Die Abenddämmerung fliesst allmählich in die Nacht über, silhouttenhafte Menschen eilen unter den Arkadenbögen vorbei. Das Wetter ist regnerisch und windig. Ein junger Kunde betritt das hellerleuchtete Infocenter der Stadt Wil. Routiniert verkauft ihm Sachbearbeiter Ruedi Schär seine reservierte Tageskarte. 

Viele Tageskarten wird er nicht mehr selber aushändigen, bald räumt er altershalber seinen Arbeitsplatz. «Meine Tätigkeit hat mit immer sehr gefallen und auch die Kontakte mit den Mitarbeitenden in der Stadtverwaltung habe ich sehr geschätzt», resümiert er. Seine Nachfolge tritt eine neue Mitarbeiterin an. Die gewonnene Zeit will Schär unter anderem mit Spazieren und Wandern verbringen. «Ich habe schliesslich einen Hund», meint er schmunzelnd. Und auch Museumsbesuche stehen auf dem Programm. Der passionierte Wiler wird weiterhin Stadtbesichtigungen leiten. «In letzter Zeit werden Führungen mit einem thematischen Schwergewicht sowie in Verbindung mit einem Umtrunk oder mit Kulinarik vermehrt gewünscht», erzählt Ruedi Schär. Generell sei die Nachfrage nach Stadtführungen leicht angestiegen.

Neue Lösung für das Stadtmuseum

Als Ortsbürgerrat mit dem Bereich Kultur will er an den diesjährigen Wahlen nochmals kandidieren: «Ich beabsichtige eine letzte Amtsdauer anzuhängen, in der Hoffnung, dass ich gesund bleibe.» In dieser Funktion wird er weiterhin der Kulturkommission der Stadt angehören. In seinem Amt will er sich auch für eine weiterführende Lösung für das Stadtmuseum engagieren. Mit der geplanten nächsten Renovationsetappe im Hof wird das Stadtmuseum in der jetzigen Form nicht mehr weiterbestehen, an seiner Stelle sind szenografische Darstellungen der Historie des Hofkomplexes geplant.

Für das Sammeln, Erforschen und Präsentieren von Zeugnissen der Wiler Geschichte muss ein neuer Museumsstandort gefunden werden. «Es liegt mir viel daran, dass es zu einer guten Lösung kommt. Schliesslich sollen unseren nachfolgenden Generationen die Zeugnisse der Wiler Geschichte zugänglich sein», betont Ruedi Schär. Weiterhin wird er sich um das Organisieren des Silvester-Laternenumzugs sowie der Bundesfeier kümmern. 


Mit Wiler Geschichte aufgewachsen

Ruedi Schär ist so etwas die Wikipedia-Enzyklopädie zur Gegenwart und zur Vergangenheit von Wil. Worauf fusst sein leidenschaftliches Engagement für die Äbtestadt? «Es hat sicher damit zu tun, dass ich im Hof aufwachsen durfte und meine Eltern das damalige Museum betreuten. Dadurch habe ich viel über die Vergangenheit Wils mitbekommen.» Während andere Jugendliche in der Schulzeit Karl May-Bücher verschlangen, habe er Werke über die Geschichte Wil gelesen.

Seine beiden Brüder hätten nicht das gleiche Interesse für ihre Heimatstadt entwickelt wie er. Er vermutet einen besonderen Grund für diese ausgeprägte Neugier: «Leider sind meine Eltern früh verstorben, ich kann sie nicht mehr fragen. Ich würde zu gerne wissen, ob sie mich Ruedi als Anspielung auf Rudolf von Habsburg, der einmal im Hof zu Gast war, taufen liessen.» Damit wären ihm gemäss seiner Vermutung das ausgeprägte Interesse an der Wiler Geschichte in die Wiege gelegt worden. Dass er als zweiten Vornamen gemäss dem Stadtheiligen Pankraz heisst, würde für ihn den historischen Bezug verstärken.

Technische Kenntnisse

Neben der Wiler Vergangenheit und Gegenwart ist Technik die zweite Leidenschaft von Ruedi Schär, er ist ausgebildeter Radio-Elektriker. «Mein Fachwissen hilft mir bis heute, wenn mal bei einer Veranstaltung ein Lautsprecher nicht funktioniert.» Nicht ohne Stolz erzählt er, dass er vor rund 20 Jahren aus Einzelkomponenten einen eigenen Computer zusammengebaut habe. «Er läuft bis heute. Er hat allerdings etwas wenig Speicherplatz, der war damals sehr teuer.» Bald wird ihm mehr Zeit für technische Tüfteleien zur Verfügung stehen.