Frau Keller, Ende Februar ist Ihr neues Buch erschienen, was ist dessen Inhalt?

Mein Roman «Was wir scheinen» erzählt vom packenden Leben und Denken einer ziemlich kompromisslosen Wahrheitssucherin. Die Hauptfigur meines Romans ist Hannah Arendt. Sie hat sich weit hinausgewagt, auch in den Mythos des Bösen. Sie hinterfragte öffentlich die vermeintliche «Grösse» des Bösen, in ihrem Fall der Nazi-Verbrecher – und sie hat den Preis dafür bezahlt. Dieser Spur, zu der es nur Indizien und Halbwahrheiten gibt, gehe ich im Roman nach. Als Erzählerin bewege ich mich auf Augenhöhe mit der Figur, nicht über ihren Kopf hinweg. So können die Leserinnen und Leser mit Hannah Arendt in die Ferien und durch ihr Leben reisen. Ausgangspunkt ist der Sommer 1975 im Tessiner Dorf Tegna.

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Hildegard Elisabeth Keller tauchte in Romanform in das Leben der jüdischen Philosophin Hannah Arendt ein. Diese verarbeitete ihre Erfahrungen beim Prozess gegen den Nazi-Massenmörder Adolf Eichmann in einem Buch . 

Was brachte Sie auf das Thema?

Mindestens zwei Leidenschaften: In der Sache war es diese ganz besondere Frauenbiografie, ihr Platz in Geschichte und Gegenwart und die grosse, zeitlose Frage, unter welchen Umständen das, was ein Einzelner in die Welt bringt, von der Öffentlichkeit als gültig, relevant, wahr angenommen werden kann. Im Persönlichen waren es u.a. die zehn Jahre, die ich in den USA verbracht habe und als Mitglied einer kleinen «German community» in der Universitätsstadt Bloomington in Indiana erlebt habe. Vieles verbindet mich mit den Figuren des Romans.

Gibt es Pläne für weitere Bücher?

Oh ja. Dieses Jahr erscheinen auch die Bücher von und zu Alfonsina Storni, einer Tessinerin, die in Argentinien ihren Weg als unabhängige Frau und Künstlerin machte. Die vierbändige Werkausgabe, die ich übersetzt habe, und meine Biografie zu Alfonsina kommen in der Edition Maulhelden heraus, die nächsten zwei Bücher im Juni, die letzten zwei im Oktober 2021. Auch Alfonsina war eine mutige Frau, die sich unter schwierigen Umständen einen Namen gemacht und uns ihr grossartiges Werk hinterlassen hat.

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Hildegard Elisabeth Keller übersetzte die Schriften der Tessiner Künstlerin Alfonsina Storni, die in Argentinien ihren Weg machte. Zusätzlich erscheint eine Biografie. 


Und andere Projekte?

Ich gebe Schreib- und Kreativ-Coaching und freue mich auf die Wiler Pre-Preview meines zweiten Dokumentarfilms. Schon den ersten Film konnten wir im Cinewil zeigen, das war toll. Der neue Film erzählt von einem Haus in der Altstadt von Zürich, seiner Geschichte und seinen Bewohnern.

Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an Wil denken?

Die Landschaft meiner Kindheit. Ich denke ans Alleeschulhaus, wo ich mich an einen der ersten Auftritte von Paola erinnere. An meinen Erstklasslehrer, den lieben alten Herrn Anderes, der sich gern ans Fenster stellte, zu den Kastanienbäumen hinüberschaut und getrockete Feigen ass. Mit ihm erlebte ich, was es heisst, träumerisch in die Welt zu blicken. Dann erinnere ich mich, wie unsere Klasse in der Thurau singen musste, als ein Bundesrat mit einer riesigen Schere das Autobahnteilstück einweihte, 1968 oder so? Und unvergesslich Fräulein Schällibaum mit ihrer Handorgel. Mit ihr machten wir tolle Klassenausflüge zu den Bauern in der Umgebung, wo wir Mostobst auflasen und zu essen bekamen. Mir gefiel auch die Wiler Tradition der Fastnachtsteufel, die mit riesigen Saublatern schreiend aus dem Hof herausstürmten. Ich wäre gern mitgerannt, aber die Wiler Teufel waren männlich.

In welchem Quartier sind Sie aufgewachsen?

An der Pestalozzi- und der Bronschhoferstrasse. Der Rossstall beim Kreuzacker gehörte zu meinem Revier, aber auch der Gutsbetrieb der Psychiatrischen Klinik, wo damals noch Kühe und Pferde in den Ställen standen. Ich erinnere mich gut an die Bauernhöfe am Hofberg, die Wälder und Wiesen, das Unverbaute.

Was verbindet Sie heute noch mit Wil?

Kürzlich bewilligte die Friedhofsverwaltung die Grabmal-Skizze für unsere Mutter, Anny Keller. Ich habe das Motiv gezeichnet, jetzt setzt es ein Holzbildhauer um und im Frühsommer kommt das Grabmal auf den Friedhof Wil. Es passt zu unserer Mutter, sie war gesellig und liebte es, wenn viele Menschen an ihrem Tisch sassen und assen.

https://www.alfonsinastorni.ch/

Gut zu wissen:

Die 1960 geborene Hildegard Elisabeth Keller studierte Germanistik, Hispanik und Soziologie. Sie arbeitet heute an Professorin für Literatur an der Universität Zürich. Zuvor lehrte sie an der Indiana University in Bloomington in den USA. 

In der Schweiz wurde sie vor allem als regelmässige Teilnehmerin des Literaturclub des Schweizer Fernsehens bekannt. Sie war auch Jurymitglied beim Ingeborg Bachmann-Preis in Klagenfurt. 

Im Weiteren arbeitet sie als Schriftstellerin, Verlegerin, Übersetzerin, Dokumentarfilmerin, Literaturkritikern, thematische Stadtführerin, sie bietet Literaturvermittlung in Verbindung mit Kulinarik an und produziert multimediale Erzählformen. 2017 bekam sie von der Kulturkommission der Stadt Wil einen Atelieraufenthalt zugesprochen.