Die Donnerstags-Gesellschaft Oberuzwil lud zu diesem vielversprechenden Abend ein. Seit mehr als zwanzig Jahren schreibt das Ehepaar Schreiber und Schneider nun seine wöchentliche Kolumne. Anfänglich ging es nur um sie beide, später kamen die beiden Töchter dazu. Familie bietet ja immer Stoff für Diskussionen, haben doch sie und er selten genau die gleiche Meinung zu Erziehung, richtigem Essen, Ausgang und dergleichen. 

Kein Wunder, dass sich das Publikum noch so gerne auf die ganz persönliche Reise der Beiden mitnehmen liess, eine Reise, die immer wieder zum Schmunzeln verleitete. Denn all die kleinen Sticheleien und Zuschreibungen, die die beiden Persönlichkeiten mit dem Publikum teilten, berührten bestimmt auch irgendwie die Welt jeder einzelnen Person im Saal. Die Lesung begann bereits mit einer kleinen Zweideutigkeit, denn Schreiber sagte: «Ich mach dich an!», meinte damit allerdings nur das bis dahin streikende Mikrofon, aber eben... Und schon lachte das Publikum.

Analoge Darbietung

In Zeiten von Zoom und anderen digitalen Übertragungsmöglichkeiten freuen sich Menschen ganz besonders darauf, wieder von Angesicht zu Angesicht Geschichten erzählt zu bekommen. Dazu braucht es keine grossen technischen Voraussetzungen - ein Tisch, ein farbiges Tischtuch, zwei Gläser und eine Karaffe Wasser genügt. Während der ganzen Lesung hatte man nie das Gefühl, dass alles peinlich genau nach Plan ablaufen müsste. Immer wieder gab es spontane Einwürfe von einer Seite her oder auch kleine Gesten, die zu neuen Abschweifungen führten.


«Endlich erwachsen!»

So nennen die Zwei ihr neuestes Programm. Wobei Schreiber – also sie – auch hier einen kleinen Seitenhieb nicht unterlassen konnte. «Er-wachsen“ deutete sie um in «Er muss wachsen!», was für sie natürlich überhaupt nicht gelten würde. Eigentlich seien sie jetzt endlich volljährig, was jedoch noch lange nicht «erwachsen» bedeute, meinte Schneider zu diesem Thema. Und wirklich! Immer wieder drückte etwas Spitzbübisches, ja fast Kindliches bei dem Mann durch.

Wann kommt der Antrag?

Schneider führte eindringlich aus, wie er immer gespürt habe, dass seine Liebste einen romantischen Antrag erwarte. Ihn aber dünke Heiraten total altmodisch, besonders aber die Erwartung, einen Antrag machen zu müssen. Nach zwei Kindern fand dann sie, nun müsse man Nägel mit Köpfen machen und organisierte heimlich eine Feier. Doch ihr Liebster hatte die gleiche Idee, einfach eine Woche vorher... Die Frage nach einem romantischen Antrag an die Frauen im Publikum brachte ein recht erbärmliches Resultat, nämlich genau drei aufgestreckte Hände, davon eine nur halb, da auch der Antrag nur so halb romantisch gewesen sei. Auf die Frage, ob die Frau ihre Geschichte nicht grad allen im Saal erzählen möge, lachte sie und meinte: «Viel zu lang!».

Geschlechterzuschreibungen

Heute möchte man ja möglichst keine Unterscheidungen mehr machen zwischen Buben und Mädchen. Pinkfarbene Spielsachen sind je länger je mehr verpönt, allerdings nicht bei den Mädchen, wohl aber bei den für den Geschlechterdiskurs Verantwortlichen. Und doch hat Schneider eindeutig beweisen können, dass man beim Pullover-Ausziehen klare Unterscheidungen feststelle, sogar wissenschaftlich erwiesen. Und darum gehe auch ein hauchdünnes Merino-Unterleibchen halt unweigerlich kaputt, wenn er es ausziehe. Dabei, so versicherte Schneider, habe er sich sogar mit einem Psychologen über dieses Phänomen unterhalten. Dagegen kam die weibliche Logik von Schreiber natürlich nicht an.

Dass allerdings eine ganz besonders bunte, mit wildem Blumenmuster versehene – laut Schneider scheussliche - Jacke Schreibers dazu führen könnte, dass ein solches Bild ins Gartenbuch statt ins töchterliche Firmbuch komme, löste ganz viel Heiterkeit aus. Gelacht werden konnte aber auch sonst immer wieder. Schliesslich kennt man selber ganz viele ähnliche Szenen aus dem eigenen Leben. Und nichts kann mehr befreien als Lachen über die eigenen Unzulänglichkeiten.

Alltägliches spannend verpackt

Wer kennt nicht die Schwierigkeiten, wenn gemeinsam Kleider oder auch Nahrungsmittel eingekauft werden sollten? Schreiber beklagte sich bitter darüber, dass ihr Mann so gar kein modisches Flair habe, lieber alte, bis zur Unkenntlichkeit verformte Kleider trage. Dass er in einem Laden nie etwas finde, sei eine Tatsache, er halt einfach mit Alltagsblindheit geschlagen. Sie dagegen hätte den Durchblick, was Schneider auf «Du hast den Blick» reduzierte... Und wie sich die beiden mit Möbelumstellen schwer tun können! Das war ein Lehrstück, wie man Tatsachen so völlig unterschiedlich wahrnehmen und erklären kann. Wer hätte denn gewusst, dass Holzatome beim Transport über eine Treppe nach unten rutschen und so das Möbelstück schwerer machen? Ach ja, so mache sie das immer, sie formuliere so lange um, bis es für sie stimme, war dazu Schneiders süffiger Kommentar...


