Frau Rüegsegger, glauben Sie, dass es - im Nachgang zum Tag der Frau - noch immer Verbesserungsbedarf in der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gibt?

Aber natürlich! Die Vertretung von Frauen in Gremien aller Art lässt weiterhin zu wünschen übrig - nicht nur in Wirtschaft und Politik übrigens, auch in der Kultur sind die leitenden Positionen nach wie vor nicht zur Hälfte von Frauen besetzt. Meine Töchter haben es im Studium immer noch überwiegend mit Dozenten statt Dozentinnen zu tun. Dass Frauen für die gleiche Tätigkeit weniger verdienen, leuchtet überhaupt nicht ein. In der Corona-Pandemie hat es eine ganze Weile gedauert, bis wir nicht nur Experten, sondern auch Expertinnen zu hören bekamen. Bei Frauen in der Öffentlichkeit wird immer noch deren Aussehen verhandelt. Die Redezeit von Frauen in gemischten Runden ist oft kürzer. Die Liste ist hier leider noch nicht zu Ende.

Was müsste Ihrer Meinung nach gesellschaftlich unternommen werden, um die Situation von Frauen zu verbessern?

Wenn ich mit meiner Mutter vergleiche, dann hat sich in den letzten Jahrzehnten schon was getan. Ohne dass das schon reichen würde. Die Schere geht erst richtig auf bei Kindern. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, weshalb nicht die überwiegende Mehrheit ein partnerschaftliches Modell wählt. Es gibt nur Vorteile! Für alle Beteiligten! Dazu gehören auch andere Wohnformen. Kleinfamilie in einem Einfamilienhaus auf dem Land finde ich mit Kindern einen Alptraum. Wer kann das ernsthaft wollen? Wenn die Kinder klein sind, vereinsamt der betreuende Elternteil, wenn die Kinder grösser sind, sind sie in ihrem Bewegungsradius eingeschränkt und auf Elterntaxis angewiesen. 

Woran denken Sie konkret? 

Kinder brauchen keine omnipräsenten Turbomütter, sondern andere Kinder, Freiraum und Vertrauen. Mit Wohnmodellen, die über die Kleinfamilie hinausgehen, kann man den Kindern ganz viel nicht nur theoretisch mitgeben, sondern praktisch vorleben: Gleichberechtigung, Gemeinschaft, soziale Verantwortung, Beziehungen unter Mann und Frau auf Augenhöhe. Im Übrigen finde ich, dass es immer noch viel zu viele männlich geprägte Vorstellungen gibt. Wer sagt zum Beispiel, dass die männliche Art zu führen, Karriere zu machen, die richtige ist? Warum müssen Frauen beweisen, dass sie männliche Standards erfüllen können, statt eigene zu setzen? Und ich verstehe nicht, warum die vorhandene Arbeit so ungleich verteilt ist. Und warum es bewundernswert sein soll, wenn jemand - oft Männer - Tag und Nacht arbeiten. Teilzeit für alle!

Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie sich als Frau diskriminiert gefühlt haben?

Auf Anhieb kommt mir da in den Sinn, dass ich mich weniger als Frau, aber als Mutter diskriminiert gefühlt habe. Mein Partner und ich haben bereits vor 25 Jahren Erwerbs- und Familienarbeit je hälftig geteilt – nur so ein Alibi-Papi-Tag hätte uns nicht gereicht, weder für das Bedürfnis meines Partners, ein präsenter Vater zu sein, noch für meinen Wunsch, meine Arbeit weiter zu führen. Es kam oft vor, dass mein Partner Bewunderung und Unterstützung erntete, während ich immer wieder erklären musste, dass ich keine Rabenmutter bin, wenn unsere Töchter durch ihren Vater betreut werden. Absurd! Und auch heute noch gibt es Leute, die sich darüber wundern, dass mein Partner viel gründlicher putzt und besser kocht als ich. Warum? Ich bin dafür besser in Buchhaltung!

Engagieren Sie sich persönlich in irgendeiner Weise für die Situation von Frauen?

Äh, ist das eine Kategorie für sich? Es ist mir einfach selbstverständlich, überall eine angemessene Frauenvertretung einzufordern. Und mit Männern und Frauen gleich gut zusammenzuarbeiten. Selbstverständlich bin ich nicht einfach mit Frauen einig, nur weil sie Frauen sind. Das ist ja auch überhaupt nicht nötig. Man soll auch mit Frauen streiten dürfen. Ganz normal halt.

Zur Person:

Claudia Rüegsegger, * 1963, hat nach ihrer Ausbildung zur Schauspielerin an der Schauspiel Akademie Zürich das momoll theater mitgegründet und zuerst 15 Jahre gespielt, dann ein Nachdiplomstudium Kulturmanagement absolviert, ehe sie ihren Arbeitsschwerpunkt vermehrt auf die andere Bühnenseite verlegte.

Seit 2000 hat sie über 40 theaterpädagogische Projekte geleitet (zuletzt Oberstufen Toggenburg, Sekundarschule Romanshorn, 4. Ostschweizer Schultheatertage) und bei 30 Stücken Regie geführt (zuletzt für SBW Herisau, Volkstheater Wädenswil, VorStadttheater Frauenfeld), sie gibt Kurse und unterrichtet Theater. Seit 2012 führt sie die Geschäftsstelle von "Kultur im Eisenwerk" in Frauenfeld in einem Teilpensum. Sie lebt mit ihrem Partner seit 1996 in Wil SG.