Wie der Hase läuft, wo er früher dem Fuchs Gute Nacht gesagt hat und jetzt Gewerbezone und Wohnblöcke stehen, muss man Sina nicht erklären. Warum sie der Veranstalter bei der Ankunft in Oberuzwil im Opel als «Sinas Sekretärin» begrüsst ebenso wenig wie die Panne zu Beginn des Konzerts, als die ganze Band nichts hört auf den In-Ear-Monitoren . Und schon gar nicht den Wald-und-Wiesen-Fotografen, der sie zu oft von unten fotografiert und den sie für ein akkurates Bild erst auf die Bühne bitten muss. Sina, deren aktuelles Album «Emma», wie die meisten ihrer bisherigen Alben, auf Platz eins der Schweizer Hitparade eingestiegen ist, kennt sowas.

Eine Jugend in den Oberwalliser Bergen. Katholische Messen, Chorgesang. Erster Erfolg an einem Schlagerfestival im Oberwallis, Sängerin der Oberwalliser Progressive-Rock-Band Clear Darkness. Dann wieder Schlager, als Sina Campbell, diesmal nicht mehr nur im Oberwallis, jedoch noch immer mit überschaubarem Erfolg. Aber seither: Hauptrollen in grossen Musicals, Ausflüge in den Jazz, Kollaboration mit einer rumänischen Gypsy-Band, Projekte mit Orchester und Michael von der Heide. Und wieder und wieder Platz ins in der Hitparade. Zuletzt wurde sie als erste Frau mit dem Lebenswerkpreis der Swiss Music Awards ausgezeichnet. Sina hat sich die Provinz einverleibt, um sie zu überwinden.

Pfarrerssöhne und Töffli-Frauen

Auch in der Gegend kennt sie sich aus. Sie erzählt von ihrer alten Band, die aus Wilern und Kirchbergern bestanden habe, darunter der Bassist Jürg «Boots» Stiefel und der Keyboarder Daniel Kuhn, heute ihr Buchhalter. So ändern sich die Dinge. Keyboard gibt es in der aktuellen Besetzung keines auf der Bühne, was auch an den Songs des neuen Albums liegt. «Emma», benannt nach ihrer Grossmutter, ist ein Gitarrenalbum, aber weniger ein Rockalbum als ihre früheren Werke. Vielmehr spielen sich die Gitarristen Jean-Pierre von Dach und Gregor Heini darauf von Blues bis Country einmal quer durch die amerikanische Musikgeschichte.

Die grossen Themen dieser Stile, nebst der Liebe vor allem die Zerrissenheit zwischen Ortsverbundenheit und Ausbruch, verpflanzt sie in die Schweiz, die sie in poetischen Alltagsgeschichten mal als ganze, mal an einem Ausschnitt der Walliser Berge porträtiert. Die katholische Kirche, Pfarrer und Pfarrerssöhne, spielen immer wieder eine Rolle genau wie Frauen, die sich ihren Weg durch das Leben auf dem Land bahnen. Etwa die Frau, die auf einem Puch die Dorfstrasse zu ihrer «Route 66» macht. Oder, die, die in «Gitarru Ma» in der Dorfbeiz einen abgehalfterten Gitarrenhelden erst demontiert und dann abschleppt.

Gott und Teufel

Genauso männerdominiert wie die Position hinter der Leadgitarre ist im Pop die des grossen Geschichtenerzählers. In und zwischen ihren Songs ist Sina heute mehr denn je auch Erzählerin. So auch, als sie in Oberuzwil die Provinz mal wieder einmal einholt und sie die technische Pause einfach wegerzählt, mit Witzigem von früher und Sprüchen über ihr Alter und dasjenige des Publikums. Immer wieder lässt sie dabei den Blick über die mit Spanplatten verkleideten Wände und die etwas zu niedere Empore der «Alten Gerbi» schweifen. Fast nimmt man ihr ab, dass sie in diesem Moment etwas wie Nostalgie empfindet.

Oberuzwil, weder Stadt noch Dorf, die «Alte Gerbi» mit dem Charme irgendwo zwischen Berliner Technokeller und Pfadiheim: Das war atmosphärisch ein guter Rahmen für Sina, die auch in Zwischenwelten zuhause ist. Ihr breites Walliserisch pendelt ja in der Wahrnehmung der Unterländer irgendwo zwischen Glamour und Hinterwäldlerischem. Und ihr dick mit Country und Blues bestrichener Pop kommt irgendwo zwischen Radio SRF 1 und SRF 3 zu liegen. Viele von Sinas Liedern, besonders ihre Liebeslieder, haben eine dunkle Seite. Man weiss nicht genau, ob es ein Bett oder ein Gemeinschaftsgrab ist, in das sich da gelegt wird. Zum Abschied sagt sie: «Heid Gott vor Öigu und dr Tifel under de Tschoogge. Bis irgendwenn.»