Den letzten Vortrag vor den Ferien hielt Dr. med. Jörg Bitter zum Thema: «Schizophrenie, Mythen und Fakten.
Wie interessant das Thema ist und wie viel Unklarheiten bestehen, zeigte die hohe Beteiligung und am Schluss die treffenden Fragen. Der Referent und die Angehörigenberaterin Edith Scherer freuten sich über das grosse Interesse an diesem herrlichen Frühsommerabend. Er gestaltete seinen Vortrag sehr verständlich und praxisbezogen.

Historisches
Die Psychiatrie ist ein noch junges Fachgebiet, früher gab es keine Behandlungsmöglichkeiten. Der deutsche Arzt Dr. Emil Kraepelin bezeichnete den Zustand 1898 als «Dementia praecox», vorzeitige Demenz. Die Bezeichnung Schizophrenie (gespaltene Seele) verdankt man dem Schweizer Psychiater Eugen Bleuler. Kurt Schneider unterschied 1938 bei der Schizophrenie zwischen Symptomen ersten und zweiten Ranges. Nach einer einheitlichen Definition ringt man heute noch immer.

Häufigkeit und Ursachen
Schizophrenie ist eine sehr schwerwiegende Erkrankung und zeigt sich in einer unglaublichen Vielfältigkeit. Man findet sie bei 1% in allen Kulturen, Männer und Frauen sich gleich häufig betroffen, wobei die Erkrankung bei Männer etwas früher ausbricht als bei Frauen, was vermutlich auf die unterschiedlichen Hormone zurückzuführen ist. Heute geht man von einer multifaktoriellen Entstehung der Krankheit aus, sie können genetisch, hirnorganisch oder psychosozial sein. Bei den genetisch bedingten Erkrankungen zeigen Studien klar, dass das Risiko bei Angehörigen 2. Grades bei 10% liegt, sind beide Eltern an Schizophrenie erkrankt, steigt es auf 40%. Bei eineiigen Zwillingen besteht eine Konkordanz von 50%. Verantwortlich sind polygene Erbanlagen. Hirnorganische Ursachen sind unter anderem Sauerstoffmangel während der Geburt, Infektionen, strukturelle und funktionelle Abnormalitäten und vieles mehr.

Psychosoziale Faktoren und Symptomatik
Die Forschungsergebnisse sind teilweise kontrovers. Man stellt aber fest, dass in städtischen Verhältnissen mit enormen Umweltreizen das Risiko grösser ist als auf dem Land. Auch das Verhalten der Familie scheint den Verlauf zu beeinflussen. Die Symptomatik zeigt sich zum Beispiel in Störungen des Denkens, Wahrnehmens, der Körpermotorik und des Affektes. Dazu kommen Wahnerlebnisse, Halluzinationen, die Störung von Auffassung, Gedächtnis und Informationsverarbeitung. Das Empfinden von Freude oder Trauer ist abgestumpft oder nicht mehr vorhanden, ebenso das logische Denken.

Prodromalphase
Der Beginn der Krankheit ist häufig schleichend. Auffälligkeiten bestehen schon vor Ausbruch der Erkrankung in der sogenannten Prodromalphase (Vorphase der Krankheit). Es wäre enorm wichtig, bereits hier mit einer Behandlung zu beginnen. Eine harmonische Persönlichkeit sowie ein akuter Krankheitsbeginn sind Prädiktoren für einen günstigen Verlauf. Ein schleichender Beginn mit starken Negativsymptomen und schwierigem sozialem Umfeld sprechen für einen ungünstigen Verlauf. Je länger die Dauer der unbehandelten Psychose, desto ungünstiger das Ansprechen auf Therapie und Krankheitsverlauf.

Therapie
Sehr oft ist der Erstkontakt mit Zwangsmassnahmen verbunden. «Ohne Medikamente ist keine Behandlung möglich», betonte Dr. Bigger. Die Medikamente wirken gegen psychomotorische Erregung, Aggressivität, psychotische Sinnestäuschung und Wahnerleben sowie affektive Spannungen. Man hat noch keine Substanzen, die völlig frei von Nebenwirkungen sind. Es gibt typische und atypische Antipsychotika, die sehr exakt auf jeden einzelnen Patienten eingestellt werden müssen. Diese stehen im Zusammenspiel mit Psychotherapie und psychosozialer Behandlung. Dazu kommen Unterstützung in der Lebensbewältigung, Suizidprävention, Arbeit mit den Angehörigen usw. Immer ist es ein Weg der kleinen Schritte, eine kontinuierliche behutsame Beziehungsarbeit, die Vertrauen schafft.