Um 15 Uhr läuten die Glocken der Wiler Kirche St. Nikolaus. Es ist das einzige Mal im Jahr, dass sämtliche Glocken der Stadtkirche zu hören sind. 14 Chläuse setzten gerade ihre Bischofsmütze auf und zupfen die grauen Haare zurecht. Daneben schmieren sich 14 Schmutzlis mit einem Schwamm schwarze Farbe in das Gesicht. Nach einem letzten Blick im Spiegel machen sich die Männer mit den roten Gewändern bereit, um die Kirche für den Auszug zu betreten. Im Hintergrund ziehen die Schmutzlis die Jutesäcke – vollgepackt mit Nüssli, Manderinli und Schoggi – über ihre Schultern. Eigentlich ziehen jedes Jahr – wenn alle Glocken läuten – 14 St. Nikolauspaare aus der katholischen Kirche St. Nikolaus. Eigentlich. Denn dieses Jahr ist alles anderes. Wegen Covid-19 und der ausgebrochenen Pandemie. Und wegen den verordneten Schutzmassnahen. Denn heuer wird der traditionelle Auszug der Chläuse der St.-Nikolaus-Gruppe Wil nicht mit Spannung erwartet. Schliesslich findet er gar nicht statt. Und die Chläuse statten den Familien dieses Jahr gar keine Besuche ab.

Für hallowil.ch hat sich Stefan Giezendanner – in der Rolle des gütigen Bischof von Myra – von der St.-Nikolaus-Gruppe Zeit für ein Interview genommen und erklärt, wie er mit der aktuellen Situation und Corona umgeht. Denn in der aktuellen Corona-Pandemie versucht St. Nikolaus die Menschen auf verschiedene Arten zu erreichen. 

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So ziehen die 14 St. Nikoläuse und 14 Schmutzlis jedes Jahr aus der Wiler St. Nikolaus Kirche aus – das Jahr aber nicht. (Archivbild)

hallowil.ch: St. Nikolaus, Du kannst dieses Jahr den Familien und vor allem Kindern keine Besuche abstatten. Wie gehst Du damit um?

St. Nikolaus: Für mich ist es eine sehr schwierige Situation. Denn ich besuche die Kinder, aber auch die Erwachsenen sehr gerne. Ob zu Hause, bei Vereinen, in den Spitälern, Schulen oder den Altersheimen – ich werde immer herzlich erwartet. Das alles fehlt mir dieses Jahr sehr. Vor allem die Kinder und ihre Sprüche sowie ihre strahlenden Augen. Ich glaube aber, dass die Kinder weniger Mühe damit haben, dass wir sie nicht besuchen können. Irgendwie ist es für die Kinder normal, dass ich und Schmutzli nicht vorbeikommen dürfen.

hallowil.ch: Wie kommst Du darauf?

St. Nikolaus: Eine Mama hat uns beispielsweise mitgeteilt, dass ihre beiden Kinder gesagt haben, dass sie dies verstehen. «Schliesslich sind der Samichlaus und Schmutzli schon steinalt, also gehören sie zur Risikogruppe.» Das Problem liegt also eher bei mir und Schmutzli. Wir haben Mühe damit, dass wir die Familien, Kinder und älteren Menschen dieses Jahr keine Besuche abstatten dürfen, um ihnen die Geschenke persönlich zu überreichen.

hallowil.ch: Das heisst, dass Du aktuell sehr traurig bist?

St. Nikolaus: Ja, ich bin sogar sehr traurig. Die Entscheidung, dass wir dieses Jahr nicht unterwegs sein dürfen, bricht mir das Herz. Aber wir bekommen viele aufmunternde Worte. Eltern schreiben uns über Facebook. Kindergärten schicken uns Videos von Kindern, die für uns den Esel-Tanz machen. Die Kinder gehen toll und verständnisvoll mit der ganzen Corona-Situation um. Da geht mir das Herz wieder auf. Es berührt mich. 

hallowil.ch: Dieses Jahr ist einfach alles anders: Auch den traditionellen Auszug der St. Nikolaus-Gruppe Wil aus der St. Nikolaus Kirche gab es diesen Samstag nicht. Was hast Du stattdessen gemacht?