Autofahren als Stolperfalle für die Beziehung

Jeder Mensch, der selber Auto fährt, kennt die Tücken des Mitfahrens. Ob allerdings die Geschichte von der getrennten Heimfahrt wirklich so passiert ist? Sie habe nach einem Zwist einmal befohlen: «Halt an!» und «Fahr ab!» Das habe er wörtlich genommen – sie sei darauf mit dem Zug nach Hause gefahren. Und die Versöhnung? Da Schreiber Stille nicht gut aushalten würde, mache sie meistens den ersten Schritt, aber er willige jeweils gerne ein. Sie würden sich ja nicht ununterbrochen streiten, sondern hätten auch viele harmonische Momente. Aber für eine Kolumne wäre das eben nur halb so lustig.

Auf eine Publikumsfrage, ob ihnen denn die Themen für neue Kolumnen – die genau von diesen Differenzen leben!  – nie ausgingen, meinte Schneider: «Dann machen wir eine kleine Autofahrt – und schon habe ich wieder mindestens vier mögliche Themen.»

Innere und äussere Grösse

Immer wieder ein beliebtes Gesprächsthema ist auch die unterschiedliche Körpergrösse der beiden. Steven Schneider zählte all die an Zentimeter nicht reich bedachten berühmten Männer auf, die dennoch die tollsten Frauen bekommen hätten, so beispielsweise der ehemalige französische Präsident Sarkozy oder auch Tom Cruise, nicht zu vergessen der greise Bernie Ecclestone mit einer Körpergrösse von 159 cm, der sich mit Frauen schmücke, die nur einen Drittel so alt seien wie er – der Formel-1-Fan ist unterdessen 91 Jahre alt.

Und was war denn da mit der wunderbaren Sophia Loren, die den viel kleineren Carlo Ponti geheiratet und immer behalten habe? «Der hatte halt auch Kohle!» Schliesslich meinte Schneider zu seiner Frau: „Du hast eine schöne Länge, ich dagegen innere Grösse.»

Restaurantbesuche als Nervensache

Man wäre ganz gerne dabei, wenn das Paar Schneider-Schreiber einmal gross ausgeht. Er ist mit dem erstbesten Platz zufrieden, sie aber hat ständig Sonderwünsche. Klar, wenn er doch den Tisch bestellt hat, dieser aber ausgerechnet vor dem WC-Eingang steht. Da muss sie doch eingreifen. Das Publikum erfuhr, dass Schreiben praktisch immer einen noch besseren Tisch entdecke als den vorbestellten, sich sogar nicht einmal scheuen würde, bei Nachbartischen nachzufragen, ob diese noch lange bleiben würden... Schneiders Trost: «Hat vielleicht damit zu tun, dass sie eine Deutsche ist...» Dass es manchmal sogar peinlich werden kann, wenn Schreiber total ausflippt an einem Fest, habe dazu geführt, dass sie nun immer weiter vom Wohnort weg in den Ausgang gehen müssten. Wer’s glaubt!

Nicht immer nur gemeinsam

Auch der besten Beziehung tut es gut, wenn beide auch eigene Projekte verfolgen. So hat Sybil Schreiber völlig allein ein Buch geschrieben. Es heisst «Sophie hat die Gruppe verlassen». Aber auch Schneider verfasste ein Buch. Er beglückte dazu fünfzig Männer aus seinem Umfeld mit einem Fragebogen, um das Thema «Streit in der Beziehung» auszuloten. Und weil Männer in der Regel ja nicht unbedingt gerne viel schreiben, hat er ihnen die Antworten gleich vorgegeben, diese mussten nur noch am richtigen Ort angekreuzt werden. Natürlich haben die Männer fast unisono gefunden, dass immer «sie» den Streit beginne... Schneider gab auf Frage von Schreiber kleinlaut zu, den Fragebogen selber nicht ausgefüllt zu haben.


Schlussrunde

Aus der Zuhörerschaft wurde die Frage gestellt: «Werdet ihr trotz Streitgefahr gemeinsam nach Hause fahren?» Schneider meinte: «Klar, kann sie ja schlecht zu Fuss nach Hause gehen lassen!“ Und weil den beiden Persönlichkeiten das aufmerksame Publikum so gut gefiel, gab es – was bei Lesungen eigentlich nie vorkommt! – noch eine kurze Zugaben-Kolumne. Unter tosendem Applaus verbeugten sich darauf Sybil Schreiber und Steven Schneider. Sie hatten allen Anwesenden einen unbeschwerten, heiteren Abend beschert, diese vielleicht sogar etwas zum Nachdenken über eigene Macken und Marotten angeregt. Mit einem grossen Dankeschön an die beiden Lesenden, ganz besonders aber auch an Hauswart Roland Frischknecht entliess Annina Klaus die vergnügte Zuhörerschaft. 

Der nächste Anlass der Donnerstags-Gesellschaft, die HV, findet am 27. Januar 2022 – selbstverständlich einem Donnerstag - statt.