Starker Husten, Schnupfen, Fieber – was bei Erwachsenen oder älteren Kindern als eine Grippe oder Erkältung durchgeht, kann bei kleinen Kindern das RS Virus sein. Nur ist es für sie häufig nicht nach einigen Tagen ausgestanden, wie es bei Erwachsenen bei einer Erkältung der Fall ist. Je kleiner das Kind, desto gefährlicher kann das Krankheitsbild sein. In einigen Fällen muss es sogar im Spital behandelt werden. Das Virus ist nicht neu, variiert aber jährlich stark von der Intensität. «In diesem Jahr dauert die Krankheit länger und die Symptome sind stärker», heisst es beim Kinderspital St.Gallen auf Anfrage. Derzeit wütet das Virus in der gesamten Schweiz, ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Die Folgen sind drastisch: übervolle Intensivstationen, die Kinder müssen in der Schweiz in andere Spitäler verlegt werden, das Personal ist am Anschlag. Was wir noch zu gut von der Corona-Krise kennen, wiederholt sich jetzt beim RS Virus. Nur: Es interessiert anscheinend niemand so richtig. Weshalb wurde jedoch in Corona-Zeiten Alarm geschlagen, Massnahmen festgelegt, Lockdowns verhängt – und bei den Kindern nimmt man die Lage einfach als gegeben? Das sei eine sehr gute, aber auch schwierige Frage, heisst es weiter. Man habe sich schon oft gefragt, weshalb es so ist. Eine Antwort darauf habe man jedoch nicht gefunden.

Lange Zeit wurden Kinder als «Virenschleudern» gesehen, gar als Bedrohung, die ihre Grosseltern meiden mussten, um sie nicht mit dem Corona-Virus anzustecken. Sie durften die Schulen oder Kindergarten nicht besuchen, Mundschutz tragen, auf Hobbys und Freunde verzichten. Dies alles steckten sie weg – erstaunlich gut, wie viele meinen. Die Folgen der jahrelangen Massnahmen kommen aber nun Schritt für Schritt ans Tageslicht. Den Kindern, die während des Lockdowns oder unmittelbar danach zur Welt gekommen sind, fehlen wichtige Antikörper, damit sie mit Krankheiten umgehen können. Sie sind damit schlicht zu wenig in Berührung gekommen – Mundschutz, Abstandsregeln und Lockdowns sei Dank. «Sie trifft es nun mit voller Wucht», fasst es eine Fachperson zusammen.

Fakt ist, die Situation würde man bei den Erwachsenen nicht akzeptieren: dass ein Patient ans andere Ende der Schweiz verlegt wird, weil es in seinem Heimatkanton keinen Platz auf der Intensivstation gibt, oder gar abgewiesen, weil die Kapazitäten fehlen. Nebst RSV-Patienten gibt es ja noch Unfälle oder Krebspatienten, die behandelt werden müssen. Unser Gesundheitssystem ist schlank aufgestellt, man spart Kosten ein – und vielleicht ist hier der Preis einfach zu hoch. Es sei die Kehrseite der Medaille, fasst es eine Fachperson zusammen. Wir hätten schlicht keine Reserven, um die Situation abfangen zu können. Sei es platzmässig oder personaltechnisch.

Kinder vor dem RS Virus zu schützen, das ist fast unmöglich. Klar, man kann Menschenmassen meiden, die Hände waschen, Abstand halten. Das übliche Prozedere, welches wir noch aus Corona-Zeiten kennen. Aber das Virus zirkuliere, und während es bei Erwachsenen kaum Beschwerden auslöse, könne es bei Kindern sehr schnell gefährlich werden. Die Gefahren werden von den Behörden aber häufig unterschätzt, so die Fachperson weiter.

Vielleicht, weil die Gesellschaft vergisst, wie wichtig Kinder für unsere Zukunft sind. Dass SIE unsere Zukunft SIND. Oder weil sich Kinder nicht darüber beschweren können – weil sie die Fakten nicht kennen. Gar nicht kennen können.

Man hoffe, dass es künftig eine Impfung geben wird. Bis es aber so weit ist, können Jahre ins Land streichen. Und selbst dann wird es andere Viren geben, welche die Kinder befallen und krank machen. Viel wichtiger wäre es also, dass das System hinterfragt wird. Dass die Gesellschaft den Kindern den Respekt zollt, welchen sie verdienen. Dass Ärzte und das Pflegepersonal nicht bloss einen Applaus erhalten, sondern wirkliche Unterstützung.