziehen. Aber ich sehe in erster Linie die Problematik der Restaurants und Bars in dieser ausserordentlichen Lage. Da es für die Gastronomen noch kein Licht am Ende des Tunnels gibt, werden viele in finanzielle Not geraten. Gerade weil für die Restaurants noch keine Ende der verschärften Massnahmen in Sicht ist. 

hallowil.ch: kann also sagen, dass die Gastronomie der grosse Verlierer in der aktuellen Krise ist?
Wir sind doch alle Verlierer in der Corona-Krise. Wenn wir nicht mehr gesund sind, dann können wir auch nicht mehr arbeiten. Aber ja, die Gastronomie leidet extrem unter den Auswirkungen des Corona-Virus. Aber nicht nur die Restaurants und Bars – auch die Unterhaltungsbetriebe wie Diskotheken und auch Grossanlässe, die von der Gastronomie mitgetragen werden. 

hallowil.ch: Aktuell wird darüber diskutiert, dass die Restaurants bis Juli oder sogar bis August geschlossen bleiben müssen. Was würde dies für die Wiler Gastronomen bedeuten? 
Das ist selbstverständlich nicht nur für die Gastronomen in Wil ein schlimmes Szenario, sondern für alle Restaurants, Gastro-Betriebe und Hotels im ganzen Land. Dann sehe ich – ehrlich gesagt – schwarz für die Gastronomie. Gastro Suisse rechnet damit, wenn der Lockdown für die Restaurants wirklich so lange andauern sollte, dass bis zu 30 Prozent der bestehenden Betriebe danach nicht aufmachen könnten. Das ist ein sehr hoher Anteil und das würde mir weh tun, wenn dieser Fall eintreten sollte. Man muss sich immer vor Augen führen, dass wir hier von einer Schliessung von mehreren Monaten reden, was für viele Gastronomen einfach zu lange ist. Man sagt zwar, dass die Hotels geöffnet haben können – aber diese sind ja kaum belegt. Die Köche in den Hotels können beispielsweise auch nicht vollumfänglich beschäftigt werden, weil sämtliche Dienstleistungen nur für die Hotelgäste zugänglich sind und nicht für auswärtige Gäste. Oder wenn man zum Beispiel sagt, dass man in einem Restaurant einen Abstand von zwei Metern für eine Wiedereröffnung gewährleisten muss, stellt sich die Frage, wie viele Personen an einem Tisch sitzen dürfen. In diesem Fall müssten drei Viertel der Betriebe weiterhin geschlossen bleiben, weil ein solcher Abstand nicht in jedem Fall nicht sichergestellt werden kann. Ausserdem ist es nicht gerade ansprechend, wenn Service-Mitarbeiter ihre Gäste mit einer Maske und einem Augenschutz begrüssen sollen. 

hallowil.ch: Wenn wir vom Worst-Case-Szenario ausgehen und wirklich 30 Prozent der Gastro-Betriebe nicht mehr ihre Türen öffnen können, welche Restaurants wird es dann treffen? 
Das kann ich Ihnen zum aktuellen Zeitpunkt nicht sagen. Das kommt ganz darauf an, wie die einzelnen Betriebe aufgestellt und gewachsen sind. Dieses Szenario würde sich ganz individuell auf jeden einzelnen Betrieb anders auswirken. Sind das Betriebe, die bereits 20 Jahre auf dem Markt sind oder sind das gastronomische Angebote, die es erst seit einem halben Jahr gibt – man kann es jetzt nicht sagen. Ich denke aber, dass Restaurants mit beispielsweise nur zehn Sitzplätzen sich besser über die Runden halten können als Restaurants, die vor Kurzem einen zusätzlichen Saal gebaut haben. Aber im Moment ist es unmöglich eine Prognose zu machen.

hallowil.ch: Was raten Sie den Restaurantbesitzer in der Region Wil in der aktuellen Situation? 
Schwierige Frage. Ich selbst bin davon ausgegangen, dass die Restaurants bereits Mitte Mai wieder öffnen dürfen. Aber aktuell sind die Gastro-Betriebe von einer Lockerung weit entfernt. In der Überbrückungszeit haben irgendwann alle Restaurants ihren ganzen Betrieb auf den neusten Stand gebracht, die Karten neu gemacht, den Keller aufgeräumt, Investitionen in der Küche getätigt und jede einzelne Ecke geputzt. Die Restaurants sind längstens bereit, wieder Gäste zu empfangen. Gerade, weil der Bundesrat in Bezug auf die Gastronomie noch nichts entschieden hat, ist es schwierig abzuschätzen, wie es weitergeht und was die Betriebe nun machen sollen. In dieser schwierigen Zeit kann ich immer wieder nur betonen, wie beeindruckt ich bin, wie viele Restaurants innert kürzester Zeit umstrukturiert haben und plötzlich ein Take-Away anbieten. 

hallowil.ch: Wie lange können sich lokale Restaurants mit einem Take-Away-Service über Wasser halten? 
Das ist keine rentable Geschichte. Das ist viel mehr eine Dienstleistung für die Kunden. Einerseits ist das Angebot für Leute, die aktuell im Homeoffice arbeiten und zwischendurch nicht kochen können und sich eben mal ein Take-Away-Menü gönnen. Andererseits werden die Mitarbeiter einzelner Unternehmen ab und zu beliefert. 

hallowil.ch: Restaurants sollen laut Bundesrat trotzdem jetzt schon ein Schutzkonzept erarbeiten. Wie kann ein solches Konzept aussehen? Was müssen Gastronomen beherzigen?
Das ist schwierig zu beantworten. Als der Bundesrat die ersten verschärften Massnahmen ausgesprochen hatte, durften in jedem Restaurant höchstens 50 Personen sitzen. Während das für die kleinen Restaurants wie das «Freischütz» bereits zu viele Gäste sind, waren das für grössere Betriebe wie beispielsweise das «Lindenhof» mit mehr Platz einfach zu wenig Kunden. Schlussendlich sollte jeder Betrieb individuell ein Konzept ausarbeiten, wie er die vorgeschriebenen Schutzmassnahmen umsetzen möchte und vor allem kann. Von der Desinfektion, über den Mindestabstand bis hin zu den Schutzmasken für Gäste und Mitarbeiter muss alles konkret festgelegt werden.