Frau Gübeli, am 8, März 2021 wurde der internationale Tag der Tag der Frau begangen. Glauben Sie, dass es in der Schweiz noch immer Verbesserungsbedarf in der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gibt?

Ja, klar. Die Gesellschaft ist permanent im Wandel – und damit auch die Stellung der Frau oder des Mannes. Oft sind es kleine Veränderungen oder Anpassungen, die mehr bewirken können als man per se denkt. Beispielsweise das verbesserte Subventions- und Tarifsystem für die familienergänzende Betreuung im Vorschulalter, das wir kürzlich im Parlament verabschiedet haben: Auf den ersten Blick eine eher «finanztechnische Anpassung», jedoch mit konkreten Auswirkungen für die Lebensgestaltung von Frauen und Männern. Kürzlich habe ich erfahren, dass Schweizer Bauern ihren Frauen, die auf dem Hof mitarbeiten, keinen Lohn zahlen müssen. 2/3 der Schweizer Bäuerinnen bekommen deshalb keinen eigenen Lohn. Wir reden hier von 30'000 Frauen in der Schweiz. Ohne eigenen Lohn fehlen diesen Frauen diverse Absicherungen wie die Pensionskasse, Arbeitslosenversicherung, Unfallversicherung, etc. Kommt es zu einer Scheidung, stehen sie ohne Geld da. Ein eindrückliches Beispiel, dass es immer noch dringenden Verbesserungsbedarf gibt.

Was müsste Ihrer Meinung nach gesellschaftlich unternommen werden, um die Situation von Frauen zu verbessern?

Ganz generell denke ich, müsste Care Arbeit – die immer noch mehrheitlich von Frauen übernommen wird - mehr an Wert gewinnen. Eigentlich könnte die Pandemiezeit hierzu beigetragen haben, dass sich mehr Leute bewusst werden, was diese Arbeit Grosses und eben – Systemrelevantes - leistet. Sei es in Pflegeberufen, der Kinderbetreuung, aber auch zu Hause. Nun bleibt die Frage, ob wir dies gesellschaftlich endlich anerkennen und schätzen – dazu braucht es jedoch nicht nur schöne Worte und Applaus, sondern zum Beispiel faire Löhne und Arbeitsbedingungen.

Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie sich als Frau diskriminiert gefühlt haben?

Wahrscheinlich schon – und gleichzeitig gab es sicher auch schon Situationen, in denen ich mich als Frau privilegiert gefühlt habe. Ich habe mich davon nie gross beirren lassen. Aber ganz klar gehöre ich auch zu einer Generation, die grundsätzlich gleichberechtigt aufgewachsen ist. Insbesondere, wenn es um das Stimmrecht, die Selbstbestimmung, Ausbildungs- und Berufschancen geht. Ich kenne es gar nicht anders.

Engagieren Sie sich persönlich in irgendeiner Weise für die Situation von Frauen?

Ich setze mich sehr gerne für die Ausgewogenheit von Männern und Frauen in Teams, Organisationen etc. ein. Das heisst, ich versuche andere Frauen zu ermutigen und zu motivieren, sich zu engagieren. Mit meinem Engagement in der Politik versuche ich diesbezüglich sichtbar zu sein. Gegenüber expliziten Frauen-Sonder-Organisationen, wie dies zum Beispiel bei Parteien vorkommt, bin ich zwiespältig eingestellt. Ich weiss nicht, ob solche «Sonderkategorien» der Gleichberechtigung weiterhelfen. Ich persönlich engagiere mich lieber in übergreifenden, heterogenen Gruppen und erachte dabei Toleranz und Zusammenhalt als zentral.

Zur Person:

Jahrelang stand Brigitte Gübeli als Marketingfachfrau für eine international tätige Privatbank im Einsatz. Nach der Geburt ihres Sohnes wünschte sie sich ein selbstbestimmteres Leben, das ihr mehr Spielraum für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zulässt. Daher hat sich die 44-Jährige vor drei Jahren in die Selbständigkeit gewagt. Sie gestaltet und leitet Willkommensfeiern, Hochzeitszeremonien und Abschiedsrituale. Seit August 2018 engagiert sie sich zudem für die Mitte Partei im Wiler Stadtparlament.