Für viele ist die Arbeit eines Polizisten ein Traumberuf, der aber auch mit hoher psychischer Belastung verbunden ist. Wie beispielsweise für die Einsatzkräfte, die am Sonntag und Montag nach den beiden vermissten Personen im Felsegg-Wasserfall bei Henau gesucht haben. Belastend war das für die Rettungskräfte nicht zuletzt auch, weil sie am Schluss einen 30-jährigen Polizei-Kollegen und seine 26-jährige Partnerin tot bergen mussten. Bei solchen Einsätzen gibt es laut Hanspeter Krüsi, Leiter Kommunikation der Kantonspolizei St. Gallen, zwei grosse Herausforderungen: «Einerseits spielt das Fachliche eine grosse Rolle, denn die Einsatzkräfte müssen das Ereignis bewältigen – also schnellstmöglich eine Lösung für das Problem finden.» Andererseits – und speziell im Fall der Bergungsarbeit beim Felsegg-Wasserfall – ist auch die emotionale Belastung bedeutend. «Natürlich stösst man im Polizeiberuf immer wieder an Grenzen des menschlich Erträglichen», sagt der Polizeisprecher. Aber wegen der Professionalität sei es entscheidend, dass die Rettungskräfte ihre Emotionen im Griff haben. «Bei solchen Einsätzen ist es so wichtig, dass die Rettungskräfte ihre Emotionen in jeden Augenblick kontrollieren können», so Krüsi.

Doch aber wie bewältigen Polizisten die Situation, wenn sie einen Kollegen tot auffinden? «Hier ist die Kommunikation das A und O», erklärt Polizeisprecher Krüsi. So habe die St. Galler Kapo «einen starken Korpsgeist». Während der ganzen Suchaktion in Henau habe man viel miteinander geredet und die Führungskräfte der einzelnen Abteilungen hätten immer ein Auge auf die einzelnen Mitarbeiter geworfen. «Wir bieten unseren Mitarbeitern zudem verschiedenste Hilfsangebote an», erklärt Krüsi weiter. Was in der Zeit von Sonntag bis Montag in Henau besonders zum Einsatz gekommen ist: die sogenannten Peers. Bei der Kantonspolizei seien das im psychologischen Bereich niederschwellig ausgebildete Polizisten, die aus den unterschiedlichsten Abteilungen aus allen Regionen des Kantons kommen. «Diese Peers kommen bei solchen aussergewöhnlichen Grosseinsätzen zum Zug und haben dabei ein besonderes Augenmerk auf ihre Kolleginnen und Kollegen», erklärt Krüsi. Bei den Peers handle es sich um erfahrene Polizisten, die so einige Krisensituationen in ihrem Berufsalltag erlebt hätten. Nach Angaben von Krüsi ist es bedeutend und hilfreich, wenn sich die Polizisten mit Gleichgesinnten austauschen können. «Beim Rettungseinsatz am Felsegg-Wasserfall mussten sich die Mitarbeiter bei ihren Vorgesetzen an- und abmelden», erklärt Krüsi, «so konnte man jeden einzelnen Polizisten fragen, wie es ihm geht und wie er beispielsweise in der Nacht von Sonntag auf Montag geschlafen hatte.» Neben dem Peer-Angebot können sich Polizisten bei Bedarf nach solchen Einsätzen auch bei der Kapo professionelle psychologische Hilfe holen. «Die Kosten für solche Beratungen werden auch von der Kapo getragen», betont Polizeisprecher Krüsi.

Aufklärung für die Angehörigen steht im Fokus

Trotz der psychischen Belastung bei solchen Vorfällen steht die fachliche Arbeit im Vordergrund. «Gerade wegen den Angehörigen der Opfer», betont Krüsi. Es liege nun einmal in der Verantwortung der Einsatzkräfte so schnell wie möglich eine Lösung, um vor allem Gewissheit zu schaffen. «In Vermissten-Fällen ist es ein enormer Druck für die Angehörigen, wenn sie davon ausgehen können, dass ein Mensch tot ist», erklärt Krüsi, «aber noch keine Person gefunden wurde.»

Bei Einsätzen wie dem beim Felsegg-Wasserfall in Henau kommen Einsätzkräfte nicht nur psychisch an ihre Grenzen, sondern auch körperlich. Und das ist nach Angaben von Krüsi ziemlich individuell. Während einzelne Personen nur drei Stunden Schlaf brauchen, ist bei anderen für die Erholung mehr Zeit nötig. «Aber ich staune immer wieder, wie viel Energie und Durchhaltevermögen unsere Polizisten bei solchen Einsätzen zeigen», erzählt Krüsi. Hier beklage sich kaum jemand über Schlafmangel oder Erschöpfung. «Vor allem die Spezialisten und auch die Führungspersonen, die rund um die Uhr im Einsatz sind, müssen wir achten, dass sie auch zu ihren Ruhephasen kommen.»

Polizisten werden auf Belastbarkeit getestet

Von Kindesmissbrauch über Mord bis hin zur Bergung von Leichen – dass dieser Beruf auch an gewisse menschliche Grenzen stösst, wird den angehenden Polizisten bereits in der Polizeischule vermittelt. «Bevor jemand bei der Kapo angestellt wird und die Polizeiausbildung absolviert, wird er selbstverständlich auf seine Belastbarkeit getestet», sagt Krüsi. Aber wie oft stossen Polizisten an solche Einsätze? «Das kann man pauschal nicht sagen», meint Krüsi. Aber Spezialisten aus bestimmten Abteilungen und dienstältere Führungskräfte kommen eher öfters zu solchen Einsätze. «Mit der Erfahrung lernt man, mit solchen Einsätzen und Erlebnissen professionell umzugehen», weiss Krüsi.

Besonders wichtig ist für Polizisten, dass sie nach solchen Einsätzen psychisch gesund bleiben. Hier rät die Kapo St. Gallen ihren Mitarbeitern einen gesunden Ausgleich in der Freizeit zu finden. «Man braucht einen Anker an dem man sich festhalten und Energie auftanken kann», sagt Krüsi. Das sei vor allem das Umfeld der Polizisten wie beispielsweise die Familie, die Partnerschaft, Eltern und auch Freunde. «Wir raten unseren Mitarbeitern auch ein Reservoir zu haben, das nichts mit dem Polizeialltag zu tun hat», so Krüsi. Hobbys wie Sport, Musik, Vereinsmitgliedschaft oder auch Kunst seien ein guter Ausgleich.