Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Tagsüber kommt Sonja Züblin höchstselten zur Ruhe. Die medizinische Praxisassistentin ist in einem Wiler Ärztehaus gemeinsam mit ihren Kolleginnen für Konsultationstermine, Laboruntersuche, Verbandwechsel und vieles mehr zuständig.

In Ihrer Freizeit kommt eine ganz andere Seite der 60-Jährigen zum Tragen: Sie wechselt von einem sehr betriebsamen Arbeitstag in eine eher stille und musische Oase in ihrem Zuhause in Schwarzenbach. Auch hier geht es um Kontrast: Sie zeigt, wie vielfältig und ausdrucksstark das gekonnte Zusammenwirken der Nicht-Farben Schwarz und Weiss sein kann.

Millimetergenau schneidet Sonja Züblin mit einem Skalpell winzige Stücke aus einem schwarzen Papier aus, wenn sie beispielsweise mit ruhiger Hand die Konturen eines feingliedrigen Libellenflügels herausarbeitet. Oft hört sie dazu klassische Musik. „Das Schneiden ist für mich wie Meditation.“ Es braucht allerdings auch ständiges Training, damit die Feinmotorik der Hände erhalten bleibt. Nach einer Ferienwoche braucht sie etwas Anlaufzeit.


Umsichtige Motivwahl

Die kreative Frau ist auf einem Bauernhof in Lütisburg aufgewachsen, diese Naturverbundenheit ist ihr wichtig und drückt sich auch in ihrer Motivwahl aus. „Ich bin jeden Tag zwei Mal mit meinem Hund draussen unterwegs.“

Ihre Spezialität sind Bäume mit ihrem Astwerk-Geflecht. Der Ostschweizerin gelingt es, dabei eine plastische Wirkung zu erzielen. Schmunzelnd kommentiert sie: „Mittlerweile werde ich kopiert, aber ich werde nicht ganz erreicht.“

Bei der Wahl eines Baumes als Motiv geht Sonja Züblin sehr umsichtig vor: „Ich entscheide mich nicht für irgendeinen 0815-Baum. Schliesslich bin ich rund 300 Stunden damit beschäftigt, da soll es schon ein besonderer Baum sein.“ Mittels Fotokamera hält sie ihn und seine Astverteilung fest. Manche Bereiche sind eher dicht, an anderen Stellen ist der Freiraum grösser. Dies spielt für die anschliessende Widergabe eine wichtige Rolle. Viel Weiss in den Zwischenräumen verleiht dem Schlussbild eine eher heitere und leichte Note, viele Schwarzzonen lassen es eher schwer und düster erscheinen.

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Die Kunstwerke von Sonja Züblin sind bei Liebhabern sehr geschätzt und begehrt.

Lebendige Szenarien

Sämtliche Details des Baums werden mit Bleistift auf der weissen Rückseite des Schnittpapiers aufgezeichnet. Eine ebenso anspruchsvolle wie anstrengende Arbeit, wie Sonja Züblin erläutert. „Ich will nicht als naive Künstlerin gelten, die Motive sollen möglichst naturalistisch erscheinen.“ Sie braucht nicht nur sehr geschickte Hände, ohne ein gutes Vorstellungsvermögen käme sie nicht zu solchen Ergebnissen.

Zur besonderen Herausforderung wird das Zeichnen, weil das Motiv spiegelverkehrt aufgetragen werden muss. “Ich habe beispielsweise einmal einen Alpaufzug geschnitten, da mussten die Kühe schliesslich in die richtige Richtung laufen.“ Bisweilen bringt sie ausser dem Alpaufzug auch andere thematische Szenarien aufs Papier: die einzelnen Schritte im Rebberg bis zum Wein; das Leben im Wald mit Joggern, Förstern, Grillieren, Jägern, Spaziergängern; das Leben der Bienen von der Blüte bis zum Honig (sie ist selber Imkerin); das Leben im Affengehege. Die Sujets strahlen eine gewisse Heiterkeit und Verspieltheit aus. Sie wirken sehr präzis, ohne pedantisch zu erscheinen. Und auf eine geheimnisvolle Weise wirken sie lebendig, jeden Moment könnte ein Vogel auffliegen oder landen.

Zahlreiche Ausstellungen

Sonja Züblin kam nicht als Schnittkünstlerin zu Welt, aber als kreativer Mensch. „Ich habe schon in meiner Jugend viele Kleider selber genäht.“ Da überrascht es wenig, dass sie Handarbeitslehrerin werden wollte. Der Plan scheiterte an einer Schulnote, die Liebe zum Schöpferischen ist geblieben. Mit einem in einem Kurs in Winterthur ist sie 1984 in die Welt der Schnittkunst eingestiegen. Dabei zeigte sich ihr überdurchschnittliches Talent. Seither ist das Zeichnen und Schneiden zur Passion geworden, die auf grosse Beachtung und Resonanz stiess, wie die lange Liste der bisherigen Ausstellungen im In- und Ausland belegt. Zwei Mal wurde die Schwarzenbacherin sogar nach China zur Präsentation ihrer Arbeit eingeladen. China ist übrigens das Ursprungsland der Schnittkunst.

Werke in guten Händen

Und auch die Medienberichte stapeln sich. Die Publikationen machten verschiedenen Interessenten und Schnittkunst-Liebhabern auf die Werke der kreativen Frau aufmerksam. Sie reisten zum Teil von weit her in ihre Galerie an, um Werke von ihr zu erstehen. Diese sind keine Schnäppchen, immerhin wollen bis zu 300 Stunden Arbeit abgegolten werden. Wenn die Interessenten bereit sind, den Gegenwert eines Orientteppichs von hoher Qualität zu investieren, ist dies für Sonja Züblin ein Zeichen, dass sie das Werk aus echter Wertschätzung erwerben und dauerhafte Freude daran haben werden. Genauso wie sie dauerhafte Freude beim Anfertigen hatte.

http://www.schnitt-art.ch/