Im dicht gefüllten Fürstenlandsaal aktivierte der Referent sein Publikum durch ein einleuchtendes Beispiel: Crawlkurs im Bergholz. Die Lernbegierigen sind schon im Wasser, im Halbkreis gruppiert um den Instruktor, der die entscheidenden Bewegungen gut sichtbar am Beckenrand erläutert und vormacht. Dann geht’s ans Üben. Der Schwimmlehrer macht in Abständen auf Unsicherheiten oder Fehler aufmerksam und zeigt, wie man sie vermeidet. Das wird speziell geübt, wobei die Teilnehmenden Fortschritte registrieren, die sie ermutigen. Am Schluss des ersten Trainings gibt es einen kurzen Kommentar des Instruktors, der aufs Wesentliche zielt. Und dann geht’s ab: üben , üben, üben, einen ganzen Sommer lang. Es folgt regelmässiges Weiterentwickeln im Kurs, Schritt für Schritt führt er vom Elementaren zum Anspruchsvolleren, in einem bewährten, fachlich fundierten Aufbau. Am Ende des Kurses ist allen Teilnehmenden klar, was sie nun können und wo für sie die nächste Etappe liegt.

Ebenso klar wurde: Ein Crawl-Kurs ist für Nichtschwimmer nicht geeignet. Damit stach Walcher ins Zentrum der oft heiss geführten Debatte, wie die Volksschule heute arbeiten soll. Der Referent trat anhand bewährter Erkenntnisse aus Theorie und Praxis für die Devise ein: im Prinzip (immer noch!) wie der Crawlkurs im Bergholz.

Post inside
Crawl-Kurs im Bergholz. Nach diesem Prinzip verläuft erfolgreiches Lernen auch heute noch. (Folie Referent)

Ernüchternde Bilanz
René Walcher ist Erziehungswissenschaftler und war bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr im Schulbereich tätig, davon mehr als 30 Jahre als Heilpädagoge in einer Einführungsklasse. „Ich habe mich angesichts der heutigen Reformflut gefragt, wie die damit einhergehenden neuen Unterrichtsformen sich gegenüber gefestigten Erkenntnissen der Lern- und Lehrwissenschaft verhalten“, sagte der Referent. Seine Bilanz ist ernüchternd. Die heutigen Schulreformen im Umkreis des Lehrplans 21 kreisen um die vielbeschworenen Begriffe wie die Lehrperson als Coach, eigenständiges Lernen, Heterogenität (Öffnung des Klassenunterrichts) und Individualisierung. Im Unterschied zum traditionellen Unterricht ist der Lehrer nicht mehr zentraler Instruktor (wie der Schwimmlehrer), sondern lernbegleitender Coach, oft im Hintergrund. Die Orientierung am Durchschnittsschüler entfällt, die Schüler tragen die Verantwortung über ihr Fortkommen grösstenteils selbst. Es gibt bei mangelndem Schulerfolg keine Klassenrepetition mehr, Kleinklassen werden zugunsten der Inklusion reduziert, Einschulungsklassen (Kleinklassen A) sind abgeschafft. Das trifft, wenigstens der Tendenz nach, auch die Situation in Wil.

Post inside
Der unverstellte Blick des Wiler Unterrichtsexperten René Walcher auf die fehlende Wirksamkeit "offener" Unterrichtsformen mochte manchen überraschen.

Ungebremster Reformdruck
Auch in Wil ist der generelle Trend ein Unterrichten nach dem Modell Altersdurchmischtes Lernen (AdL, Projekt Prisma) sowie die Auflösung der Kleinklassen und ihr Ersatz durch die sogenannte Inklusion: Schüler mit Lern- oder Verhaltensschwierigkeiten werden im Prinzip in die Regelklassen integriert und erhalten nur punktuell auf sie ausgerichtete Aufmerksamkeit und Hilfe. Demgegenüber zitierte Walcher verschiedene Autoren und deren Erkenntnisse, als jüngere Stimme auch den neuseeländischen Wissenschaftler John Hattie mit seinem Buch „Lernen sichtbar machen“, in welchem er an die 50'000 neuere empirische Befunde zur Theorie des Lernens und Lehrens auswertet.

