Während sich Parteien in unterschiedlichen Themen, wie Sicherheit, Finanzen, Sozialwesen, Verkehr, Bildung, Energieversorgung, engagieren, nehmen sich Interessenverbände oft eines einzelnen Themas oder Projektes an. Sie wollen in der Politik und in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit für ihr Anliegen erreichen. Gleichzeitig umgehen sie Prestige-Kämpfe zwischen den Parlamentsfraktionen.

Seit 21 Jahren ist bespielweise die Qualität des Wiler Stadtbusangebotes für die IG ÖV ein Anliegen. Im Oktober 2000 wurde sie unter dem Namen IG pro Stadtbus Wil in der Wiler Tonhalle ins Leben gerufen. Sie war aus einem ehemaligen Komitee gegen den Leistungsabbau beim Stadtbus hervorgegangen. Dieses lancierte am 28. November 1999 eine entsprechende Volksabstimmung.

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Anfänglich war das Angebot an Linien des Stadtbussen in Wil vergleichsweise bescheiden. Foto: wilnet 


Velofreundliches Wil

Ein anderes Beispiel ist der Verein Velo, der sich für ein velofreundliches Wil einsetzt. Er sieht darin eine Aufwertung der Lebensqualität in der Stadt. Mit stationären Velopumpen, beispielsweise beim Stadtweier, will er das Publikum zum vermehrten Velo fahren motivieren.

Im Weiteren steht er hinter der Lancierung des Lieferservice via Velo in Wil sowie hinter der Einführung der E-Cargobikes. Er initiierte am 14. September  2019 auch das öffentlichkeitswirksame Festival Pedale in der Altstadt und in der Oberen Bahnhofstrasse.

Fürsprecher für die Kultur

Eine weitere Interessengruppe ist die 2015 gegründete IG Kultur Wil, die sich als Sprachrohr der Kulturschaffenden und –interessierten in der Äbtestadt versteht. 

Sie setzte sich seit Beginn für die Umnutzung der Liegenschaft «zum Turm» an der Tonhallestrasse in ein Begegnungs-, Musikschul- und Kulturzentrum ein. Am 12. März 2020 wurde in einer Abstimmung im Stadtparlament die entsprechende Motion von Sebastian Koller mit einer 2/3 Mehrheit angenommen.

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IG Kultur Wil hat sich die Umnutzung der Liegenschaft zum Turm als Begegnungs-, Musikschul- und Kulturzentrum auf die Fahne geschrieben. 


Ehemaliges Fischgewässer 

Sebastian Koller präsidiert nicht nur die IG Kultur Wil, er steht zudem auch der IG Weierwisen vor. Ihr Anliegen ist die Wiederanlegung des einstigen Gewässers auf der Oberen Weierwiese. 

Der heute noch bestehende Stadtweier wurde mutmasslich von der Wiler Bürgerschaft als Löschwasserspeicher initiiert. Den zweiten gab der damalige Fürstabt Ulrich Rösch um 1470 in Auftrag. Er sollte die Stadt mit Fischen für die Fastentage versorgen. 

Mit der Auflösung des einstigen St. Galler Klosterstaates um 1800 erlosch auch die Pflege des Weihers zwischen Rossrüti und Wil. Er verlandete, schliesslich wurde das sumpfige Areal drainiert. Heute wird es für Pferdesport, von der Landwirtschaft sowie von Hundehalten genutzt.

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Die IG Weierwisen möchte diesen Stadtbereich in ein Feuchtgebiet umwandeln.  

Vorteil für das Stadtklima

Diese Naturzone im Stadtzentrum erweise sich als Glückfall, sagt Sebastian Koller. «Als Folge der Klimawandels heizen sich die Innenstädte auf, die Grünzonen tragen zur Kühlung bei.» Ob dieser zweite Weiher real wird, wird  voraussichtlich mittelfristig vom Stadtparlament sowie von den Stimmberechtigten entschieden.

Allianzen bilden

Es fällt auf, dass im Vorstand der IG Weierwisen sowie der IG Kultur Wil Mitglieder aus sehr unterschiedlichen Parteien sitzen. Auf Nachfrage von hallowil meint der Grüne prowil-Stadtparlamentarier Sebastian Koller dazu: «Um in Wil ein Grossprojekt politisch zum Erfolg zu führen, muss man 3 bis 4 Parteien als Verbündete gewinnen.» Netzwerkarbeit sei für die Verwirklichung von politischen Anliegen sehr wichtig. «Um ein Projekt voranzutreiben, muss man die Idee in verschiedene Kanäle einspeisen», weiss der Tierarzt und Jurist aus Erfahrung.

Gelegentlich werde eine Idee anfangs belächelt und als illusorisch taxiert. «Es braucht eine Phase der Überzeugungsarbeit und der Suchens nach Kompromissen.» Durch diesen Entwicklungsprozess entsteht eine Vorlage, die erhöhte Chancen auf Zustimmung im Stadtparlament und gegebenenfalls vor dem Stimmvolk findet.