Frau Hadorn, am 8. März wurde der Internationale Tag der Frau begangen, glauben Sie, dass es in der Schweiz noch immer Verbesserungsbedarf in der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gibt?

In der Verfassung und in den meisten Gesetzen sind alle Menschen gleichgestellt. Diesen Grundsatz müssen wir immer wieder vermitteln, stärken und verteidigen. Ob es in jungen Jahren um die Wahl des Spielzeugs, der Lieblingsfarbe, des Sports oder des Instruments geht, oder ob später die Berufswahl, die Familiensituation oder die Vorsorge zum Entscheid stehen – immer soll die Gleichstellung von Geschlechtern und Herkunft als oberstes Prinzip gelten. Ganz besonders ist dieser Grundsatz bei der Entwicklung von Gesetzen, bei öffentlichen Förderungsprogrammen und bei der Integration einzufordern.

Was müsste Ihrer Meinung nach gesellschaftlich unternommen werden, um die Situation von Frauen zu verbessern?

Die Gesellschaft ist permanent zu ermutigen, konservative Rollenbilder aufzubrechen und den Mut für neue Formen des Arbeitens und Zusammenlebens zu finden. Frauen sind genauso in der Pflicht wie Männer. Denn nur, wenn wir Frauen für unsere Rechte einstehen und die Behebung von Ungleichheiten aktiv einfordern, kann die Gesellschaft sich als Ganzes entwickeln.

Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie sich als Frau diskriminiert gefühlt haben?

Ich stelle mir diese Frage nicht, weil ich mich und meinen Werdegang nicht aus der Opferrolle betrachte. In Situationen, die für mich nicht optimal verlaufen sind, frage ich mich, was ich besser machen kann, um bei der nächsten Gelegenheit meine Ziele zu erreichen. In meiner gesamten Laufbahn konnte ich fast immer auf die Unterstützung von Vorgesetzen - Männer und Frauen - zählen. Sie haben meinen Leistungsausweis anerkannt und mich auch aktiv gefördert. Dies war sicher auch deshalb so, weil für mich die Gleichstellung immer eine Selbstverständlichkeit war und ich nie eine typische Frauenrolle wahrgenommen habe. Heute fördere ich Menschen nach genau diesem Prinzip, von dem ich selber profitieren konnte.

Engagieren Sie sich persönlich in irgendeiner Weise für die Situation von Frauen?

Ja, ich bin Präsidentin der Wilden Weiber Lichtensteig, einem Verein von Geschäftsfrauen, die sich für das Beleben der Altstadt Lichtensteig einsetzen. Wir haben uns im Jahr 2014 zusammengeschlossen, um die Positionierung unserer Geschäfte, Läden und Restaurants zu verbessern. Durch die Gründung des Vereins haben wir eine bessere Integration in das Gewerbe und eine sehr ausgeprägte Vernetzung unter den Geschäftsinhaberinnen erreicht.

Zur Person:

Mirjam Hadorn, aufgewachsen in Wil und wohnhaft in Lichtensteig, leitet seit 2017 als Geschäftsführerin die Stiftung Lokremise St.Gallen. Nach 20 Jahren in der Assekuranz, zuletzt in der Funktion als CEO einer Onlineversicherung, entschloss sie sich im Jahr 2013 zu einem Richtungswechsel. Parallel zur Weiterbildung an der Schule für Gestaltung und Hochschule Luzern im Kulturmanagement, baute sie ihre eigene Galerie in Lichtensteig auf und setzte sich bis Ende 2016 für die Kulturvernetzung und Standortförderung der Gemeinde Lichtensteig ein.