St. Nikolaus: Paul Scherrer, Mesmer der Wiler St. Nikolaus Kirche, hatte eine schöne Idee. Das traditionelle Drei-Läuten um genau 15 Uhr durften wir Chläuse übernehmen. Acht Chläuse unserer Gruppe haben diese Arbeit ausgeführt und haben von Hand an allen Glocken der Stadtkirche gezogen. Für mich war das ein ganz spezielles Erlebnis.

hallowil.ch: War das sozusagen ein kleiner Trostpflaster in dem Corona-Jahr?

St. Nikolaus: Ja, das war es definitiv. Es war eine Überraschung für uns, dass wir das machen durften. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei Mesmer Paul Scherrer für seine Offenheit bedanken – das war eine tolle Idee. Gerade weil wir auch dieses Jahr auch auf den Auszug verzichten müssen.

hallowil.ch: Wären denn Besuche mit einer Maske nicht möglich gewesen?

St. Nikolaus: Ich und Schmutzli hatten bereits Ende September ein Schutzkonzept erstellt: Dieses Konzept wäre ohne Masken gewesen, weil wir durch unsere dicken Bärte relativ gut geschützt sind. Wir wollten bei den Besuchen auch die Abstandsregeln von mindestens eineinhalb Metern einhalten und Desinfektionsmitteil mitnehmen. Wir waren uns sicher, dass wir unsere Tradition auch in diesem Corona-Jahr durchführen können. Als dann die zweite Corona-Welle richtig ausbrach, mussten wir alle diesjährigen Besuche absagen. In der aktuellen Lage wäre es einfach falsch gewesen, den Familien unbesorgt Besuche abzustatten.

hallowil.ch: Wo ist eigentlich Schmutzli während der Corona-Pandemie?

St. Nikolaus: Schmutzli lebt mit mir im Wald. Während der ganzen Corona-Pandemie werden wir auch dort bleiben – so wie wir es den ganzen Sommer tun. Ab und zu erledigen wir unsere Einkäufe in der Stadt – aber dann erkennt uns bestimmt niemand.

hallowil.ch: Fühlt Ihr Euch denn einsam im Wald?

St. Nikolaus: Nein, überhaupt nicht. Wie alle anderen Menschen sind wir über die moderne Technik mit anderen in Kontakt. So haben wir beispielsweise WhatsApp. Irgendwie müssen uns ja die Videos der Kinder erreichen. Als die St. Nikolaus-Gruppe Wil die Einteilung der Besuche machen wollte, haben wir uns auch via Zoom getroffen. In diesem Sinne haben wir unseren sozialen Kontakt schon.

hallowil.ch: Wegen der Corona-Pandemie greifst Du dieses Jahr auch auf die moderne Technik und schickst den Kindern eine Videobotschaft. Warum hast Du Dich dafür entschieden?

St. Nikolaus: Einfach nichts machen, das wäre keine Option für mich gewesen. In der St. Nikolaus Gruppe Wil haben wir auch darüber diskutiert, ob wir eventuell Zoom-Meetings mit den Kindern machen wollen. Das war uns dann wieder zu digital. Wir wollten etwas machen, damit wir die Kinder trotzdem im Wohnzimmer besuchen können. Und was gibt es da besseres als eine Videobotschaft? So haben wir die Geschenke zu den Familien geschickt oder einfach bei ihnen zu Hause versteckt. Nun müssen die Eltern den Kindern nur noch das Video abspielen und die Geschenke überreichen. Im Video erzählen Schmutzli und ich unsere Geschichte, wie wir zueinander gefunden haben. Denn der St. Nikolaus-Gruppe Wil war es wichtig, dass wir die Legende den Kindern erzählen.

hallowil.ch: Lieber Samichlaus, was wünschst Du Dir für das Jahr 2021?

St. Nikolaus: Ich wünsche mir ganz viel Solidarität. Dass die Menschen Masken tragen und sich strikt an die Schutzmassnahmen halten. Denn die Menschen müssen einander vor diesem Virus schützen. Damit dann nächsten Dezember das Coronavirus hinter uns liegt und ich die Menschen wieder besuchen darf. 

 
(Video: St. Nikolaus-Gruppe Wil)