Quo vadis, Thurvita? Diese Frage muss erlaubt sein, nachdem die Gemeinde Rickenbach im Januar seinen Ausritt per Jahresende 2020 verkündet hat und die Spitex-Dienstleistungen künftig von der Spitex Tannzapfenland bezieht. Die Gemeinde macht finanzielle Gründe geltend und hat ein Einsparpotenzial von 80'000 Franken pro Jahr errechnet.

Diese Ankündigung bedroht die Thurvita gewiss nicht in den Grundfesten, hält Rickenbach doch «nur» 2,18 Prozent aller Aktien, also 2500 Stück. Die Frage aber ist: Ziehen nun Wilen und Niederhelfenschwil, die ebenfalls Mitinhaber der Thurvita sind, nach und ziehen ebenfalls Leine? «Ein Austritt aus der Thurvita AG steht für den Gemeinderat Niederhelfenschwil, mindestens derzeit, überhaupt nicht zur Diskussion. Die Zusammenarbeit mit der Thurvita als zweitgrösste Eigentümergemeinde neben der Stadt Wil erweist sich als ausgezeichnet und immer fachbezogen sowie kompetent», sagt Simon Thalmann, Gemeindepräsident von Niederhelfenschwil auf Anfrage von hallowil.ch. Die Wil-Land-Gemeinde hält 6,79 Prozent der Aktien.

Enderlis Zweifel

Anzufügen ist allerdings, dass die Ausgangslage der Gemeinden Rickenbach und Niederhelfenschwil nicht gleich ist. Thalmanns Gemeinde bezieht die ambulante Pflege, also die Spitex-Dienste, nicht über die Thurvita. Sie ist in diesem Bereich an der Spitex Region Uzwil beteiligt.

Und wie sieht es in Wilen aus? Die Gemeinde hält, wie Nachbar Rickenbach, 2,18 Prozent an Aktien. In der Gemeinde betreibt die Thurvita-Spitex eine Pflegewohnung. Wilen hat keinen Wechsel geplant. «Bei uns werden um ein Drittel weniger geleistete Stunden beansprucht als in Rickenbach. Deshalb fällt auch der Kostenunterschied wesentlich kleiner aus», sagt Wilens Gemeindepräsident Kurt Enderli zu hallowil.ch. Er spielt damit darauf an, dass selbst die Spitex eingeräumt hat, die eigenen Spitex-Kosten seien zu hoch – dafür jene für die Pflegewohnungen zu tief. Ob sich der Wechsel der Rickenbacher wirklich rechnet, ist sich Enderli nicht so sicher. «Auch bei der Spitex Regio Tannzapfenland wird mit Wasser gekocht. Ob die Einsparungen nach dem Zusammenschluss dieser Region tiefer ausfallen werden bei gleichem Angebot, muss sich erst noch weisen. Zumindest aus der Sicht der dortigen Angestellten wird der ganze administrative Aufwand durch die Grösse nur noch höher», sagt Enderli.

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Die Thurvita-Reaktion auf den Rickenbacher Austritt (22.1.20):

«Die Bevölkerung von Rickenbach muss ab 2021 mit eingeschränkten Leistungen rechnen.» Das sagt die Thurvita zum angekündigten Wechsel Rickenbachs hin zur Spitex Tannzapfenland. Als Grund werden die zu hohen Kosten der Spitex-Dienste der Thurvita angegeben. «Doch die Kosten-Beiträge der Gemeinde pro Spitex-Stunde sind seit 2013 nicht gestiegen, sondern leicht gesunken», lässt die die Thurvita in einer Mitteilung verlauten. Gemessen mit den anderen vergleichbaren Spitex-Organisationen im Kanton St. Gallen arbeite die Thurvita-Spitex am kostengünstigsten. Das höhere Budget 2020 in der Gemeinde Rickenbach erkläre sich durch eine Mengenausdehnung im Vergleich zum Vorjahr.

