Das Wasser sprudelt, Simona Gisler (28) hält die langen Tagliatelle über das Wasser. Dann löst sie die Finger und lässt die langen Teigwaren in das kochende Wasser gleiten. Es sind nicht irgendwelche Tagliatelle, die sie an diesem Mittag in Littenheid ihrem Mann zusammen mit einem Stück Fleisch vom eigenen Kalb serviert. Es sind Teigwaren aus Urdinkel, dem Getreide, das in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt hat, wie kaum ein Lebensmittel sonst. Heute serviert die junge Frau Tagliatelle mit pikanter Note, nämlich mit Chili. In ihrer Küche stehen noch verschiedene andere Teigwaren aus Urdinkel im Regal, auch das neu lancierte Kernotto ist da, fein gewürzte Urdinkel-Stangen und mehrere Säcke mit den verschiedenen Urdinkel-Mehlsorten. Bei Simona Gisler muss niemand verhungern.

Gummistiefel, Pflug und Aussendienst

Simona Gisler ist nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen. Als Kind war sie dennoch tagtäglich auf einem Bauernhof in ihrer Nachbarschaft anzutreffen. Je älter sie wurde, je mehr Verantwortung durfte sie dort übernehmen und wenn sie mit ihrer Familie irgendwo zu Besuch war, musste die Familie zur Melkzeit daheim sein. «Klein-Simona musste in den Stall», erzählt sie mit lebhaften Augen. So wurde ihr Berufswunsch klar, Landwirtin wollte sie werden – und wurde es auch. 

Während ihrer drei Lehrjahre, jedes auf einem anderen Betrieb, war Simona Gisler glücklich, speziell die Kühe hatten es ihr angetan. Anschliessend bildete sie sich am Strickhof zur Agrotechnikerin HF aus. «Ich werde den Gummistiefeln treu bleiben, halte mir aber auch Türen offen, die sich für mich mit einer höheren Ausbildung noch öffnen können», sagt sie. In der Familie von Simona Gislers Vater gab es einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ackerbau  in Steckborn. Noch in ihren Ausbildungsjahren bekam sie nach Veränderungen in der Familie plötzlich die Chance, den Kleinbetrieb zu übernehmen. «Nichts lieber als das», sagte sie sich. Als kaum 20-Jährige hatte sie ihren eigenen Betrieb.


Urdinkel passt auf ihren Betrieb

Während der höheren Fachausbildung hörte sie von Mitstudierenden erstmals vom Anbau von Urdinkel. Sie reiste in die Zentralschweiz, sah sich die Anbaugebiete an, informierte sich bei einem Lohnbetrieb und bei der IG Dinkel. Sie war sofort begeistert von diesem Getreide, das zu Gotthelfs Zeiten noch schlicht «Chorn» genannt wurde. «Als ich dann merkte, dass Urdinkel langfristig auf meinen Betrieb passt, war ein Teil meiner Felder (4 ha) schnell mit Urdinkel eingesät.» 

Weil sie keinen finanziellen Druck gehabt habe, liess sich die junge Landwirtin unbeschwert auf Urdinkel ein. Als sie ihre Familie von diesem alten Getreide überzeugt hatte, wurde der Urdinkel-Anbau schnell zum Familienunternehmen. Für Simona Gisler ein Glücksfall, denn in der Zwischenzeit liess sich die Agrotechnikerin bei der UFA AG in Oberbüren als Beraterin und Ressortleiterin im Bereich Munimast anstellen. Der Fokus, der Kontakt zu den Menschen und die Wirtschaftlichkeit der Landwirtschaftsbetriebe seien für sie wichtige Punkte. 

Seit August ist Simona Gisler verheiratet. Als Betriebsgemeinschaft bewirtschaftet das junge Paar zusammen mit den Eltern ihres Mannes einen Milchwirtschaftsbetrieb, wo auch Simona Gisler an den Wochenenden regelmässig anpackt. «Ich bin deshalb beim Anbau des Urdinkels auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen. »

Ein Standbein für viele

Simona Gisler wurde Mitglied bei der IG Dinkel, besuchte eine Versammlung half an der Olma am Stand. Bald wurde sie für den Vorstand angefragt. «Ich nahm das Amt sehr gerne an.» Als vor einem Jahr ein Präsidentenwechsel anstand, übernahm sie das Amt und präsidiert seither den Verein mit rund 2500 Mitgliedern. Verschiedene Aspekte der Arbeit in der IG faszinieren sie. Da wäre zum einen die Zusammenarbeit zwischen den Produzenten und Verarbeitern aber auch bei Werbekampagnen kenne sie sich inzwischen gut aus. 

Von der Geschäftsstelle auf der Bäregg in Bärau fühle sie sich sehr unterstützt. Es sei wichtig, dass sie in der Schweiz produzieren können und einen anständigen Erlös erwirtschaften. Simona Gisler setzt sich mit Überzeugung für eine produzierende Landwirtschaft ein. «Wo Dinkel draufsteht, ist nicht immer Dinkel drin», sagt sie und erklärt, dass Importware oft mit Weizensorten eingekreuzt werde. Auf Urdinkel aus der Schweiz hingegen könne man sich verlassen.

Urdinkel-Produzenten sind gesucht

Urdinkel wurde 1996 von der IG Dinkel mit der Schreibweise «UrDinkel» als Marke eingetragen. Sie steht für alte, nicht mit Weizen eingekreuzte Schweizer Dinkelsorten von kontrollierten IP-Suisse- oder Bio-Suisse-Betrieben, die auf den Einsatz von Halmverkürzern verzichten. Dinkel ist nicht nur eines der eiweissreichsten Getreide, es enthält auch viele Vitamine und Mineralstoffe, vor allem Magnesium und Zink. 

Auch was die Heiterkeit der Seele betreffe, sei Dinkel förderlich. So wisse man heute, dass Dinkel sechs bis acht essentielle Aminosäuren enthält, die im Körper die Produktion glücklich stimmender Hormone anregen, sagt Simona Gisler. Zudem enthalte Urdinkel hochwertige, ungesättigte Fettsäuren. Deshalb geniesse Urdinkel ein hohes Ansehen insbesondere bei der Ernährung von Sportlern und linienbewussten Menschen. Auf ungefähr 2000 Landwirtschaftlichen Betrieben werde heute Urdinkel produziert, sagt Simona Gisler. Das ist der Präsidentin der IG Dinkel nicht genug. Da sich Urdinkel in den letzten Jahren in der Gourmets- und Spitzenküche, bei vielen innovativen Bäckereien und im Detailhandel etablieren konnte, würden laufend neue Produzenten gesucht, so Gisler. «Wir wollen die Anbau Fläche weiter ausbauen.»