Post inside
Was früher Lernerfolge garantierte, tut es auch heute noch. (Folie Referent)

Unverrückbare Grundlagen
Ihnen zufolge steht im Zentrum des Lerngeschehens nach wie vor die Lehrperson, die Fachkraft ist sowohl in der zu unterrichtenden Disziplin als auch im Einschätzen des Standes und der Schwierigkeiten der Lernenden. Zentrales Lerninstrument ist nach wie vor das Nachmachen des Vorgemachten. Die Lerngruppen sollten homogen sein und nicht heterogen. Der Lernstand muss regelmässig und verlässlich überprüft werden (formatives Lernen). Die Instruktion erfolgt in sinnvollen kleinen Schritten. Es muss genügend Üben stattfinden, und das Üben muss auf die Instruktion zurückbezogen sein, sonst wird es Selbstzweck. Wesentlich ist auch für Hattie das Feedback. Ein lernwirksames Feedback besteht im gezielten, auch aufmunternden und auf die Schülerpersönlichkeit zugeschnittenen Echo der Lehrkraft, ist also nicht einfach ein Smiley auf einem Blatt mit Übungen.

Post inside
Die Betonung liegt auf dem engen Zusammenhang zwischen Instruktion und Üben. Heutige Lehrkräft beklagten den Mangel an Zeit für beides.

Schlechtes Abschneiden neuer Unterrichtsformen
In der Auswertung einer Riesenmenge moderner Unterrichtsstudien kommt Hattie zu Schlüssen, die viele überraschen mögen. Die heute oft schlecht geredeten traditionellen Verfahren, wo eine Lehrkraft mit allem, was sie hat, verantwortlich ist für das Fortkommen einer ganzen Klasse und damit ganz natürlich im Zentrum steht, erbringen nach wie vor die besten Ergebnisse. Das heisst für Walcher nicht, dass die Schule wieder zurückmuss. Aber die „neue Schule“ sollte nicht alles Gefestigte über Bord werfen und auf Zauberworte vertrauen. Hattie stellte fest, dass kooperatives Lernen, Inklusion der Lernenden mit Schwierigkeiten, Individualisierung und altersdurchmischtes Lernen übereinstimmend zu minimem Schulerfolg führen oder diesen sogar gefährden. Walcher präsentierte in diesem Zusammenhang auch von ihm analysierte neue Lehrmittel. Er bemängelte ihren Überhang an Übungsmaterial bei bestehendem Mangel an problembezogener Instruktion. Das Risiko sei gross, dass die Lernenden stehen bleiben, weil sie immer die gleichen Fehler machen.

Post inside
Was rechts über der Mittelsenkrechten liegt, belegt Lernerfolg. Links davon sind Formen, die wenig oder keinen Lernfortschritt bringen. Die von Reformkräften besonders privilegierten Unterrichtsformen schaffen es nicht über die Mittellinie. (Folie)

Diskussion bestätigt bestehenden Leidensdruck
Die Diskussion nach dem Referat war lebhaft und hätte wohl noch länger angedauert, wenn sie nicht irgendwann abgebrochen worden wäre. Sie bestätigte durchweg die theoretischen Befunde des Referenten mit Beispielen aus der Praxis. Es meldeten sich viele Lehrkräfte zu Wort, erfahrene in den Bereichen Heilpädagogik und Kleinklassen, auch praktizierende Jugendpsychologinnen und jüngere Lehrkräfte. Erfahrene Lehrkräfte bezeugten an persönlichen Beispielen, dass sie sich in den neuen Lernlandschaften überfordert fühlten. Es komme gerade das zu kurz, was der Referent als zentral bemängelte: Lehrkräfte hätten heute zu wenig Zeit für effizientes Instruieren und das Überprüfen des Lernstands eines jeden. Es gebe immer wieder Tränen verzweifelter Schüler. Da brauche es keinen Coach, sondern Ergründung und Ermutigung. Die angestrebte Durchmischung schaffe zusätzliche Probleme, darunter leide das Fortkommen aller. Auch junge Eltern zeigten sich besorgt über die nachteiligen Folgen der Reformwelle. Ein Mediziner berichtete, dass heute viele Schüler mit ihren Lernschwierigkeiten auf der Strecke blieben. Das führe zum Ansteigen von Krankheits- und Leidensformen, zum Beispiel Depressionen, und dies auffällig öfter als früher schon bei Kindern und Jugendlichen.