Albin Böhi feierte kürzlich seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Vor 31 Jahren war er einer der ersten Präsidenten des Wiler Stadtparlaments. Infowilplus nahm dieses Ereignis zum Anlass, mit ihm Rückschau auf seine damalige Amtszeit zu halten.
Als Albin Böhi zu Beginn des Gesprächs eine Liste mit den Mitgliedern des ersten Wiler Parlaments anschaut, reagiert er überrascht: „Es ist erstaunlich, wie viele Personen von damals bereits verstorben sind.“ Sie alle zählten mit ihm zu den Pionieren einer 1984 ins Leben gerufenen politischen Institution, die sich längst etabliert hat (siehe Infokasten).

Debatten von guter Qualität
Albin Böhi: „Ich wollte damals möglichst früh bei der Einführung des Parlamentsbetriebes dabei sein. Ich war der Meinung, dass für eine Stadt in der Grösse von Wil ein Parlament geeigneter sei, als eine Bürgerversammlung.“

In einem Parlament seien die unterschiedlichen Bevölkerungsschichten angemessener vertreten. Der Prozess der Meinungsbildung gelänge fundierter, da die Sachgeschäfte vorgängig in den Parteien vorbereitet würden.

Optimale Lehrzeit
Der gebürtige Appenzeller gehörte von Beginn weg dem Büro des Parlamentes an, dadurch hatte er hautnahen Einblick in die Geschäfte, die später zur Beratung kamen. Anfänglich war er erster Stimmenzähler, später Vizepräsident. Auf diese Weise konnte er sich optimal auf seinen Einsatz als Sitzungsleiter vorbereiten. Während seinen insgesamt acht Parlamentsjahren war er zudem auch Mitglied der Geschäftsprüfungskommission.

Eingespielte Procedere
Er war der dritte Parlamentarier der für ein Jahr im Sessel des höchsten Wilers Platz nehmen konnte. Seine Vorgänger waren Peter Summermatter sowie Elisabeth Roth.

In seinem Präsidialjahr hatten sich die Abläufe bereits gut eingespielt und seien den Mitgliedern vertraut gewesen, erinnert er sich.

Ihm selber sei es ein Anliegen gewesen, dass es bei den Debatten und den Abstimmungen zu guten, fehlerfreien Lösungen für die gesamte Bevölkerung, nicht für die einzelnen Parteien gekommen sei.

Kompetente Unterstützung
„Eine grosse Stütze war mir auch der damalige Stadtschreiber Christof Häne. Dank seinen fundierten Kenntnissen der gesetzlichen Bestimmungen und der Abläufe fühlte ich mich vor keiner Parlamentssitzung unsicher. Wir funktionierten von Beginn weg wie ein gutes Team.“

Das Parlamentspräsidium bedeutete nicht nur einen Zugewinn an Ansehen, es brachte auch Mehrarbeit mit sich. „Übers Wochenende musste ich jeweils eine Mappe mit Dossiers zu den einzelnen Sachgeschäften studieren.“

Faire Debattenkultur
Wie sich Albin Böhi erinnert, liefen die Debatten damals gesittet ab. Man sei fair und anständig miteinander umgegangen und habe nicht jenen schnoddrigen Ton verwendet, den man heute beispielweise gelegentlich im Fernsehen höre. „Ich musste nie einen Streit schlichten, höchstens mal zur Glocke greifen, wenn die Redezeit überschritten wurde.“

Lobend erwähnt das CVP-Mitglied („Damals gehörten 21 Mitglieder der CVP/CSP-Fraktion an“) die gute Vorbereitung der Fraktionen zu den einzelnen Sachthemen.

Unkonventionelle Lösungsansätze
Ganz besonders ist ihm das verstorbene Parlamentsmitglied Toni Vinzens (Freie Liste) in Erinnerung geblieben. „Er war eine Art Querdenker und brachte immer wieder interessante Voten in die Diskussion ein. Er schlug beispielsweise eine Überdachung eines Abschnittes der Autobahn im Süden der Stadt vor.“ Eine vergleichbare Lösung fand kürzlich im St. Galler Stadtparlament im Interesse der Erweiterung der OLMA grosse Zustimmung. „Durch ihn lernten wir, dass nicht immer der gerade Weg am besten zum Ziel führt, oft kann es auch vorteilhaft sein, eine andere Vorgehensweise zu wählen.“

Besondere Einblicke
Die Präsidentin oder der Präsident des Parlaments hat nicht nur die Sitzung zu leiten, sie oder er vertritt es auch gegen aussen. Rund 200 Stunden hat er für Repräsentationszwecke aufgewendet. Wenn er von diesem Teil seiner Amtszeit erzählt, gerät Albin Böhi ins Schwärmen. „Es ermöglichte mir die Stadt auf eine ganz besondere Weise kennenzulernen. Durch Einladungen hatte ich beispielsweise Einblick in Wiler Firmen, in die ich sonst nie hineingekommen wäre.“

Unzutreffender Adressat
Auch die Freuden und die Leiden der Einwohner habe er detailliert kennengelernt. Schmunzelnd fügt er an: „Manchmal sprach man mich auf der Strasse an und trug mir Anliegen vor. Gelegentlich musste ich dann die Erwartungen dämpfen und betonen, dass ich Mitglied des Parlaments, nicht der Stadtregierung bin.“

Insgesamt war dieses Jahr für ihn damals eine sehr interessante und lehrreiche Zeit. Seinen Entscheid, sich für dieses Amt zur Verfügung zu stellen hat er nie einen Augenblick bereut.

Politisch interessiert
Noch immer verfolgt das langjährige Mitglied des Männerchors Concordia die Themen des Wiler Parlaments via Printmedien. Bei Sachgeschäften, die ihn ganz besonders interessieren nimmt er auch mal auf den Publikumsrängen Platz, dies komme allerdings selten vor.

Weniger Gewerbevertreter
Was hat sich aus seiner Sicht in all den Jahren im Wiler Parlament verändert? Noch einmal schaut er länger prüfend die Liste der damaligen Mitglieder durch und meint dann, er frage sich, ob heute noch alle Bevölkerungsschichten gleich gut vertreten seien? Damals wurden auch verschiedene Inhaber sowie Geschäftsführer von KMU als Vertreter der Bevölkerung gewählt.

Dreistufiges Modell
Am 6.April 1984 fand zum letzten Mal in Wil eine Bürgerversammlung statt. Und am 19. Dezember 1984 tagte der Wiler Gemeinderat zum letzten Mal in seiner neunköpfigen Zusammensetzung. Am 1. Januar 1985 übernahm ein neugewählter siebenköpfiger Stadtrat in der neuen Gemeindeorganisation die Exekutivfunktion.

Die Schulgemeinde wurde in die politische Gemeinde inkorporiert und die damalige Bürgerversammlung per Ende 1984 abgeschafft. Am 10. Januar 1985 wurden die 40 neugewählten Volksvertreter im Parlament vereidigt. Dies war der Start zum dreistufigen Gemeindemodell mit Stadtrat, Parlament und Bürgerschaft.
(Quelle: wilnet)