Die Thurvita räumt aber ein, dass die Preise der Leistungsvereinbarung nicht den tatsächlichen Kosten entsprechen: «Sie sind in den Thurvita-Pflegewohnungen zu tief, bei der Thurvita-Spitex hingegen zu hoch. Bei der Gründung der gemeinnützigen Aktiengesellschaft wurden die bestehenden Leistungsvereinbarungen unverändert übernommen», so die Thurvita. Man kenne den Handlungsbedarf und sei mit den Vertragsgemeinden Wil, Wilen und Niederhelfenschwil übereingekommen, die Leistungsvereinbarung gesamthaft zu überarbeiten», argumentiert die Thurvita. Das Ziel sei, Kostenwahrheit zu schaffen. Der Rickenbacher Gemeinderat habe die wiederholte Einladung zum gemeinsamen Gespräch nicht angenommen. Thurvita startet die Überarbeitung der Leistungsvereinbarung, wie im Wiler Parlament angekündigt, laut eigenen Angaben im laufenden Jahr.

Zuschlag von 300 Franken in Thurvita-Heimen

Gemäss Thurvita sei nun wahrscheinlich, dass ab 2021 in Rickenbach künftig kein Mahlzeitendienst, keine Nachtabdeckung, kein Spätdienst und keine spezialisierte psychiatrische Spitexleistung zur Verfügung stehen. Das seien alles Leistungen, welche die Thurvita-Spitex heute anbietet. Zudem würden künftig die Rickenbacher, wie die anderen auswärtigen Gemeinden, in allen Heimen der Thurvita einen Zuschlag von 300 Franken pro Monat bezahlen.

Die Dienste, welche die Thurvita-Spitex in Rickenbach erbringt, belaufen sich auf 10 Prozent der gesamten Spitexleistungen. Es werde beim Stellenplan keine nennenswerten Anpassungen brauchen, schreibt die Thurvita. (pd/red)

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So hat hallowil.ch den Rickenbacher Ausritt vermeldet (22.1.20)

Hoppla. Die Altersorganisation Thurvita verliert per Jahresende eine von vier Partnergemeinden. Denn Rickenbach hat sich entschieden, die Leistungsvereinbarung mit der Thurvita AG per 31. Dezember 2020 zu kündigen. «Der Gemeinderat hegte grosse Erwartungen insbesondere in Bezug auf die Professionalisierung der Spitex-Dienste, wovon er sich eine bessere Wirtschaftlichkeit versprach. Qualitativ waren die Dienstleistungen im ambulanten Bereich stets auf gutem Niveau und sie sind es in den vergangenen Jahren auch geblieben. Bei den Kosten hat sich mit der Zeit allerdings ein anderes Bild ergeben», schreibt Rickenbachs Gemeinderat Ivan Knobel im aktuellen Mitteilungsblatt.

Ab dem 1. Januar 2021 wird Rickenbach die Spitex-Dienstleistungen bei der Spitex Regio Tannzapfenland beziehen. «Es kann mit einer Kostenreduktion von 80'000 Franken gerechnet werden», schreibt Knobel weiter. Im stationären Bereich bleibe für die Rickenbacher alles beim Alten. Es stünden sämtliche Einrichtungen der Region offen. Beliebt ist das Alterszentrum Tannzapfenland in Münchwilen, an welchem die Gemeinde Rickenbach als Genossenschafterin beteiligt ist.

Aktien sollen an andere Gemeinden gehen

Und was bedeutet dies für die Thurvita? Unter ihrem Dach wurden vor sieben Jahren alle stationären sowie das ambulante Pflegeangebot auf dem Platz Wil zusammengeführt. Die Organisation wird seit der Gründung von den vier Gemeinden Wil, Niederhelfenschwil, Rickenbach und Wilen getragen. Die Stadt Wil besitzt 88,85 Prozent der Aktien, Niederhelfenschwil 6,79 Prozent, Rickenbach und Wilen je 2,18 Prozent. Konkret hat Rickenbach 2500 der gesamthaft 114'690 Aktien. «Dass Aktienpaket soll zum Nominalwert den weiteren Aktionärsgemeinden angeboten werden», lässt die Gemeinde Rickenbach verlauten.