Die Frage, die das Bezirksgericht Münchwilen vor allem umtrieb: Was wollte der Angeklagte wirklich, als er am 28. April 2019 in einen Münchwiler Imbiss kam, ein Messer zückte und damit einen Mitarbeiter des Ladens bedrohte und anschliessend verfolgte? Ging es um einen Deal, um Geld, wie der Beschuldigte während der Einvernahme zu Protokoll gegeben haben soll? Oder darum, «ein solches Bild von mir zu zeichnen, dass Sie mich zurückschicken müssen», wie der Mann an anderer Stelle gesagt haben soll? Oder ging es wirklich um eine versuchte, vorsätzliche Tötung, weswegen ihn die Staatsanwaltschaft denn auch angeklagt hatte?

An der Hauptversammlung vom Donnerstagnachmittag wurden diese Fragen am Bezirksgericht Münchwilen erörtert. Der Angeklagte selbst sagte während der Befragung durch den Richter, er habe dem Mitarbeiter lediglich Angst einjagen wollen. Dieser sei «kein guter Mensch». Er grüsse beispielsweise nicht oder lasse sich nicht auf eine Unterhaltung ein. Der Angeklagte sagte aber auch, er könne sich an die Vorfälle des 28. April nicht wirklich erinnern. In der Tat macht er eher den Eindruck eines Verwirrten und Geplagten, als den eines kühl handelnden Angreifers.

Behinderung wegen Kriegsverletzung

Beim Beschuldigten handelt es sich um einen Mann Mitte 30 aus der Türkei. Deshalb auch der Antrag auf 15 Jahre Landesverweis. Seit 2017 lebt er in der Schweiz. Geflohen war er vor dem türkischen Militär, denn er gehöre der kurdischen Minderheit an, habe als Soldat gedient. Beim Beschuss durch türkische Soldaten sei er am Kiefer getroffen und schwer verletzt worden. Man glaubte, er sei tot, so habe man ihn liegen lassen. Daraufhin sei ihm die Flucht gelungen. In der Tat ist die Verletzung im Gesicht nicht zu übersehen, das Sprechen fällt schwer, und selbst Muttersprachler hätten oft Schwierigkeiten, ihn richtig zu verstehen. Deutsch spricht und versteht er nicht, eine Übersetzerin begleitet ihn durch die Verhandlung. Es bleibt allerdings fraglich, ob er der Verhandlung besser hätte folgen können, würde er die Sprache verstehen. Von Anfang an wirkt er wie einer, der vor dem Richter steht, ohne ganz zu begreifen, was er hier soll. Er bereue und verspreche, so etwas nie wieder zu tun, beteuert der Beschuldigte.

Im forensisch-psychiatrischen Gutachten heisst es: «Seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit war zum Tatzeitpunkt jeweils in schwerem Grade vermindert bis aufgehoben.» Das bedeutet: Der Angeklagte ist nicht oder kaum fähig, sein eigenes Verhalten zu bewerten und entsprechend zu handeln. Während die Anklagepunkte und Zeugenaussagen von der Staatsanwältin vorgetragen werden, hat der Angeklagte seine Finger fest verknotet, die Augen auf die Richter gerichtet. Ob er diese wirklich ansieht, bleibt an dieser Stelle ungeklärt. Sein Blick jedenfalls scheint merkwürdig leer. Je länger die Staatsanwältin spricht, desto mehr scheint der Beschuldigte in sich zusammenzufallen. Erst, als seine Verteidigerin das Wort ergreift, entknotet er seine Finger und schaut zur Anwältin auf.

Nicht schuldig, aber auch nicht unschuldig

Um 17 Uhr verkünden die Richter dann: «Der vorsätzlichen Tötung nicht schuldig.» Aber nicht, weil sie an seiner Tötungsabsicht zweifelten, sondern weil er nicht schuldfähig ist. So wird denn statt eines Urteils mit möglichem Freiheitsentzug eine stationäre Massnahme nach Artikel 59 StGB angeordnet. Dort heisst es: «Ist der Täter psychisch schwer gestört, so kann das Gericht eine stationäre Behandlung anordnen, wenn: der Täter ein Verbrechen oder Vergehen begangen hat, das mit seiner psychischen Störung in Zusammenhang steht.» Die Richter stützten sich in der Urteilsbegründung auf das Gutachten. Auch sehen sie von der Landesverweisung ab.

Und die Betäubungsmittel? Neben der versuchten, vorsätzlichen Tötung hatte ihn die Staatsanwaltschaft wegen der mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes angeklagt. Der Beschuldigte habe immer wieder Marihuana konsumiert. Dies gab er denn auch zu und akzeptierte die Busse von 200 Franken.